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Zu sammeln bedeutet, der Geschichte einen Moment der Gegenwart zu schenken. Es ist der Versuch, ein kleines Bollwerk gegen jenen unerbittlichen Strom des Vergessens und Veränderns zu errichten, der mit dem Beginn der Moderne im Nachgang der Französischen Revolution über Europa hereinbrach. So entstehen kleine Inseln der Erinnerung und der Wertschätzung der Vergangenheit, die für künftige Generationen bewahrt werden und zugleich der kulturellen Selbstvergewisserung und (architektonischen) Inspiration dienen. Doch alles Erinnern bleibt unsinnlich, wenn es sich nicht in Objekten manifestieren kann.

Julius Northoff unter Leitung von Carl Moritz Haenel, Schlosskirche Chemnitz, Aufriss Nordseite, um 1868 (Quelle: Landesamt für Denkmapflege Sachsen)

Dresden, Fußweg- und Straßenbeleuchtung der Dr. Rudolf-Friedrichsbrücke, ab 1991 wieder Carolabrücke. Metall, Pexiglas. Übernommen vom der Landeshauptstadt Dresden LfDSN, Bauteilsammlung, Fotografie: Annie Sack-Engelbrecht. (Quelle: Sächsisches Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung)

Dresden, Fußweg- und Straßenbeleuchtung der Dr. Rudolf-Friedrichsbrücke, ab 1991 wieder Carolabrücke. Metall, Pexiglas. Übernommen von der Landeshauptstadt Dresden LfDSN, Bauteilsammlung, Fotografie: Annie Sack-Engelbrecht. (Quelle: Sächsisches Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung)

Das gilt auch für jene Lampe, die von der eingestürzten Carolabrücke in Dresden geborgen wurde und die nun zu den jüngsten Stücken der Bauteilsammlung des Sächsischen Denkmalarchivs gehört. Während die Überreste der Brücke mittlerweile aus der Elbe verschwunden sind, erinnert die Lampe in der Jahresausstellung des Landesamts für Denkmalpflege in Sachsen an das glücklicherweise glimpflich verlaufene Dresdner Brückendrama. Zu sehen ist die Ausstellung, die die rund zweihundertjährige Genese des „Sächsischen Denkmalarchivs“ aufblättert, bis zum 27. Februar 2026 im Ständehaus an der Brühlschen Terrasse

Veränderungsdruck

LfDS-PlanNr-M16-VII-Bl-11_ Dresden_ Japanisches Palais

Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1732), Dresden, Japanisches Palais. Dekorationsentwurf zum Dach in Form einer Bemalung oder durch Eindeckung mit Porzellanziegeln, 1729/30. (Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen)

Mit den rasanten Veränderungen durch die Moderne und die aufkeimende Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs in Teilen der Gesellschaft der Wunsch, etwas von dem zu bewahren, was durch den baulichen Veränderungsdruck in Stadt und Land gerade verloren zu gehen drohte. Dieser Dualismus aus beginnendem technischem Aufbruch und drohenden Verlusten markiert die Geburtsstunde der europäischen Denkmalpflege. Doch welche Zeugnisse der Vergangenheit wert waren, für künftige Generationen aufbewahrt zu werden, das galt es zunächst in einer intensiven Grundlagenarbeit zu ermitteln. Parallel zur Bestandsaufnahme vor Ort wuchs dabei die wissenschaftliche Sammlung des späteren Landesamtes, die heute die unterschiedlichsten Gattungen umfasst: Zeichnungen und Drucke ebenso wie Gemälde oder Bauplastik. Darunter befinden sich Schätze wie ein herrliches Blatt von 1729/30 von Matthäus Daniel Pöppelmann. Es zeigt einen nicht verwirklichten Entwurf für das Dach des „Porzellanschlosses“ Augusts des Starken, dem Japanischen Palais. Pöppelmanns Idee war es, die Dachlandschaft ganz in weiß und blau auszuführen, wohl aus kostbarem Meißner Porzellan.
Zu den besonderen Verdiensten der von Silke Kosbab kuratierten Ausstellung gehört es, neben der deutschen bzw. sächsischen Dimension des Phänomens Denkmalpflege auch deren europäische Bedeutung im Blick zu behalten. Die organisatorischen Anfänge des Sächsischen Denkmalarchivs reichen bis zu dem 1825 gestifteten Sächsischen Verein für Altertumswissenschaft zurück. Dessen Ziel war es, kulturgeschichtlich bedeutsame Denkmäler im Königreich Sachsen zu dokumentieren, um sie schützen zu können. Sitz des Vereins war damals das Palais im Großen Garten, von dem man sich gut vorstellen könnte, dass dort einstmals die Bestände dieses Archivs dauerhaft präsentiert werden. Eine zentrale Rolle für den Altertumsverein spielte der seit 1854 regierende sächsische König Johann von Sachsen (1801–1873). Als Denkmalpfleger auf dem Thron erkannte er bereits: „Erforschung und Erhaltung, beide müssen Hand in Hand gehen. Nur was erstere entdeckt und nach seinem historischen und artistischen Werthe geschätzt hat, verdient die erhaltende Vorsorge und diese Vorsorge bewahrt wieder für viele eigentliche historische Forschungen ein wichtiges inhaltreiches Material. Beide aber verfolgen gemeinschaftlich ein höheres Ziel, Erweckung und Belebung der Liebe des Volkes zu seiner Vorzeit, aus welcher jede Nation, wie Antäus, aus der Berührung mit der Mutter Erde, stets neue Kraft und Begeisterung schöpft.“

Anschaulich zeigt die Ausstellung die rasanten Beschleunigungs- und Transformationsprozesse des 19. Jahrhunderts etwa bei Verkehrsbauten wie den Leipziger Bahnhöfen auf. Kaum errichtet, galten sie bald als unzureichend und mussten wieder Neubauten weichen – bis hin zu dem bis heute schönsten deutschen Bahnhof, dem grandiosen Leipziger Hauptbahnhof nach Entwurf von Lossow und Kühne (1909-15).
Beharrlich setzte sich der Altertumsverein dafür ein, den Bestand der sächsischen Denkmale systematisch zu erfassen. Mit Erfolg: In den 1880er-Jahren erhielt der Architekt Richard Steche (1837-1893) den Auftrag vom Königlich Sächsischen Ministerium des Innern, die Denkmale des Landes zu inventarisieren. In nicht einmal zehn Jahren entstanden so 15 Inventarbände. Denkmalwert erschienen Steche dabei vor allem Kirchen, Klöster, Schlösser und Herrenhäuser. Doch er nahm auch bereits profane Zeugnisse der gebauten Vergangenheit wie Bürgerhäuser oder Wehranlagen in den Blick.

Denkmalkultur

Muster

Bautzen, Alte Wasserkunst, Inventariasationsblatt, Längsschnitt und Grundrisse mit Querschnitten des Turmes und fotografischer Aufnahme von Fritz Rauda, 1904/05. Vorzeichnung für: Cornelius Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen, Band 33 (Stadt), Dresden 1909, S. 271, Fig. 255-257 (Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen)

Wie sehr sich das gesellschaftliche Bewusstsein für die identitätsstiftende Bedeutung von historischen Bauwerken im 19. Jahrhundert schärfte, zeigt das Beispiel der von Gottfried Semper entworfenen Semper-Kaserne in Bautzen. Der bereits geplante Abriss des spätmittelalterlichen Wendischen Turms aus dem 15. Jahrhundert konnte abgewendet werden. Semper integrierte ihn daraufhin in seine 1842/44 errichtete Kaserne am inneren Stadtbefestigungsring Bautzens.

Steches Nachfolger, der umtriebige Cornelius Gurlitt (1850-1938), setzte dessen Inventarisierungsarbeit in Sachsen erfolgreich fort. Darüber hinaus wirkte er als einflussreicher Hochschullehrer und Publizist, wobei er sich mit dem Barock ebenso befasste wie mit dem Städtebau. Wie sehr die zeichnerische Aufnahme auch von Details der Denkmale eine eigene Handschrift bis hin zur selbstständigen künstlerischen Qualität entwickeln konnte, zeigt die Ausstellung anhand der eindrucksvollen Arbeiten von Fritz Rauda (1879-1945), die als verkleinerte Illustrationen Aufnahme in Gurlitts Veröffentlichungen fanden.

Muster

Dresden, Zwinger, „Puttenarium Zwingeri Dresdensiae“, Titel und Dtenblatt „Putte mit Füllhorn“ (Auszug), um 1936 mit handschriftlichen Nachträgen nach 1945, Landesamt für Denkmalpflege, Bibliothek (Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen)

Auf den ersten Blick schmunzelnswert erscheint das zauberhafte kleine »Puttenarium Zwingeri Dresdensiae« des Zwingerbaumeisters Hubert Ermisch, das eine zeichnerische Aufnahme sämtlicher Putten des Zwingers von Balthasar Permoser (1651–1732) birgt. Doch angesichts der Zerstörungen vom 13. Februar 1945 wurde es zur Grundlage, um Kopien und Ergänzungen der verlorenen Putti durch den Bildhauer Albert Braun (1899-1962) zu ermöglichen, in dessen Nachlass sich das „Puttenarium“ erhalten hat.

Gegenwartsbezug

2604_Dresden_Schweinezucht

Eberhard Wolf: Modell für eine Reliefwand „Schweinezucht“ in Dresden-Wilschdorf, heute in der Bauteilsammlung. 1979 (Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen)

Dass sich das Thema des Sammelns und Dokumentierens denkmalrelevanter Zeugnisse bis in die Gegenwart fortsetzt, zeigt sich am Werk des Bildhauers Eberhard Wolf (1938-2003). Dessen Nachlass konnte jüngst für das Sächsische Denkmalarchiv gesichert werden, darunter ein Modell des Dresdner Reliefs „Schweinezucht“ (1979). Neben solch gegenständlicher Arbeit reicht Wolfs Werk bis zu der abstrakten Wandgestaltung für die Dresdner Robotron Kantine und einem ebenfalls ausgestellten abstrakten Formsteinmodell, das der Bildhauer mit genauer Beobachtungsgabe der Natur abgelauscht hat.

In der Vielschichtigkeit der sehenswerten Ausstellung spiegelt sich die Vielschichtigkeit der Bestände des Sächsischen Denkmalarchivs, das sich als ein lebendiges Arbeitsinstrument für die Denkmalpflege in Sachsen erweist. Zugleich ermöglicht es damit nicht nur den Fachleuten einen sinnlichen und anschaulichen Zugang zu der Arbeit einer zeitgenössischen Denkmalpflege.


Bis 27. Februar 2026 im Ständehaus an der Brühlschen Terrasse, Dresden.
(https://www.denkmalpflege.sachsen.de/ausstellungen-4031.html).