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Er hat es schon wieder getan. Wolfgang Bachmann – Autor vieler Beiträge bei Marlowes – hat schon wieder einen Roman geschrieben. Er schreibt nicht nur Romane, auch Sammlungen von Glossen und anderes, jedenfalls nicht wenig. Und jetzt Fetzer. Ein Krimi. Mit finsteren Baugeschichten aus der Pfalz.


Mir fällt auf, dass es gerade im Kreis der reifer werdenden Generation der Architekturkritiker und sich mit Architektur beschäftigenden Kunsthistoriker so einige gibt, die nach mehr oder weniger abgeschlossener Berufskarriere als Architekturkritiker oder auch so nebenbei zu Romanautoren werden. Mal sind es deutlich biographisch angelegte Erzeugnisse, mal lockt offenbar der Versuch, echte Krimis zu schreiben. Seit einiger Zeit machen sich die sogenannten Regionalkrimis breit, die je nach Wahl des Autors/der Autorin in bestimmten deutschen Gegenden und Landschaften spielen. Aber dann bitte in Serie. Hat einer einmal sich auf die ost- oder nordfriesischen Inseln kapriziert, dann bleibt er dabei bis das letzte Sandkorn am Strand gezählt ist. St. Pauli kommt natürlich auch in Frage oder die Speicherstadt in Hamburg. Oder denken wir an Jürgen Tietz, der sich Sylter (Bauwirtschafts-)Sümpfe vorgenommen hat…

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Bild: Christian Holl

Wolfgang Bachmann hat sich für die Pfalz entschieden, er kennt sich da aus. Zwischen Ludwigshafen und Mannheim und bis nach Karlsruhe und Kaiserslautern kommt schon eine Menge Lokalkolorit zusammen, Deidesheim und Oggersheim dürfen auch nicht fehlen. Ebenso wenig der Saumagen und der gute Pfälzer Wein.
Fetzer – so heißt die Hauptfigur oder besser eine der Hauptfiguren. Im Untertitel erfahren wir, dass es sich um einen Architekturkrimi handelt. Ob das nun die Idee des Autors oder des Verlages war, sei mal dahingestellt. Ich komme später darauf zurück. Fetzer, der auf den immerhin 440 Seiten von Anfang bis Ende dabei ist, hat jedenfalls mit Architektur nichts zu tun. Fetzer ist ein Kleinganove, von Beruf Hilfsarbeiter mit Führerschein als dem einzigen vorzeigbaren amtlichen Abschlusszeugnis. Das hindert ihn nicht daran, sich für einen äußerst talentierten Gangster zu halten. Zunächst versucht er es mit Erpressung, das geht aber irgendwie schief. Er braucht aber Geld, und mit seinem Kumpel Winnetou (sic!) zieht er ein paar kleinere Banküberfälle durch. Da kommt bei einer Dorfsparkasse nicht so sehr viel zusammen. Also muss jetzt größer gedacht werden. Mehr sei nicht verraten.

Nun aber die Architektur beziehungsweise das Bauen. Bachmann führt mehrere Handlungsstränge und Figurenkonstellationen parallel. Im Laufe des Romans kommt es zu Berührungen und Verwirbelungen, die der Leser nicht immer erwartet hat. Manches wirkt dabei etwas konstruiert und ausgedacht. Drehscheibe der Bauthematik ist ein mittelständisches Wohnungsunternehmen, gleichzeitig auch offenbar Projektentwickler und Baufirma, die wie üblich das meiste über Subunternehmen abwickelt, deren Arbeitskräfte in der Regel kein Deutsch sprechen und aus Südosteuropa stammen. So weit, so realistisch. Im Mittelpunkt steht der geschäftstüchtige Prokurist, mit ins Bild kommt auch die Hauptgesellschafterin, die den Betrieb geerbt und Kunstgeschichte studiert hat. Von den geschäftlichen Dingen versteht sie nichts und will auch gar nichts verstehen, solange der üppige monatliche Scheck kommt.

Man muss hier durchaus von einer Karikatur sprechen. Ins Spiel kommt auch ein jüngerer ambitionierten Architekt, Herr Bender, der für die Wohnungsbaufirma Entwürfe für einige Einfamilienhäuser geliefert hat, die der Prokurist aber dankend ablehnt. Sein Argument: Das Wichtigste ist Funktionalität. Er versteht darunter: Man muss die Publikumswünsche erfüllen, und die gehen nun mal nicht in Richtung unverputzte Sichtbetonwände und schlanke Stahlstützen. So kann natürlich keine Freundschaft entstehen. Im weiteren Verlauf kommt das Unternehmen auf die Idee, ein heruntergekommenes Areal am Rhein aufzukaufen und zu entwickeln. Dabei werden windige Methoden angewendet, und es wird nicht mit Samthandschuhen gearbeitet, wenn im Einzelfall keine Verkaufswilligkeit erkennbar ist. Das Ganze ist auf Pump finanziert, macht ja nichts, denn es zeichnen sich in der Zukunft gigantische Gewinne ab. Man kann sich denken, wie das am Ende ausgeht.
Architekt Bender will „gute“ Architektur machen und nicht die Wünsche des geschmacksverblödeten Durchschnittskäufers erfüllen, der nur stilistischen Kitsch und das in einer geradezu abenteuerlichen Mischung im Kopf hat. Was ist „gute“ Architektur? Der Begriff Moderne fällt nicht, aber ex negativo ist man schon nahe dran, denn das abschreckende Beispiel sind Toskanavillen mit vorgestellten Steinsäulen. Sowohl Herr Bender als auch der Käufer einer Toskanavilla geraten hier etwas zum Klischee. Peter Handkes frühes Theaterstück hieß bekanntlich Publikumsbeschimpfung. Ein bisschen liest sich das auch hier so. Der Prokurist des Wohnungsunternehmens erklärt seine Position mit folgenden Worten: Wir bauen nicht für das Architekturmuseum. Man könnte ergänzen: auch nicht für den Baumeister oder die Bauwelt, schon gar nicht für das Jahrbuch Architektur in Hamburg. Diese letztere Gefahr besteht sowieso nicht, wir befinden uns ja in der Pfalz. Aber natürlich ist an der Sache etwas dran. Vor über zwanzig Jahren haben wir anlässlich einer großen Architekturausstellung eine Besucherbefragung durchführen lassen. Ausgestellt waren 25 in Deutschland gebaute Projekte. Bei der Befragung wurde unterschieden zwischen „Laien“ und „Fachleuten“. Die Ergebnisse verhielten sich umgekehrt proportional. Was die „Fachleute“ auf Platz 1 setzten, landete bei den „Laien“ auf Platz 25.

Der Roman weist zumindest über weite Strecken eine geradezu parodistische Grundtönung auf. Keine Ahnung, ob das die Absicht des Autors war. Gerade bei der Schilderung des Zustandekommens von unerwarteten Paarbeziehungen gerät der Text hart an die Grenze eines Lore-Romans. Das muss Parodie sein. Ich stelle mir vor, dass sich der Autor beim Schreiben selbst häufig weggelacht hat. So ein hardboiled Krimi nach amerikanischem Vorbild ist das Buch ohnehin nicht. Klar, es wird gelegentlich auch geschossen, aber eigentlich aus Versehen und ohne Tote. Das macht aber überhaupt nichts, das Buch ist sehr unterhaltsam, sehr gut lesbar und in seiner Detailfreudigkeit und Bildhaftigkeit unbedingt zu empfehlen.