Hier geht es um mehr als um Architekturjournalismus. Vermutlich war es dem Autor (Kunsthistoriker) ein inneres Anliegen, als „nebenberuflicher Sprachkritiker“ aufzutreten. Ein wenig Besessenheit gehört nämlich dazu, sich so gründlich mit den sprachlichen Verlautbarungen seiner Umgebung zu beschäftigen, ohne als Oberlehrer aufzufallen. Sein Ausflug in die fremde Fakultät ist ihm gut gelungen.

Wolfgang Kemp: Irgendwie so total spannend. 139 Seiten, 11,5 x 18,5 cm, 18 Euro, zu Klampen! Verlag, 2025. ISBN 978-3987374418
Es ist ein hübsches kleines Buch, gesetzt in zierlicher Typographie, der Inhalt deshalb keineswegs geplaudert. Es geht um den gängigen „Sprech“ (wie man heute gerne sagt, der Begriff passte ebenfalls in diese soziolinguistische Exkursion). Man findet vergnügt in den Text, denkt, endlich sagt es mal jemand, fühlt sich allerdings auch sofort selbst ertappt. Nach Starckdeutsch (Matthias Koeppel) und Dummdeutsch (Eckard Henscheid) konfrontiert uns nun Wolfgang Kemp mit „Ultra-Deutsch“ und „Umgehungsdeutsch“. Unter dem ersten Begriff rubriziert er die geläufigen Kraftfutter-Attribute wie total, genau, auf jeden Fall, zum zweiten gehört das unbestimmt Lavierende sozusagen, irgendwie. Man kann sogar beides verknüpfen oder eine besondere Betonung erreichen, indem man solche „assertiven Klauseln“ (gelernt bei Kemp) dem abgeschlossenen Satz nachstellt. Unser Kollege Gerhard Matzig pflegt diese Marotte. Eigentlich. Das macht sich nicht schlecht, weil diese knappe weiterführende Einschränkung irgendwie auf einen möglichen Nebensinn verweist oder zuspitzt oder ausschließt.
Kemps Abrechnung unterscheidet allerdings kaum zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Deutsch. Wer in der Situation schon einmal war, wird sich erinnern, dass man in Interviews oder Podiumsdiskussionen leichtfertig halbgare Sätze von sich gibt, weil man mit gängigen Füllwörtern Redezeit gewinnt und eine gedankenschwere Peripherie seiner Aussage andeuten kann. Podcasts übertragen das Übel ins Geschriebene. Dennoch sind diese “Diskursmarker“ nicht generell blöd. Sofern man sie nicht unwillkürlich und inflationär anwendet, können sie ohne weiteres diplomatisch vermitteln. Wenn eine Dame auf die Avancen eines Kavaliers reagieren, nicht ablehnen und sich dennoch ein Hintertürchen offen halten möchte, antwortet sie unbestimmt, das sei irgendwie ein reizender Vorschlag, worauf der Herr entschlossen erwidert, nun sei man sozusagen verabredet. Interessante Affären beginnen oft mit rhetorischem Geschick.
Weiter mit Kemp. Er lässt in seiner Sprachkritik nichts aus, nimmt sich sogar das Englische vor, die Sprache der Behörden und – naheliegend – die Geißel des Genderns, danach die Gattung der Fürwörter und Adjektive, schließlich die typographischen Tattoos der Emojis – die neue Stenografie für Handys und Tabletts: Wisch und weg. Und mit Leichtigkeit findet er dafür Beispiele. Eine Vanessa kürt er zur Twitter-Ikone. Davon gibt es unendlich viele, vielleicht gehört das auch zur Zeitenwende.
Kemps Essay Irgendwie so total spannend kommt daher wie ein naturwissenschaftliches Traktat, zuhauf stehen als Verständigungshilfen Versalien, Kursives, Klammern, Anführungszeichen und Sternchen, was den Seiten eine bedeutungsvolle Unruhe gibt. Kemp platziert auch weniger geläufige Fremdwörter, ohne in einen anstrengenden Überzeugungsjargon zu geraten. Es liest sich amüsant, aber ein bisschen verunsichert ist man als Leser schließlich doch, dass es so leicht ist, sich ungeschickt zu äußern. Um falsche Grammatik (der Konjunktiv!) geht es noch gar nicht. Es reicht schon, dass unsere alltägliche Sprache kontaminiert ist. Irgendwie schwierig.
Ist das Büchlein ein sprachkritisches Vademcum, ein Lehrbuch, ein Wortspiel, ein giftiges Geschenk für Journalisten? Nach Weihnachten wäre Gelegenheit, es mit einem Buchgutschein auszuprobieren…
