
Otto Wagner, Wettbewerbsprojekt für das Reichstagsgebäude in Berlin, Hauptfassade, 1882. Aus: Auswahl aus den Entwürfen zum deutschen Reichstagsgebäude 1882 (mit den zehn angekauften Projecten), Berlin: Wasmuth 1883 (Wien Museum, Inv.-Nr. 317.778)
Aus der kanonisierten Architekturgeschichte kennt man Otto Wagner als einen Architekten des Jugendstils, durchaus als Neuerer auch im Hinblick auf Konstruktion, Material, Form. Welche Rolle die zeichnerische Antizipation und das Visualiseren mit der breiten Zeichnungstypologie spielte, lässt sich endlich wieder anschauen: In Kooperation mit dem Wien Museum, das den Großteil von Otto Wagners Nachlass verwahrt, wird zum ersten Mal das Werk dieses Pioniers der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts in Berlin gezeigt. Zudem ist es die erste Ausstellung zum Thema in Deutschland seit mehr als 60 Jahren.
Otto Wagner (1841-1918), das ist die legendäre Kirche am Steinhof und die weitberühmte Postsparkasse, das ist die Befreiung des Historismus durch den Jugendstil. Vor allem aber steht Wagner für die Stadt Wien. Doch es gibt auch einen Bezug Wagners zu Berlin: Zweimal hatte man in der Stadt die Gelegenheit, ein Gebäude Wagners zu bekommen. Doch beide Male vermochte sich der Wiener Architekt nicht gegen die Vorbehalte der Jury durchzusetzen. So kam es, dass das Reichstagsgebäude nach einem Entwurf von Paul Wallot entstand und der Berliner Dom von Julius Raschdorff verwirklicht wurde. Wagner ging leer aus. Dabei besaß er seit seiner Studienzeit an der Bauakademie beim Schinkelschüler Carl Ferdinand Busse eine enge Beziehung zu Berlin.

Otto Wagner, Wettbewerbsprojekt für die Kirche St. Leopold am Steinhof, 1902/03 Bleistift, Aquarell, Spritztechnik, Deckfarben, 55,8 × 47 cm (Wien Museum, Inv.-Nr. 96.011/2)
Eleganter Strich
Das Berliner Kapitel bildet den Auftakt der schönen Ausstellung von Architekturzeichnungen aus dem Büro Otto Wagners, die in der Tchoban Foundation zu sehen ist und sich in sechs Abschnitte gliedert. Die Präsentation speist sich weitgehend aus den grandiosen Beständen des Wien Museums, das Wagners Nachlass verwahrt. Kuratiert wurde sie von Andreas Nierhaus, der ebenso für den – wie immer bei Tchoban – so lesenswerten wie vorzüglich ausgestatteten Katalog „Otto Wagner. Architekt des modernen Lebens“ verantwortlich zeichnet.

Otto Wagner, Idealentwurf des 22. Wiener Gemeindebezirks, 1911. Bleistift, Feder laviert, 60,5 × 81,7 cm (Wien Museum, Inv.-Nr. 96.022)
Gerade die Entstehung eines Wien Museums war für Wagner eine Herzensangelegenheit. Mehrere seiner Entwürfe für das Haus an der Karlskirche sind in der Ausstellung zu sehen, die städtebauliche Neuordnung des Platzes inklusive. Doch Wagner sollte die Errichtung nicht erleben, der Erste Weltkrieg verhinderte die Verwirklichung. Erst nach 1945 entstand ein Museumsneubau nach Entwurf von Oswald Haerdtl, ein zauberhaftes Nachkriegsgebäude, das durch die Eingriffe von Čertov/Winker+Ruck vor einigen Jahren eine – zurückhaltend ausgedrückt – höchst unsensible Überformung erfahren hat.
Zurück zu Wagner und seiner „Dekoration des Augenblicks“, die sich in der Skizze für eine Festdekoration zum Einzug der belgischen Prinzessin Stephanie in Wien 1881 ausdrückte. In das zarte Bleistiftraster auf dem Blatt huschte Wagner mit leichtem Strich Säulen, Obelisken und eine Bekrönung. Die delikate Skizze bildete den Auftakt des Entwurfsprozesses und lässt in ihrer luftigen Heiterkeit das Drama um den Selbstmord des Kronprinzen Rudolf wenige Jahre später vergessen.

Otto Wagner, Projekt für das Stadtmuseum am Karlsplatz, 1903. Bleistift, Sepia, Weißhöhungen, Goldfarbe, 67,5 × 59,7 cm / Ausschnitt (Wien Museum, Inv.-Nr. 96.006/28)
Öffentlichkeit als Aufgabe
Nicht nur in seiner Architektur, die sich zunehmend vom Historismus entfernte, um den freien Duktus der Wiener Secession mitzubegründen, erwies sich Wagner als konsequent modern. Das galt auch für seine Strategien der Veröffentlichung des eigenen Werks, angeregt von Schinkels Publikationstätigkeit. Die Vielzahl der Blätter, oft als Heliogravüren umgesetzt, mit denen Wagner für die Verbreitung seines gebauten wie seines ungebauten Werks sorgte, stammte von einer Reihe eigens dafür beschäftigter Zeichner. Das Prinzip dieser Architekturzeichnungen hat Andreas Nierhaus herausgearbeitet: „Als das ‘Alpha des architektonischen Zeichnens‘ gilt für Wagner, ‘dass jede sogenannte flotte Manier ganz verwerflich ist, und dass es immer Aufgabe des Baukünstlers bleiben muss, seine Gedanken möglichst klar, scharf, rein, zielbewusst und überzeugungsvoll zu Papier zu bringen. […] Die Sucht, ein möglichst täuschendes Zukunftsbild zu bieten, ist schon deshalb als Fehler zu bezeichnen, weil sie eine Lüge involvieren muss.‘“ Das liest sich prophetisch in den Zeiten jener Realität simulierenden Architekturbilder, die durch KI-generiert werden.
Zu jenen Zeichnern, die entscheidenden Anteil an der Entwicklung von Wagners Werk hatten, gehörte ab 1893 Joseph Maria Olbrich. Daher lohnt sich ein imaginärer Spaziergang über den Karlsplatz und seine nähere Umgebung. Er führt vom Wien Museum vorbei an der Stadtbahnstation Karlsplatz, die pars pro toto für Wagners Wiener Bahnarchitektur unter Mitwirkung Olbrichs stehen kann, bis hin zu Olbrichs Secessionsgebäude. Als abschließender Kontrapunkt böte sich ein kurzer Abstecher in das von Adolf Loos entworfene Café Museum um die Ecke an. Loos wandte sich 1909 „vehement gegen eine von der Zeichnung ausgehende Architektur: ‘Denn das zeichen des echt empfundenen bauwerkes ist: daß es wirkungslos in der fläche bleibt. Könnte ich das stärkste architektonische ereignis, den palazzo Pitti, aus dem gedächtnis der zeitgenossen verlöschen und vom besten zeichner gezeichnet als konkurrenzprojekt einreichen lassen: das preisgericht würde mich ins irrenhaus sperren.‘“ wird er von Nierhaus zitiert.
In der Ausstellung ist u.a. das Präsentationsblatt für die Stadtbahn Stationen Akademiestraße-Technik und Gumpendorfer Straße zu sehen (Zeichner Hubert Gessner/Otto Schönthal). Wie hier die Architekturzeichnung mit den Staffagefiguren verschmilzt und sich der dunkle Rauch aus einer Schale in schönsten Jugendstilschwaden zu einer Gruppe von kleinen Vögeln hinüberschwingt, die als Notation auf den Drähten eines Telegraphenmastes platziert sind, das lässt das Herz höherschlagen!

Otto Wagner, Präsentationsblatt zur Wiener Stadtbahn mit den Stationen Akademiestraße-Technik und Gumpendorfer Straße, 1898. Bleistift, Feder, Aquarell, Spritztechnik, Weißhöhungen, Goldfarbe, 64,8 × 46,2 cm (Wien Museum, Inv.-Nr. 77.262)
Absolut modern
Nicht nur in der Frage der technischen Innovation bewegte sich Wagner an der Spitze seiner Zeit. Das Gleiche galt in der Frage der Materialverwendung und des Städtebaus. Fast meint man in seinem Idealentwurf des XXII. Wiener Gemeindebezirks von 1911 nicht nur einen Nachklapp von Haussmanns Umbau von Paris zu spüren, sondern auch einen Vorboten der ebenso radikalen wie geometrischen Stadtplanung, die nur wenige Jahre später zu Le Corbusiers Visionen führte. Mit dem französisch-schweizerischen Architekten verband Wagner zudem die Leidenschaft für das neu aufkommende Automobil. Die Zeichnung für eine gewerbliche Ausstellungshalle in der Zedlitzgasse (Zeichner Marcel Kammerer) von 1911 muss allerdings ohne Abbildung eines Autos auskommen. Dabei entwarf Wagner selbst ein Automobil, das jedoch nie gebaut wurde. Die bezaubernden Staffagefiguren zweier junger Frauen im Vordergrund des Blattes mit Hut, wehendem Schal und Hosenanzügen lassen bereits die 1920er-Jahre erahnen. Die modernen Zeiten waren nicht aufzuhalten.
Ausstellung bis zum 17. Mai 2026 im Museum für Architekturzeichnung (Tchoban Foundation), Berlin
Katalog: Otto Wagner.
Architekt des modernen Lebens.
Architect of modern life.
29 Euro