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Gerade historisches Wissen wird gegenwärtig im Kontext von KI, Datenklau und Kommunikationsblasen attackiert – mehr noch: vernichtet. Wissenschaftlich geleiteten Museen und wissenschaftlich ausgebildeten KuratorInnen kommt eine wachsende Bedeutung zu, wenn derartigem Wissensverlust beziehungsweise -missbrauch gegengesteuert werden soll. „Nürnberg Global 1300 – 1600“ zeigt: Wir waren schon mal weiter.

Erdglobus von Johannes Schöner, 1520. Ausstellung „Nürnberg Global“, Foto: GNM, Georg Janßen. Bis 22. März 2026 im Germanischen Nationalmuseum


„Ein Projekt wie Nürnberg Global verpflichtet uns zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Differenz, Widerspruch und Ambivalenz, um unseren Horizont zu weiten und Grenzen im Denken und Diskutieren zu überwinden.“ Mit diesem Satz schließt Daniel Hess sein einleitendes Essay im Katalog zur aktuellen Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ab.

Daniel Hess ist Schweizer Kunsthistoriker und leitet seit dem 1. Juli 2019 als Generaldirektor das Museum. Als regelmäßiger Besucher eines Hauses, welches bereits mit seiner baulich gewachsenen Struktur eine Zeitreise durch die Architekturgeschichte bietet, ist man neugierig auf die Umsetzung des ambitionierten Themas. Welche Rolle spielte Nürnberg zu der Zeit zwischen Mittelalter und anbrechender Moderne? Als Aufbewahrungsort der sogenannten Reichskleinodien kam der Stadt ab 1424 im heterogenen Umfeld der deutschen Kleinstaaten eine besondere Bedeutung zu. Albrecht Dürer liefert mit seinen Portraits von Karl dem Großen und Kaiser Sigismund den passenden Einstieg zur Ausstellung. Die folgende rasante Entwicklung der Sicht auf die Welt lässt sich mit den Globen von Martin Behaim (Weltkulturerbe) und Johannes Schöner hervorragend illustrieren.

Chronik und Gegenwart

Hauptmarkt von Nürnberg, aus dem Baumeisterbuch des Wolf Jakob Stromer, um 1600 (Nürnberg, Staatsarchiv, Archiv des Freiherren Stromer von Reichenbach, B15, No. 200. (Foto. Staatsarchiv Nürnberg) Darunter der Herbstmarkt 2025 (Foto: Karl J. Habermann)

Hauptmarkt von Nürnberg, aus dem Baumeisterbuch des Wolf Jakob Stromer, um 1600 (Nürnberg, Staatsarchiv, Archiv des Freiherren Stromer von Reichenbach, B15, No. 200. (Foto. Staatsarchiv Nürnberg)
Darunter der Herbstmarkt 2025 (Foto: Karl J. Habermann)

Das fürchterliche Progrom am 5. Dezember 1349, bei dem 562 Jüdinnen und Juden ermordet wurden, führte zur Schleifung des zentral gelegenen Judenviertels, der Zerstörung der Synagode und dem Bau der Marienkirche am neuen Marktplatz. Die Stadtentwicklung wurde dadurch grundlegend beeinflusst. Politische und wirtschaftliche Macht rücken ins Zentrum. Rund vierzig Patrizierfamilien bestimmen die Nürnberger Politik. Später wies man den Juden peripher ein neues Viertel zu. In einem Aufsatz von Meyrafv Lewy – im Katalog mit der Überschrift „Grenzüberschreitungen – Jüdische Mobilität und urbane Integration in Nürnberg von 1350 – 1499“ übertitelt – wird das Verhältnis zwischen Juden und Christen ausführlich behandelt.
Die bekannte Schedelsche Weltchronik, mit Holzschnitten von Michael Wohlgemut und Wilhelm Pleydenwurff, gedruckt im Offizin von Koberger von 1493, begründet die Bedeutung Nürnbergs als Druck- und Nachrichtenzentrum Europas. Reichsburg, St. Lorenz und St. Sebald sind erkennbar. Die Vedute prägt bis heute die allgemeine Vorstellung vom mittelalterlichen Nürnberg.

Venedig – Tor zum „Welthandel“

Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Erfolg der Stadt waren neben Wissenschaft und hochwertigem Handwerk auch der Handel, unter anderem mit hochwertigem Kriegsgerät. Nürnbergs Tor zur Welt war hierbei Venedig. Der Markusplatz ist wie Nürnbergs Marktplatz mit Marienkirche zentrale Mitte von Kirche, Staat und Handel.

Venedig: Konstruktionsmodell der Rialtobrücke, spätes 16. Jahrhundert Stromer’sche Kulturgut-, Denkmal und Naturstiftung Kat. Nr. 54. (Foto: GNM, Georg Janßen)

Venedig: Konstruktionsmodell der Rialtobrücke, spätes 16. Jahrhundert; Stromer’sche Kulturgut-, Denkmal und Naturstiftung, Kat. Nr. 54. (Foto: GNM, Georg Janßen)

Das gelobte Land

Das Gedächtnisbild der Adelheid Tucher von Wolfgang Katzheimer aus Bamberg um 1483 gilt als früheste topografisch genaue Abbildung Jerusalems mit Felsendom im Vordergrund. Ein Pilgerbericht von der Reise in das Gelobte Land gibt Zeugnis ab über die Faszination, die das Heilige Land auf die Nürnberger ausübte. Es sei noch daran erinnert, dass die Altstadt Jerusalems über ein Jahrtausend in vier Quartiere unter den Religionen muslimisch, christlich, armenisch und jüdisch aufgeteilt war und de facto immer noch ist, im Laufe der Zeit und bis heute stets konfliktbeladen.

Das Leben der Menschen ist während der behandelten Geschichtsperiode unterschiedlich dokumentiert. Während die Oberschicht mit Schätzen, Urkunden Gemälden und Gebäuden aufwarten kann, ist der Rest der Bevölkerung trotz seiner unverzichtbaren Rolle gerade noch auf Marktplatzszenen sichtbar.

Entdecken, Erobern, Handeln

Das Schlüsselfelder-Schiff, Nürnberg 1502-04; Silber weitgehend vergoldet, getrieben, gegossen; Email; Figuren partiell farbig gefasst (Bild: Pressebild Germanische Nationalmuseum Nürnberg)

Das Schlüsselfelder Tafelschiff, um 1503; Germanisches Nationalmuseum, Dauerleihgabe der Johann Carl von Schlüsselfelder’schen Familienstiftung (Foto: Germanisches Nationalmuseum, Dirk Meßberger)

Die bislang beleuchteten Aspekte sind nur ein kleiner Ausschnitt vom präsentierten „Tafelsilber“ des eigentlich ebenfalls streng genommen global aufgestellten Germanischen Nationalmuseums. Zwei Episoden untermauern dies.
Der aus vergoldetem Silber gefertigte Tafelaufsatz einer Karocke zeigt den Schiffstypus in allen Einzelheiten mit dem Entdeckungen, Eroberungen und Handel betrieben wurden.

Albrecht Dürer: Rhinocerus, Nürnberg, 1515. Holzschnitt. (Bild: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Kat. 119)

Albrecht Dürer: Rhinocerus, Nürnberg, 1515. Holzschnitt. (Bild: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Kat. 119)

Albrecht Dürers allgegenwärtiges Rhinocerus hatte eine lange Reise von seiner Heimat in Goa nach Lissabon hinter sich bevor es auf seinem Weitertransport nach Rom durch Schiffbruch im Mittelmeer ertrank. Dürer bekam es selbst nie zu Gesicht. Er porträtierte es nach einer Beschreibung mit vermutlich beigefügter Zeichnung, die ihn aus Lissabon erreichte.

Exotismen

Weitere Kapitel behandeln die ausgestreckten Fühler Nürnbergs nach Rom, Konstantinopel, die iberische Halbinsel, nach Afrika, Indien und Amerika. Dabei geht es um fremde Kulturen, Bodenschätze, exotische Gewürze, Nutzpflanzen, Tiere und nicht zuletzt auch den Handel mit Sklaven.

Die Ausstellung umsegelt geschickt die derzeit laufende Umbauphase der Mittelalterhalle indem sie Highlights aus ihrer Sammlung mit dazu passenden Leihgaben anreichert und in einem voluminösen Katalog präsentiert.

Man kann nur hoffen, dass die laufenden und kommenden Um- und Anbaumaßnahmen des Museums zügig und ohne Kostenprobleme über die Bühne gehen. Es ist wünschenswert, dass die Wunderkammer dem neugierigen Besucher sobald als möglich wieder in vollem Umfang zur Verfügung stünde. Die bekannten Pläne des Architekten David Chipperfield wecken hier große Hoffnungen.

C_ONIRISM_N1: Klosterhof mit neuem Kreuzgangflügel (© Onirism Studio für David Chipperfield Architects)

C_ONIRISM_N1: Klosterhof mit neuem Kreuzgangflügel (© Onirism Studio für David Chipperfield Architects)