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Die Restaurierung des Magdeburger Doms indiziert auch die Anfänge der Denkmalpflege in Preußen. Die Bau- und Reparaturgeschichte solcher Jahrhunderte überlebender Monumente vergegenwärtigt zudem den Rang jeglichen Betands, der „Geschichte“ erzählt und den zu pflegen Verpflichtung einer Kulturgesellschaft ist. Die Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg endet am 17. Mai 2026.


Die Entscheidung seiner Majestät Friedrich Wilhelm III. würde noch heute jedem Politiker zur Zierde gereichen. Befragt, ob die fehlende Kreuzblume auf dem Südwestturm des Magdeburger Doms rekonstruiert werden solle oder nicht, entschied der preußische König am 19. März 1829 im Sinne einer modernen Denkmalpflege. „Einverstanden mit dem in Ihrem Bericht vom 9ten d. M. enthaltenen Gutachten will Ich, daß der südliche Thurm des dortigen Doms, als geschichtliches Denkmal, ohne Krone bleibe.“

Neben ihrer denkmalpflegerischen Bedeutung besitzt die Geschichte der Kreuzblume auf dem Domturm auch eine anekdotische Qualität. Weil niemand wusste, warum die Blume fehlte, wucherten die Legenden. Hatte der kaiserliche Feldherr Johann Tilly die Kreuzblume während des Dreißigjährigen Krieges vom Dom schießen lassen, in dem die Stadt Magdeburg weitgehend zerstört wurde? Oder war der Bauschmuck mit der Zeit zerfallen, hatte ein Sturm ihn hinuntergeweht oder hatte es die mittelalterliche Kreuzblume am Ende nie gegeben?
Erzählt wird die Geschichte der Kreuzblume in der umfangreichen Ausstellung „Erbauung (an) der Vergangenheit. Der Magdeburger Dom und die Wiederentdeckung des Mittelalters in Preußen“ (https://www.khm-magdeburg.de/sonderausstellungen/). Anlass für die Präsentation im Kulturhistorischen Museum Magdeburgs ist der 200. Jahrestag der Reparaturen am Dom. Doch nicht nur dessen Sanierungsgeschichte wird beleuchtet. Sie wird zugleich in den Kontext der Rezeption der „vaterländischen“ Gotik in Preußen eingeordnet und der damals gerade aufkommenden Denkmalpflege in Preußen. Weitere Kapitel widmen sich den im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Glasfenstern sowie der Rezeptionsgeschichte des sanierten Doms.

Neben der Erhaltung der Marienburg in Ostpreußen auf Betreiben Friedrich Gillys, gilt die Reparatur des Magdeburger Doms als ein frühes Beispiel der Denkmalpflege in Preußen, zu dem Magdeburg nach den Befreiungskriegen als Hauptstadt der Provinz Sachsen gehörte. Dass es dabei nicht allein um die Bewahrung baugeschichtlicher Spuren um ihrer selbst willen ging, zeigt die Ausstellung ebenfalls. Die preußische Begeisterung für die Gotik fügt sich in die durch Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang von Goethe angestoßene Suche nach einem nationalen Stil. In der Architektur wurde sie mit Ruinenromantik und einer frühen – preußischen – Neogotik verbunden. In der Dichtung erhielt die neu erwachte Mittelalterleidenschaft um 1800 wichtige Impulse durch Ludwig Tiecks „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798) oder Wilhelm Wackenroders „Herzergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1796), mit denen der Romantik der Weg bereitetet wurde.

 Gabriele Köster, Ulrike Theisen: Der Magdeburger Dom und die Wiederentdeckung des Mittelalters in Preußen. Magdeburg 2025


Gabriele Köster, Ulrike Theisen: Der Magdeburger Dom und die Wiederentdeckung des Mittelalters in Preußen.
Magdeburg 2025, ISBN 978-3-7319-1535-5

Dass der Magdeburger Dom in der Ausstellung derart umfangreich illustriert werden kann, ist unter anderem den Gemälden Carl Hasenpflugs (1802-1858) zu verdanken, der zu den bedeutenden Architekturmalern seiner Zeit zählte. In dem opulenten Katalog (https://www.imhof-verlag.de/der-magdeburger-dom-und-die-wiederentdeckung-des-mittelalters-in-preussen/ ) widmet ihm Christina Clausen einen Beitrag, der die preußische Bildpolitik nach 1815 beleuchtet.
Als preußisch-nationale Aufgabe wurde die Reparatur des Doms nicht zuletzt wegen seiner missbräuchlichen Nutzung als Militärmagazin während der napoleonischen Besetzung der Stadt begriffen. Doch schon zuvor war sein baulicher Zustand wohl vernachlässigt worden. Unter der Oberaufsicht von Wilhelm Anton von Klewitz erhielt die Architektentrias Johann Andreas Clemens, Friedrich Albert Immanuel Mellin und Carl Albert Rosenthal den Auftrag zur Sanierung. Klewitz war es auch gewesen, der Friedrich Wilhelm III. auf die Baufälligkeit des Doms hingewiesen hatte. Daraufhin machte sich der preußische König die Reparatur nicht nur ideell zur Herzensangelegenheit. Er engagierte sich auch finanziell. Stolze 240.000 Taler stellte er aus seiner Privatschatulle für die Arbeiten bereit.

Detailliert widmet sich Heiko Brandl in seinem Katalogtext dem Ablauf der Reparaturen zwischen 1826 und 1834, zu deren Besonderheiten eine Dokumentation des Doms in einem monumentalen Tafelwerk gehörte. Erstaunlich mutet rückblickend zudem die kurze Bauzeit an, zumal, wenn man an heutige Sanierungsprojekte denkt, die gleich über mehrere Jahrzehnte geplant werden. Bereits am 27. Dezember 1834 konnte das Ende der Baumaßnahmen verkündet werden. Mit der (barocken) Innenausstattung verfuhr man allerdings nicht behutsam, sondern räumte den Dom aus (Beitrag Gabriele Köster). Was bei Abschluss der Sanierung noch fehlte, waren die neuen Glasmalereien (Beitrag Sabine Ullrich). Ihre Finanzierung und ihr Einbau sollten sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts hinziehen. Von diesen neuen Fenstern haben jedoch nur wenige Stücke das verheerende Bombardement Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg überdauert. Zusammen mit Entwurfszeichnungen sind sie in der Ausstellung zu sehen.
Apropos Glasfenster: Nach dem Ausstellungsbesuch empfiehlt sich neben der Erkundung des Doms selbst, der als erstes komplett im gotischen Stil errichtetes Bauwerk in Deutschland gilt (Baubeginn 1206), ein Spaziergang zur St. Johannis Kirche. Im Zweiten Weltkrieg bis auf die Außenmauern zerstört, wurde sie ab 1989 wiederaufgebaut. Heute dient sie als Konzertkirche. Ihr Besuch wird durch die seit 2014 vom Dresdner Maler Max Uhlig in seiner typischen Handschrift geschaffenen Glasfenster zu einem besonderen Erlebnis. Das gilt sowohl für die farbigen Fenster des Langhauses als auch für die von verschlungenen Weinstöcken inspirierten schwarz-weißen Fenster des Chores, die durch ihre außerordentliche Schönheit und Eindringlichkeit beglücken.

Ausstellung Digital: