Das Büro prosa Architektur und Stadtplanung hat 15 Jahre Erfahrung im Schulbau. In dieser Zeit haben sich viele Erwartungen und Rahmenbedingungen geändert und entwickelt. Auch das, was als nachhaltig gilt, wird heute anders als vor 15 Jahren gesehen. Ein Erfahrungsbericht.
Nachhaltigkeit im Bauwesen ist kein Ziel mit Endpunkt – sie ist ein laufender Lernprozess. Für uns als Planungsbüro begann dieser Weg vor über 15 Jahren mit einem einfachen, aber ambitionierten Anspruch: öffentliche Gebäude möglichst ressourcenschonend zu planen und zu realisieren. Heute, mit einer Reihe an Schulbauprojekten im Gepäck, lässt sich sagen: Vieles hat sich verändert – nicht nur im Hinblick auf Materialien oder Technik, sondern auch in der Haltung von Bauherr:innen, Planer:innen und Nutzer:innen. Der Holzbau steht exemplarisch für diesen Wandel.
Ein Blick zurück zeigt, wie sich unser Umgang mit Energie, Materialität und Technik im Schulbau entwickelt hat – und wie jedes Projekt dazu beitrug, mutiger, präziser und überzeugter in Richtung Nachhaltigkeit zu planen.
2010 – Fokus auf Betriebsenergie: Passivhaus als Effizienzmodell
Der Startpunkt: ein neues Schulgebäude als Erweiterungsbau einer Gesamtschule in Groß-Gerau. Der Landkreis Groß-Gerau war früh Vorreiter in Sachen Energieeffizienz. Mit dem politischen Beschluss, alle neuen öffentlichen Gebäude im Passivhausstandard zu errichten, war der Anspruch formuliert – und die Herausforderung groß. Für uns bedeutete das einePlanung, die sich auf minimale Wärmeverluste, maximale Dichtigkeit und eine durchdachte Lüftung mit Wärmerückgewinnung konzentriert
Technisch funktioniert das umgesetzte System gut: Auch an heißen Sommertagen bleibt das Gebäude durch Nachtauskühlung über motorisch gesteuerte Fenster angenehm nutzbar. Im Winter überzeugt die Energieeffizienz mit minimalem Wärmeverbrauch. Doch in der Praxis zeigt sich: Die vielen Fensterantriebe sind mit einem hohen Wartungsaufwand verbunden – und damit langfristig eine Herausforderung für den Betrieb.
Konstruktiv besteht das Gebäude fast vollständig aus Stahlbeton – damals üblich, heute aus Klimasicht problematisch. Die Betonmassen helfen zwar als thermische Speichermasse und unterstützen einen robusten Gebäudebetrieb mit geringen Temperaturschwankungen. Aber sie hinterlassen einen großen ökologischen Fußabdruck. Die graue Energie war zu diesem Zeitpunkt noch kein großes Thema – aber das sollte sich bald ändern.
2015 – Hybride Konstruktion: Ein erster Schritt Richtung Materialmix
Fünf Jahre später stand der Neubau der Markwaldschule im Kreis Offenbach an – diesmal unter anderen Vorzeichen. Der Rückbau eines nicht sanierungsfähigen Altbaus rückte das Thema graue Energie stärker in den Fokus. Die Frage war nun nicht nur: Wie effizient ist der Betrieb? Sondern auch: Wie ressourcenschonend kann der Neubau errichtet werden?
Unsere Antwort war eine hybride Bauweise: das Tragwerk aus Stahlbeton, die Wände in Holzrahmenbauweise. Die Idee: das Beste aus beiden Welten verbinden – robuste Statik, gute thermische Hülle, weniger Beton. Auch brandschutztechnisch ergaben sich dadurch Vorteile, denn das Gebäude blieb konstruktiv ein Massivbau.
Doch die Realität der Planung war komplexer: Was als leichtes Skelettsystem begann, entwickelte sich durch statische Anforderungen schnell in Richtung eines klassischen Massivbaus. Stützen wurden zu tragenden Wänden, der Holzanteil sank. Hinzu kam der Wunsch des Bauherrn, die Nachtauskühlung mechanisch und nicht natürlich auszuführen – was zu aufwendigeren technischen Systemen führte. Trotz allem konnte der Einsatz CO₂-intensiver Materialien signifikant reduziert werden. Es war ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu mehr Holz.
Markwaldschule im Offenbacher Stadtteil Mühlheim. Ansicht von Norden und Innenraum im EG. (Fotos: Rahel Welsen)
2020 – Holzbau+ als Haltung
Mit der Grundschule Raunheim gelang dann der konsequente Schritt hin zu einem Gebäude, das konstruktiv nahezu vollständig aus Holz besteht. Bereits in der frühen Planung setzten wir auf ein erfahrenes Planungsteam, dass Expertise im Holzbau und in der Planung von Passivhäusern hatte. Alle Fachdisziplinen, von der Architektur über die Tragwerksplanung bis zur Haustechnik, zogen an einem Strang. Und auch der Bauherr zeigte sich für neue Wege offen – ein entscheidender Faktor!
Das Ergebnis: Alle tragenden Bauteile, inklusive der Geschossdecken, sind in Brettsperrholz gefertigt. Stahlbeton kam nur punktuell zum Einsatz – in den Kernen für Entfluchtung und Aussteifung. Planerisch sicher ein Mehraufwand, denn Anforderungen an Brand- und Schallschutz sind im Holzbau deutlich anspruchsvoller. Aufgrund der Nähe zur Einflugschneise des Frankfurter Flughafens musste konsequent mit maschineller Lüftung während der Betriebszeiten geplant werden. Nachts ist eine natürliche (manuell bedienbare) Nachtlüftung dennoch möglich.
Doch der Lohn war ein Gebäude mit herausragender Atmosphäre und Bilanz: Der natürliche Werkstoff Holz prägt das Raumklima sichtbar und spürbar. Und im Vergleich zu einem konventionellen Massivbau wurden rund 2.500 Tonnen CO₂ bei der Erstellung eingespart.
Dies war für uns ein Wendepunkt – und die Bestätigung, dass ambitionierter Holzbau im Schulbereich möglich und sinnvoll ist.
2022 – Noch mehr Holz, noch weniger Technik
In Weiterstadt setzten wir diese Entwicklung fort. Der Neubau einer Grundschule wurde erneut auf Grundlage unserer gesammelten Erfahrungen geplant – und in Sachen Nachhaltigkeit nochmals optimiert. Aufgabe war hier, zwei Bestandsgebäude grundlegend zu sanieren und ein Unterrichtsgebäudes neu zu bauen.
Wir verfolgten dabei das Ziel, sowohl die Betriebsenergie als auch die Erstellungsenergie gegenüber unseren bisherigen Projekten zu minimieren. Das Gebäude erreicht den Passivhaus-Plus-Standard und kann seinen Energiebedarf weitgehend selbst regenerativ decken. Der Holzanteil wurde erneut gesteigert. Nur noch die Bodenplatte und der Aufzugskern bestehen aus Stahlbeton – die restliche Konstruktion ist in Holz umgesetzt. In das Dach integrierte PV-Elemente erzeugen einen großen Anteil der benötigten Betriebsenergie, als integraler Bestandteil der Architektur, nicht als später ergänzte Elemente.
Ein entscheidendes Detail: Die Entfluchtung wurde in Form eines Laubengangs nach außen verlagert. Dadurch konnten zusätzliche massive Bauteile eingespart und der hohe Holzanteil umgesetzt werden. Es ist ein Beispiel dafür, wie Entwurfsentscheidungen zugleich technikreduzierend und ressourcenschonend wirken können.
Perspektive und Visualisierung der Astrid-Lindgren-Schule, Weiterstadt Braunshardt. Fertigstellung 2025
2025 – Neue Werkzeuge, mehr Überzeugungskraft
Derzeit planen wir den Neubau einer Grundschule im Ludwigshöhviertel in Darmstadt – ein neuer Stadtteil auf einer Konversionsfläche. Hier verfolgt die Stadt hohe städtebauliche und ökologische Ambitionen. Dafür formulierte sie präzise Nachhaltigkeitsziele, doch die örtlichen Bedingungen – leichte Hanglage, vier Geschosse, enge Grundstücksverhältnisse – stellten zunächst die Machbarkeit eines Holzbaus in Frage.
Frühzeitig wurde ein auf KlimaDesign spezialisiertes Büro eingebunden. Über Simulationen konnten verschiedene Bauweisen, technische Systeme und Konzepte vor allem für den sommerlichen Wärmeschutz geprüft und miteinander verglichen werden. Parallel entwickelten wir ein eigenes Tool: den „LCA-Quick-Check“, ein Instrument zur schnellen Bewertung der Lebenszyklusbilanzen unterschiedlicher Bauweisen in sehr frühen Planungsphasen.
Dieser frühe Blick auf die Auswirkungen verschiedener Konstruktionsentscheidungen brachte uns Klarheit – und half, bereits in Leistungsphase 2 den Weg für eine nachhaltige Lösung zu ebnen. Die Planung sieht nun ein massives Erdgeschoss und drei darüberliegende, leichte Holzgeschosse vor. Die Gebäudetechnik wird über eine Kombination aus zentralen und dezentralen Systemen Leitungswege kürzen und so den Ressourceneinsatz reduzieren. Der Einsatz von schweren Lehmwänden bringt die nötige thermische Speichermasse ins Gebäude, um den sommerlichen Wärmeschutz auch ohne aktive Kühlung zu gewährleisten. Dies wird in den nächsten Planungsschritten weiter untersucht werden.
So gelingt ein klimagerechter, wirtschaftlicher und funktional überzeugender Bau – bei hoher städtebaulicher Komplexität.
Der LCA-Quick-Check dient der schnellen Bewertung der Lebenszyklusbilanzen unterschiedlicher Bauweisen in sehr frühen Planungsphasen.
Ein Fazit
Holzbau wird zur neuen Normalität – mit Herausforderungen. Der Schulbau hat sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten grundlegend verändert – nicht nur technisch, sondern auch kulturell. Was 2010 noch als Pionierleistung galt, ist heute vielfach Standard. Der Holzbau hat sich etabliert – nicht als Dogma, sondern als leistungsfähige und wandelbare Option, auch und gerade im öffentlichen Bau.
Die Fortschreibung der Musterholzbaurichtlinie hat diesen Weg unterstützt – auch wenn die Anforderungen an die Konstruktion und an einzelne Bauteile nicht einfacher werden. Der gesellschaftliche und politische Druck hin zu nachhaltigen Lösungen wächst, auch wenn aktuell hier leider von der öffentlichen Hand eine gewisse Zurückhaltung spürbar ist. Gleichzeitig steigen aber auch die Anforderungen an Komfort, Energieeffizienz und Alltagstauglichkeit – besonders mit Blick auf den sommerlichen Wärmeschutz und die zunehmende Ganztagsnutzung von Schulgebäuden.
Wir sind also nicht am Ziel, sondern mitten in einer Entwicklung. Mit jedem Projekt lernen wir dazu, entwickeln neue Werkzeuge, bauen Netzwerke auf – und leisten Überzeugungsarbeit. Wir sagen: Der öffentliche Holzbau ist kein Trend, sondern eine der Antworten auf zentrale Fragen unserer Zeit. Und er verdient es, mit jedem Gebäude ein Stück weitergedacht zu werden.















