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Die Geschichte hat wenig mit Architektur zu tun, erzählt aber beispielhaft, wie Leben und Arbeiten zusammenhängen. Sie könnte sich also ebenso beim Hausbau zugetragen haben. Tatsächlich geht es nur um eine elektrische Zahnbürste.


Das blöde Ding ließ sich nicht mehr einschalten. Das Problem kannte man schon. Irgendwann geben die Dinge eben ihren Geist auf. Genauso ist das von der Industrie kalkuliert. Beim Schraubbohrer, bei der Hobelmaschine, bei der Kreissäge, beim Betonmischer, bei der Gerüstleiter. Im vorliegenden Fall vermutlich, weil der elegant in das schwarze Gehäuse integrierte Schalter mit Zahncreme verklebt ist (schwarze Designer-Zahnbürste: Es hat doch mit Architektur zu tun?) Da hilft es nicht, mit einer Nähnadel daran herumzukratzen, der Schalter lässt sich auch mit größter Kraftanstrengung – die zu bürgerlichen Zahnputzzeiten ohnehin kaum vorhanden ist – nicht bewegen.

So geht Kapitalismus

Immerhin leben wir in einer fortgeschrittenen Phase des Kapitalismus, in der Handel und Wandel zum Alltag gehören. Man nimmt also das defekte Gerät, sucht die wohl verwahrte Kassenquittung heraus und spaziert damit zum Zahnbürstenhändler, hier: ein bekannter Drogeriemarkt. Dort legt man das Instrument samt Beleg einfach aufs Förderband an der Kasse, wird beschieden, sich ein neues Modell auszusuchen und gegebenenfalls die Preisdifferenz zu bezahlen. Mit dem Verfahren ist man als Kunde seit Jahren vertraut. Meist war es nur ein Bagatellbetrag, der fällig wurde. Aber diesmal klappt es nicht. Die Dame an der Kasse ist streng, möchte auch die Ladestation dazuhaben und am liebsten auch den Originalkarton mit einer Aufsteckbürste, weil sie die Ware nur eins zu eins umtauschen könne.

Also macht man sich wieder auf den Weg, sammelt zuhause das Ladegerät ein und findet auf dem Speicher sogar noch die alte Verpackung. Aber jetzt!
Leider hat man auch damit keinen Erfolg. Die Dame an der Kasse holt eine Kollegin dazu, schließlich die Filialleiterin, aber das Gerät darf nicht zurückgenommen werden, weil man als misstrauischer Kunde inzwischen online die kostenlose Garantiezeitverlängerung aktiviert hatte. Damit kann nur die Herstellerfirma Ersatz leisten! Es wird empfohlen, alle Belege zu kopieren und die gut verpackte Zahnbürste samt einer exakten Fehlerbeschreibung dorthin zu schicken. Man spürt einen Schwindelanfall. An wen schicken? Wohin? Etwa nach China? Und einen Aufsatz schreiben über die Erfahrungen mit dieser Zahnbürste? Niemals! Aber die Damen wollen nicht helfen, zucken die Achseln, am Förderband stauen sich bereits andere Kunden: Bitte, die Waren aufs Band!

Alles wird genormt; nur das, was ressourcenschonend ist, nicht. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Alles wird genormt; nur das, was ressourcenschonend ist, nicht. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Return to sender

Sehr angesäuert verlässt man den Drogeriemarkt, spricht Verwünschungen aus, schwört, dort nie wieder etwas zu kaufen. Unterwegs tippt man gutmütig den Herstellernamen in sein Handy ein und googlet ein wenig, gerät sofort auf eine Service-Seite, die alle möglichen Übel, die einer Zahnbürste widerfahren könnten, auflistet (ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?). Zuletzt macht ein Hinweis Mut: Wenn gar nichts hilft, könne man einen frankierten Rücksendeumschlag anfordern und das Gerät zur Reparatur oder zum Umtausch an das Werk einschicken. Das klingt doch gut. Nun studiert man erstmal die angebotene Fehlerliste, die damit beginnt, dass sich das Gerät nicht mehr einschalten lässt. (Aha, die wissen, was sie für einen Mist herstellen!) Es wird geraten, die Bürste zehn Sekunden lang mit heißem Wasser abzuspülen.

Selbst sind Mann oder Frau

Gut, sagt man sich nach jahrelanger Heimwerker-Erfahrung, dann hilft es noch besser, wenn man den Apparat zwei Minuten in kochendes Wasser steckt. Technik will ernst genommen und nicht verzärtelt werden! Und das macht man dann, verbrennt sich zwar an dem heißen Teil die Finger, wird aber umgehend belohnt: Die Zahnbürste lässt sich butterweich einschalten und läuft einwandfrei!

Was lehrt uns das? Gut, dass die Drogerie-Damen so wenig weiterhelfen konnten, sonst wäre noch mehr Elektronik-Schrott produziert worden. Und mit schlechtem Gewissen betrachtet man die sechs Ladestationen, die man bei den Umtauschaktionen der letzten Jahre hat behalten dürfen.