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Man traf sich im April zur Möbelmesse in Mailand, zum „Salone del Mobile“. Das merkt man daran, dass Hochglanzmagazine und einschlägige Einrichtungsblätter über brandneue Trends für die heimische Behaglichkeit berichten, über angesagte Cognac- und Auberginetöne oder neue Deko aus Press- und Druckglas. Werbeanzeigen in diesen Magazinen kommen mit einer Opulenz im Mobiliar daher, die zu noch größeren Wohnungen führen muss.

Empfindliche Pastell-Polsterberge – Wohnkomfort? Nichts für an der Bandscheibe Geschädigte. (Bild: Messebesuch)

Die Redaktion einer Zeitschrift genießt keine völlige Freiheit, was die thematische Auswahl ihrer Beiträge angeht. Berufsanfängern und neuen Chefredakteuren wird deshalb von der Verlagsleitung regelmäßig nahegelegt, Interesse für beide Zielgruppen, also den Leser- und den Anzeigenmarkt, zu zeigen. Ich weiß, wovon ich schreibe! Heißt: Die Außendienstmitarbeiter – die dem Verleger traditionell näherstehen als seine Redakteure – müssen für jedes geplante Themenheft rechtzeitig die werbungtreibende Industrie gewinnen. Schlägt die Redaktion also vor, ein Interview mit dem Vorstand der Güteschutzgemeinschaft Hartschaum zu bringen und dabei die Notwendigkeit von nachhaltiger Wärmedämmung zu erläutern, ist das für die zuständigen Kollegen ein Heimspiel. Steht dagegen auf der Agenda eine Titelgeschichte über feministische Architektur in der Steiermark, könnte der Anzeigenchef auch seinen Jahresurlaub nehmen.

In alter Solidarität geht einem das durch den Kopf, wenn man das Ende April erschienene Magazin der Süddeutschen Zeitung durchblättert. Die Redaktion hat das fruchtbare Themenfeld Wohnen, Textil-Design und Accessoires beackert. Da ist es naheliegend, um die Anzeigen der Möbelbranche zu buhlen. Und die kamen tatsächlich. Ganzseitig, herrlich! Man kann sich lebhaft vorstellen, dass ein Engagement für den Werbeleiter der Firma B naheliegend war, nachdem der nette Konkurrent der Firma A bereits seine Seite gebucht hatte. Was in diesem Heft beworben wird, sind Sitzmöbel und Sofas, wahrscheinlich hat das mit der an anderer Stelle in der Zeitung beklagten „Weltlage“ zu tun, und man hofft, dem Bürger zur Beruhigung neue Polster für sein noch friedliches Zuhause andrehen zu können.

Natürlich geht es nicht um profane Sofas. Nein, das klingt fast despektierlich, man bietet stattdessen Wohnlandschaften, Liegewiesen, Loungescapes, Chaise-Longues und Daybeds an. Die für die Fotos gefundenen Ambiente geizen nicht. Das sind keine Zwölf-Quadratmeter-Wohnzimmer, das sind feierliche Leerflächen, repräsentative Behausungen, Niederlassungen für das Nichtstun.

Polster- oder Kissenberge? (Bild: Möbelmesse 2026)

Polster- oder Kissenberge? (Bild: Möbelmesse 2026)

Anatomie?

Auffallend ist, wie sich die Polstermöbel in den letzten Jahren verändert haben. Mit Sicherheit stecken keine orthopädischen Einsichten dahinter, auch die menschliche Anatomie hat nicht mutiert, worauf die Ergonomie dann reagieren müsste. Vielleicht sitzen wir inzwischen einfach anders? Denn wozu haben diese Sofas Sitzhöhen von 35 bis 40, aber Sitztiefen zwischen 80 und 120 Zentimetern, dafür verkrüppelte Rückenlehnen von gerade mal einer halben Armlänge? Manchmal räkelt sich auf den Fotos eine Dame im kurzen Rock, das sieht gut aus. Aber in Wirklichkeit werden übergewichtige Kinder mit einer Chipstüte in der Hand darauf herumlungern, wenn sie den Tatort anschauen. Vielleicht gibt es in der Tradition von Erica Pappritz bereits Anleitungen, wie man sich auf diesen körperbehindernden Polsterflößen verhalten muss. Ich mag mir nicht vorstellen, wie man darauf einem fremden Besucher einen ordentlichen Platz anbieten soll: Er findet keine erreichbare Lehne, muss sich steif gerade halten (sofern der weiche Sitz es zulässt), falls er sich nicht lasziv herumrekeln will. Einige Hersteller haben deshalb matratzenartige Kissen im Angebot, die man sich als Puffer hinter den Rücken schiebt, was sofort eine kuschelige Wohngemeinschaftsstimmung erzeugt. Immerhin erhält man dann Gelegenheit, seine Gäste anhand ihrer eingenommenen Lagerung ein wenig kennenzulernen. Auf jeden Fall ist legere Kleidung ratsam, mit schmalen Röcken oder Jacketts und Bügelfalten gibt man darauf kein gutes Bild.

Das erinnert an Adolf Loos. Er hat mehrmals für die Familie Hirsch im tschechischen Pilsen gebaut. Seine Bauherrin Martha teilte später über diese Begegnung mit: „Loos hatte einen Frauenclub eingerichtet und mit bequemen, tiefen Fauteuils ausgestattet. Das erregte Verdruss und Ärgernis. ,Warum?‘, fragte Loos. ,Weil die Damen hinunterfallen‘, wurde geantwortet. – Die Damen jener Zeit trugen so lange und enge Mieder, dass sie sich nur auf der Kante der niedrigen Fauteuils niederlassen konnten, die wegen ihrer Schwere auf Radln liefen, wirklich liefen, nämlich unter der einseitigen Belastung der bemiederten Damen wegliefen.
,Das ist eine Mode aus dem Rokoko‘, sagte Loos. ,Sie werden sich die Mieder abgewöhnen und sitzen lernen, wie es der heutigen Zeit entspricht.‘“ (1)
Soweit der Meister. Ich gebe zu, ich hätte die Situation gerne einmal erlebt und als Kavalier den beinhart bewehrten Jungfern aufgeholfen. Von unseren neumodischen Kauerlagern kann man nicht mehr hinunterstürzen, eher in eine zweideutige Situation abgleiten. Dann drohen völlig neue Anfechtungen…

Nun denn, ich schweife ab. Es sollte nur gesagt werden, dass es heutzutage unabdingbar ist, dass redaktionelle Berichterstattung und Anzeigenakquise in einer fruchtbaren Balance zueinander finden.


(1) Das Autograph von Loos‘ Bauherrin befindet sich im Besitz des Südtiroler Architekten Zeno Bampi und wartet noch auf eine publizistische Verwendung.