Das Heimatmuseum wurde 1909 gegründet, es befand sich zunächst in der sogenannten Alten Faktorei, dem ehemaligen Mädchenschulhaus, für das Heinrich Metzendorf die Inneneinrichtung plante. 1933 zog es in den Dalberger Hof weiter, wurde von den Nationalsozialisten erneut ausgelagert und vernachlässigt, fand schließlich 1952 seine neue Heimat in den unzerstörten Räumen des Rathausanbaus. Schließlich zog es endgültig in das „Haus Blüm“ weiter südlich, wo es noch heute unter der Adresse Marktplatz 13 in Bensheim zum Besuch einlädt. Kultur ist überall.
Ein kleines Haus mit Ausstellungsflächen auf drei Ebenen, gerade passend für einen kulturellen Sonntagsausflug. Es befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Lorscher Klosterhofs in Bensheim (Bergstraße).1) Zu den Sammlungen gehören neben einem Konvolut an Gemälden, Fotografien und Grafiken vor allem archäologische und anthropologische Trouvaillen, die man im Stadtgebiet (bei Grabungen) entdeckt hat. Diese Exponate werden vor allem Wissenschaftler und Heimatkundler interessieren, man kann sich aber auch gut Schulklassen vorstellen, die hier durchgeschleust werden müssen.2)
Außerdem gibt es regelmäßig für das allgemeine Publikum auf beschränktem Raum Kunstausstellungen, die in den letzten Jahren etwa Neo Rauch, Mercedes Helnwein oder Klaus Staeck gewidmet waren. Und jetzt über den Jahreswechsel und noch bis 1.Februar Emil Nolde – A Private Collection. Gezeigt werden 34 Arbeiten; sie gehören zu einer amerikanischen Privatsammlung und waren bisher noch kaum öffentlich zu sehen. Es handelt sich um Aquarelle, Druckgrafiken, Zeichnungen und ein Ölgemälde mit einem breiten Spektrum an Motiven.3)
Das Haus ist kein idealer Ort, um Kunst zu zeigen. Es wirkt eher finster, die Exponate werden nur durch Spotlights aus dem Dunkel der kleinen Räume herauspräpariert. Es fehlt das freundliche Tageslicht und ein innenarchitektonisches Passepartout, mit dem zusammen man die Werke in Erinnerung behält. Die Trübnis wird umschlossen von gelben Sandsteinmauern aus groben Bossen, bisweilen mit hellen Backsteinintarsien ergänzt, womit sich die von vielen Umbauten geprägte Baugeschichte des Hauses abbildet. Davor sind von der Decke sichtbar abgehängte raumhohe Stellwände montiert, die für diese Präsentation aschgrau gestrichen wurden. Der Leiter Christoph Breitwieser – Museumsdirektor wäre ein umständliches Epitheton – hat das alles mit eigener Hand arrangiert, er ist sein einziger Mitarbeiter, er hängt die Bilder auf und verkauft die Eintrittskarten.
Und gerade das macht den Reiz des Hauses aus. Es gibt keinen Katalog, die knappen Erläuterungen zu den Unikaten, deren dekorative Rahmungen auf ihre unterschiedliche Herkunft schließen lassen, sind direkt neben den Bildern auf den grauen Hintergrund aufgetragen. Das unterbricht zwar die Konzentration auf die Kunst, aber im sonntäglichen Geschiebe gewinnt diese Ausstattung auch einen improvisierten Charme, als sollte sich jeder Besucher bei seiner Erkundung selbst bewähren. Nicht verschwiegen wird auf den Tafeln die ambivalente Rolle Emil Noldes während der Zeit des Nationalsozialismus. Er gilt gemeinhin als Opfer der NS-Kunstpolitik, war aber tatsächlich ein überzeugter Nazi mit einem „furchtbaren Charakter“, wie es 2019 eine Sendung im Deutschlandfunk zur Ausstellung im Hamburger Bahnhof formulierte.4) Wenn man sich daran erinnert, kann man die Präsentation als (unabsichtlichen) Hinweis auf diese dunkle Seite Emil Noldes lesen. Als sollte das Publikum ahnen, dass der großartige Expressionist nicht zwangsläufig ein moralisch integrer Mensch gewesen sein muss.


