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Kunst? Übungen zur Architekturform? Irritirend in ihrer Wirkung, oszillieren die Werke Zora Jankovićs zwischen Erinnerung an halbwegs vertraute Architekturformen, offensichtlicher Liebe zum Beton und formaler Abstraktion – und weisen damit unbeachsichtigt auf künstlerische Mängel gegenwärtigen Bauens.

ARCHITEKTON-9, concretesteel, 57 x 80 x 114 cm, 2024 (© Zora Janković)

Die Betonskulpturen von Zora Janković, die bis Ende April in der Werkstättengalerie der Deutschen Werkstätten in Dresden Hellerau gezeigt werden, erscheinen auf den ersten Blick archaisch, ja spröde. Zugleich verlocken die Arbeiten unwiderstehlich dazu, über die rauen Oberflächen zu streichen, die Vertiefungen und Erhöhungen haptisch zu erkunden. So kommt es, dass diese Arbeiten fremd erscheinen und zugleich seltsam vertraut. Vielleicht handelt es sich um Fragmente des Bauens, vielleicht um Zeugnisse des Abbruchs oder um erstarrte Lava – so oszillieren sie in ihrer Wirkung. Immer tiefer locken Jankovićs Skulpturen und Reliefs zur Betrachtung, um Formen und Räume zu erkunden. Begleitet werden die bildhauerischen Arbeiten Zora Jankovićs von Fotografien und Gouachen, die zweidimensional die Verhältnisse von Raum und Fläche erkunden.

ARCHITEKTON-6, concretesteel (© Zora-Jankovic)

ARCHITEKTON-6, concretesteel (© Zora Jankovic)

„Rekonstruktionen“

Das ist der Titel der Ausstellung der 1978 im slowenischen Ljubljana geborenen Janković, die heute in Berlin lebt und arbeitet. Womit sich die Frage stellt, was hier eigentlich rekonstruiert wird? Zwar setzt sich Janković in ihren kubischen Skulpturen mit architektonischen Formen auseinander. Säule, Pilaster oder Kapitell aber haben hier keinen Platz. Stattdessen scheint sie mit der Ambivalenz von Kunstform und Naturform zu spielen. Das Farbspektrum der Arbeiten ist dabei schmal und reich zugleich, denn es umfasst alle Abstufungen des (Beton-) Graus bis zum Weiß. Der Blauton von KONSTRUKT 14 aus dem Jahr 2025 erweist sich da schon als ein farblicher Ausreißer.

Jankovićs Werke erzeugen Räume der Irritation. Mit ihren schrundigen Oberflächen und den abgeplatzten Kanten erinnern sie an Flintsteine, wie sie am Meeresstrand zu finden sind. Zugleich könnte es sich auch um Modelle brutalistischer Monumente handeln, wie sie die Architektur des ehemaligen Jugoslawiens hervorgebracht hatte. „Während ihrer Studienzeit in Rom und Venedig zwischen 1998 und 2008 nahm Zora Janković mit vollen Zügen alles auf, was bis heute ihr künstlerisches und intellektuelles Leben bestimmt. ‚Ich ernähre mich am liebsten von den Klassikern, der Antike, den Schätzen in den Museen.‘, zitiert Christoph Tannert die Künstlerin in einem Text auf Jankovićs Webseite.
Es scheint, als wäre in ihren Rekonstruktionen etwas anwesend, das sich nicht auf den ersten Blick preisgeben will, während es feste Fäden in einen historischen Kunstkosmos spinnt, der in eigenwilliger, neuer Form neu erkundet werden möchte. Sperrig, kantig, hart. Bei der Betrachtung von Jankovićs Reliefserie S3R muss ich an Neuinterpretationen jenes Polyeders denken, der auf Dürers Melancholia I zu sehen ist. Gerade weil es sich bei Jankovićs Arbeiten nicht um einen strengen Polyeder mit glatten Flächen handelt, sondern um individuelle Seelenlandschaften, denen es an passgenauen Anschlussstücken fehlt. Deren Oberflächen sind so bewegt, wie das Gewand des nachdenklichen Engels auf dem vielleicht bedeutendsten Kupferstich der Kunstgeschichte.

ARCHITEKTON-8, concretesteel (©Zora-Jankovic)

ARCHITEKTON-8, concretesteel (©Zora Janković)

brut

Hier wie dort ist alles geheimnisvoll, erscheint alles zusammengewürfelt und doch passgenau. Alles bleibt in sich gekehrt und verschwiegen, und doch kennzeichnet Jankovićs Arbeiten ein beachtliches Mitteilungsbedürfnis, sobald man sich auf sie einlässt. Dann öffnet sich ein Kosmos, dem zwar nichts Liebliches innewohnt aber dennoch eine große Poesie. Es ist eine Kunst, deren Ästhetik dem Glatten den Rücken kehrt, in der es keinen Platz für vordergründigen Plüsch gibt und vermeintliche Harmonie. Die scharfen Kanten erscheinen wie eine Matrix, die bedrohlich wirkt und Gefährdungen beinhaltet. Schließlich wecken Jankovićs Skultpuren nicht nur die Erinnerung an Naturformen oder an den Brutalismus des späten 20. Jahrhunderts. Sie erscheinen wie kompakte Miniaturen jener betonierten Bunkerlandschaft des Westwalls, die sich an den Küsten Europas entlangzieht. Der Witterung und den Gezeiten ausgesetzt verwandeln sie sich nach und nach. Wie Jankovićs Objekte werden sie zu Fragmenten, zu Zeugnisse der Geschichte und ihrer Traumata und eröffnen mit den Spuren der Zerstörung und des Verlusts die Möglichkeit der Re-konstruktion von Welten.

SK319 ( Zora Janković)

SK319 (© Zora Janković)


Bis 30. April 2026 in Hellerau, Werkstättengalerie der Deutschen Werkstätten
Moritzburger Weg 68
01109 Dresden
https://dresdencontemporaryart.com/de/event/zora-jankovic-rekonstruktion

http://www.zorajankovic.com