Ob kühles Bankbüro oder überhitztes Pflegeheim: Künstliche Kühle ist diesen Sommer zum Politikum geworden. Ort der Abkühlung war dabei stets die gebaute Umwelt. In „Kühle neue Welt“ entfaltet Jan Eike Dunkhase die Geschichte des Kühlkults. Für Kjell Reiter eine erfrischender Fingerzeig auf das Absurde in Technik und Fortschritt.

Jan Eike Dunkhase: Kühle neue Welt. Eine Geschichte der Moderne. 288 Seiten. 12 Abbildungen, 21,5 x 13,5 cm, 26 Euro
Reclam Verlag, Ditzingen, 2026
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Unter dem Eindruck des Hitzesommers wurde Kühle zur lebenssichernden Ressource, Klimatisieren als „rechts” verpönt und ein linkes“ Schwitzen verklärt. (1) Dem Hype um die frische Brise spürt Jan Eike Dunkhase in „Kühle neue Welt“ nach und entfaltet die Geschichte ihrer Bändigung. Sie erzählt von der „Naturverfallenheit“ (2) des Menschen, Raum und Klima beherrschen zu wollen.
Eisiges Luxusgut
Schon in der Antike gehörte Kühle zum Genussgut der herrschenden Klasse. Neben gekühltem Wein sorgten Windtürme wie im persischen Yazd für frischen Zug. Einen „Wille zur Macht über die Kälte“ (3) formierte sich jedoch erst mit Kolonialismus und Aufklärung. Hier lässt der Autor den Eroberungszug der künstlichen Kühle beginnen. Während Empiristen wie Francis Bacon an der „Entzauberung“ der Kälte forschten, wurde Frische und Kühle von europäischen Mächten nach Übersee verfrachtet. Britische Kolonialherren ließen riesige Deckenfächer von sogenannten Pankha Wallahs betreiben, um die hohen Temperaturen in ihren Gemächern zu bändigen – einhergehend mit dem „unbegrenzt möglichen Einsatz sklavenähnlicher Arbeit“ (4), die den kulturellen Wert temperierter Räume und die Scheu vor Anpassung im westlichen Denken exemplarisch markiert.
Dialektik der Abkühlung
Anfang des 19. Jahrhunderts noch als Eisblöcke aus naturbelassenen Seen extrahiert, avancierte das gefrorene Nass in Form riesiger Eisblöcke nur wenig später zum globalen Exportschlager amerikanischer Geschäftsleute. Die Lektüre bringt hier Peter Sloterdijks Bild der „globalen Brandstiftung“ (5) ins Spiel. Es waren mit Kohle befeuerte Dampfmaschinen, die die Kompressoren der Eismaschinen antrieben und so erst einen geschlossenen Kältekreislauf ermöglichten. So beruhte die Schöpfung des Eises „auf jener Urkraft des Feuers […], durch die sie überhaupt erst in Gang gesetzt wird […].“ (6) Zuweilen fordern die technischen Ausführungen des Buches die Lesenden heraus. Es lohnt sich dennoch, denn die Historie der Thermodynamik arbeitet die Prämissen der „Dialektik der Abkühlung“ heraus: Fortschritte der Kälteerzeugung sparten keine Energie, sondern sorgten für neue Dimensionen ihres Verbrauchs. Effizienz wurde zum Bumerang – bis heute, wenn hochgerüstete Gebäudetechnik den absoluten Energieeinsatz in die Höhe treibt. Auch der Gedanke einer entropischen Welt, die langsam, aber sicher ihrem Maximum zustrebt, konterkariert das Phantasma des endlosen Wachstums: „Als sie den Ingenieuren die theoretischen Mittel in die Hand gaben, die künstliche Kälte im industriellen Maßstab praktisch voranzutreiben, wussten die Physiker bereits um das energetische Verhängnis der modernen Gesellschaft, auf das die Anwendung jener neuen Technik nur beschleunigend wirken konnte.“ (7)
Status und Gefühl
1940 besaßen bereits vierzig Prozent der amerikanischen Haushalte einen Kühlschrank. Nicht verwunderlich, so der Autor, dass in den von Konsumrausch und Innovationskraft geprägten USA die Kühle vom Eiswürfel bis zur Coladose zum Wohlstandsmerkmal avancierte. Bahnte sich doch schon die nächste Eiszeit an: Mit der Klimaanlage wurde die Klimatechnik geboren. Doch neben dem Eroberungszug des air conditioning entfaltet die Lektüre auch jene Denkbilder der „Coolen Jungs“ wie Bertolt Brecht oder Ernst Bloch. Gefühlswelten um den „kühlen Kopf“, kalte Formen und rohe Kanten neusachlicher Architektur kommen in Dunkhases Ästhetik der Kälte zur Sprache. Dieser Faden hätte vom studierten Philosophen Dunkhase noch weitergeführt werden können. Hin zu einer an Gernot Böhme angelehnten Temperaturlehre darüber, wie „ein Raum etwa als kühl erfahren werden kann, […] eine niedrige Temperatur zeigt.“ (8) Kälte lässt sich als Befindlichkeit im „Raum als Sphäre leiblicher Anwesenheit“ (9) weiterdenken.
Nicht künstliche Kühle
Die private Abkühlung wird ab den 1970er-Jahren zumindest in den USA zum Selbstverständnis. Erst in Bankerbüros, dann zur Effizienzsteigerung im verarbeitenden Gewerbe. 1990 waren bereits 65 Prozent der amerikanischen Haushalte klimatisiert. Auch Architekt:innen des Internationalen Stils propagierten den wohltemperierten Kokon in Gestalt hermetisch abgeriegelter Glaskuben wie dem 1952 eröffneten UN-Hauptquartier in New York. Bis heute steckt die Klimatisierungs-Frage ein umkämpftes Terrain im Architekturdiskurses ab. Frank Lloyd Wright hielt es „für weit besser, sich dem natürlichen Klima anzupassen, als zu versuchen, sich ein eigenes künstliche Klima zu schaffen.“ (10) Die vom Autor gezogene Konfliktlinie zwischen dem Kühlkult und einem naturverbundenen Schwitzen legt eine Leerstelle des Buches offen: Der Autor scheitert daran, Kühlung auch als konstruktiv-materielle Aufgabe zu begreifen. Heute als Low-Tech bekannte Lösungsansätze, der Hitze mit Raum und Material Paroli zu bieten, sind so alt wie die Windtürme Persiens – vom antiken Lehmbau über den mediterranen Patio bis hin zu kühlenden Pufferzonen. (11) Ist die Moderne auch eine Geschichte der (künstlichen) Kühle, muss ihr Kontrapunkt in Form vernakulären Hitzeschutzes bis in die Gegenwart erzählt werden.
Das Haus lässt brennen
Heute verursacht die künstliche Kühlung 10 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Und während der Privatmensch auf seiner abgeschirmten Scholle vor Coolness frohlockt, bläst er Abwärme ins Gesicht seiner weniger privilegierten Mitmenschen. Ganz zu schweigen von den vom Silicon Valley diktierten Ansiedlung gigantischer Serverhallen, deren exzessive Energie-, Kühl- und Abwärmekapazitäten die Sünden der privaten Klimatisierung in den Schatten stellen. Ein Mechanismus der Entsolidarisierung, von oben nach unten, von drinnen nach draußen, tut sich auf. Dabei ist Kühlung längst keine Frage des individuellen Komforts mehr. Sie ist todernst. Das Leben in Pflegeeinrichtungen, Bildungsstätten und Krankenhäusern ohne Kühlung wird in Sommermonaten zur Tortur. Auch das gehört zur Paradoxie der Kühlung.
Dunkhases prometheische Pointe über einen „durch Wärmeaufwand erkauften Wärmeentzug“ (12), der die Welt wärmer mache, hallt lange nach. Treffsicher führt das Buch den anhaltenden Technikfetisch in unterhaltsamer Manier ad absurdum.