Im Februar 2026 wurden in Niederseelbach im hessischen Taunus zwei Wohngruppenhäuser für bis zu 16 Kinder und Jugendliche in Betrieb genommen. Hier leben Kinder unterschiedlichen Alters mit pädagogischen Fachkräften zusammen. Das Ensemble, das der Verein SOS-Kinderdorf hier errichten ließ, ersetzt ein baufälliges Bestandsgebäude, schafft ein neues dauerhaftes, familiäres Zuhause für die bestehende Wohngruppe und bietet darüber hinaus Platz für eine neue Gruppe sowie ein Verselbstständigungsappartment.
Der Auftraggebende ist der deutsche Ableger des weltweit tätigen Vereins, er betreibt in Deutschland 28 Kinderdörfer – weltweit sind es mehr als 550. Das Projekt in Niederseelbach hat prosa Architektur + Stadtplanung gemeinsam mit SOS-Kinderdorf e.V. entwickelt und alle Planungsleistungen bis zu Fertigstellung übernommen. Dabei war es allen Beteiligten wichtig, die sozialen Aspekte und Anforderungen der Auftraggebenden in das gebaute Projekt zu übertragen. Und das in allen Maßstäben: vom Städtebau bis zum privaten Zimmer.
Nutzung und Gemeinschaft
Das Ensemble besteht aus zwei dreigeschossigen Baukörpern, die über einen Steg mit Außentreppe miteinander verbunden sind. Der Zugang erfolgt über die Hofzufahrt von der Oberstraße. Der straßenseitige Baukörper folgt der Typologie der Nachbarbebauung und ordnet sich in die bestehende Struktur ein. Der gartenseitige Baukörper ist gegenüber dem Haus an der Straße um etwa 15 Grad gedreht, reagiert damit auf den Hang und öffnet sich nach Süden. Im Maßstab des Dorfes vermittelt das Ensemble zwischen Rückzug und Teilhabe: Die Häuser fügen sich in das Ortsbild ein und öffnen sich zugleich zum Garten und zur Nachbarschaft. So wird der Zwischenraum zwischen Innen und Außen, Haus und Dorf, Betreuung und Selbstständigkeit zum tragenden Prinzip eines alltagstauglichen, inklusiven Zuhauses.
Die beiden Wohngeschosse liegen jeweils über einem gemeinschaftlich genutzten Erdgeschoss. Der Zwischenraum wird zum sozialen Motor: Zwischen zwei Häusern entsteht über Hof und Steg ein geschützter Begegnungsbereich, der Nähe ermöglicht, ohne Privatheit aufzugeben. Der Steg verbindet die Wohnebenen und macht aus der Erschließung einen Ort der Begegnung, sei es der der bewussten oder auch der zufälligen – ein „Dazwischen“, das Gemeinschaft stiftet und Orientierung gibt. Im geschützten, im Sommer schattigen Hof als gemeinschaftlichem Aufenthaltsraum treffen alle Bewohner*innen Wohngruppen-übergreifend zusammen. Westlich ergänzen Gartenbereiche mit Spiel- und Rückzugszonen die gemeinschaftliche Nutzung. Barrierefreie Zugänge, ein Aufzug und rollstuhlgerechte Bereiche ermöglichen gleichberechtigte Nutzung. Die Integration in die Dorfgemeinschaft und Kooperationen mit Vereinen stärken Teilhabe und Akzeptanz.
Konstruktion und Materialität
Die Satteldächer übernehmen die Morphologie der umliegenden Gebäude, Trauf- und Firsthöhen orientieren sich an der Umgebung. Materialien aus dem Altbestand (unter anderem Scheunenbauteile) werden als Mauern und Beeteinfassungen im Außenraum wiederverwendet. Versickerungsfähige Beläge und Begrünung fördern Mikroklima und Regenwasserrückhaltung.
Der Sockel ist in einem hellen Klinker ausgeführt, der in den Hofbereich leitet. Robuste, langlebige Materialien und präzise, unkomplizierte Details unterstützen die Alltagstauglichkeit und sorgen für geringe Folgekosten. Die Wohngeschosse ab dem ersten Obergeschoss sind holzverschalt und geben einen Hinweis auf das Innere, denn auch dort prägen Holzoberflächen und helle Räume eine warme, wohnliche Atmosphäre. Die aus Brettsperrholz gefertigte Tragkonstruktion wurde größtenteils sichtbar belassen.
Der Holzmassivbau wurde vorgefertigt und auf ein massives Erdgeschoss, einer Stahlbetonkonstruktion aufgesetzt, die in den Hang integriert wurde. Auch hier sind viele Teile sichtbar im Rohbau belassen und prägen die technischen Bereiche. Die verschiedenen Konstruktionsweisen aus Holz und Beton werden durch einheitliche Metallbauteile in einheitlicher Farbe und Formensprache miteinander verbunden.
Energie und Klimaschutz
Bauherrschaft und Architekt:innen nehmen ihre Verantwortung gegenüber der Umwelt ernst und haben das Gebäude auf minimierte Verbrauchsressourcen ausgelegt. Hochgedämmte Holzfassaden, natürliche Dämmstoffe und eine luftdichte Bauweise minimieren Wärmeverluste. Textiler Sonnenschutz unterstützt den sommerlichen Wärmeschutz. Baustoffe sind größtenteils reversibel konstruiert: sie lassen sich in Zukunft gut wieder voneinander lösen und getrennt weiter verwenden. Beispielhaft dafür ist zum Beispiel der Fußbodenaufbau mit integrierter Heizung, der ohne den üblichen Estrichverbund auskommt. Die nötige Betriebsenergie wird komplett regenerativ erzeugt: PV-Anlagen auf den Süddächern nutzen die Dachausrichtung zur Eigenstromerzeugung, ein Grabenkollektor nutz geothermische Energie zur Wärmeerzeugung. Das Regenwasser wird in einer Zisterne gesammelt und zur Gartenbewässerung genutzt. Der hohe Vorfertigungsgrad reduziert baustellenbedingte Belastungen im Ort. Der Baustoff Holz als Kohlenstoffspeicher reduziert CO2-Emissionen und trägt damit zu einem verantwortungsvollen Bauen bei.
















