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Es ist eine Neuentdeckung. Henrik Szántó, ein Autor finnisch-ungarischer Abstammung, der sich ein schmerzhaftes Kapitel deutscher Geschichte vorgenommen hat, irritiert mit ungewöhnlicher Erzählperspektive: Das Haus erzählt.


 Hendrik Szanto: Treppe aus Papier. 224 Seiten, Verlag Karl Blessing, 2025. ISBN 978-3896677785, 23 Euro


Henrik Szántó: Treppe aus Papier. 224 Seiten, Verlag Karl Blessing, 2025. ISBN 978-3896677785, 23 Euro

 

Sagen wir: Es handelt sich um ein Architekturbuch. Es geht nämlich um ein vierstöckiges Wohnhaus. Allerdings schreibt darüber keiner der üblichen Baubeflissenen, kein Architekt, kein Historiker, kein Kritiker. Sondern das Haus selbst erzählt, was es in den letzten hundert Jahren mit seinen Bewohnern erlebt hat. Es stellt sich einleitend vor (ein einziger Satz, der über dreieinhalb Seiten reicht), sagt, dass es aus Steinen, Beton, Gebälk und verputzten Wänden besteht, durchzogen vom Gedärm der Installationen, von denen es versorgt wird. Dieser Einfall ist hübsch, man möchte ihn sofort übernehmen und für eine neue, eigene Geschichte benutzen. Beim Lesen vergisst man manchmal diese ungewohnte Erzählperspektive, weil sich das Haus mit der Autorität der ersten Person Plural äußert: WIR.

Das Schicksal der Juden in Deutschland

Was es beobachtet, ist ein deutsches Thema, das uns nie verlassen wird. Es geht um den Nationalsozialismus und das Schicksal der Juden. Das ist zwar nicht neu, es ist ein verspäteter Beitrag zur Nachkriegsliteratur, wie sie Böll, Koeppen und zahlreiche andere Autoren geleistet haben. Aber es wachsen ja junge Leser nach. Für sie ist die Kontinuität der Verwaltungseliten, wie sie ein Hans Globke, Mitverfasser der NS-Rassegesetze, Staatssekretär und „Handlanger“ unter Adenauer, nach Gründung der Bundesrepublik repräsentierte, ein zeitgeschichtlicher Querverweis in der fiktionalen Handlung dieses Romans. Auch die Grausamkeiten der Gestapo lassen sich ahnen. Vor diesem zentralen, beklemmenden Hintergrund erleben wir auf der Bühne dieses Hauses deutsche Geschichte, mitgeteilt in Einzelschicksalen. Im Mittelpunkt stehen die 90jährige Irma Thon und die fünfzehnjährige Nele Bittner (die sich bisweilen als ihre Enkelin ausgibt); sie muss für die Schule ein Referat zum Nationalsozialismus schreiben und nimmt mit der alten Dame Kontakt auf.

Der Verrat

Was Nele nicht weiß: Irma hat als junges Mädchen ahnungslos und um sich bei den Erwachsenen wichtig zu machen, das Versteck ihrer jüdischen Freundin Ruth verraten. Es gibt also genügend Stoff für eine spannende Handlung.
Dass sie aus der Sicht eines Hauses beschrieben wird, erlaubt es dem Autor, ein kurioses Nebeneinander der Erzählstränge zu konstruieren. Dem in sich ruhenden Bauwerk ist es gleichgültig, wann sich etwas ereignet hat, also können auf einer Buchseite Irma und Nele im gleichen Alter in einem szenischen Dialog nebeneinanderstehen. Das ist in der Gattung Roman statthaft, vielleicht auch ein politischer Hinweis, dass sich unser eigenes Verhalten zum Nationalsozialismus nicht immer eindeutig rubrizieren lässt.

Niemals: frei von Geschichte

Ein bisschen erinnert Treppe aus Papier an unsere Schullektüre, die in den Abituraufsätzen abgearbeitet wurde. Man hätte für die Versuchsanordnung: Ein Haus erzählt, ebenso aktuellere Episoden verwenden können. Strauß, Kohl, Studentenbewegung, AKWs, Nachrüstungsdebatte, Grüne… „Kein Fleck in diesem Land ist frei von seiner Geschichte“, denkt Irma.
Der Autor pflegt eine bildhafte Sprache. Das gelingt ihm über weite Strecken ganz gut: „Wenn die Nächte in den neuen Tag kippen“ – wunderbar. Aber dann gehen ihm beim semantischen Voltigieren gelegentlich die Pferde durch. Kann man es umständlicher formulieren: „Ein paar Jahre darauf greift auf den Fluren die Sorge nach der Zuversicht, und die mit dem Feuer der Kehle sprechen nicht mehr nur im Schutz der Schatten offen.“ Aha. Oder ist es gut, sich die alte Irma am Frühstückstisch vorzustellen, wenn deren „dritte Zähne schweigend Dinkel fräsen“? Da würde man doch raten, einen Kieferorthopäden zu konsultieren. Vielleicht fehlt uns einfach die „Übung im Umgang mit dem Schleudertrauma beim Zusammenprall aller Emotionen“, uns stört die „Lunte riechende Mutter“, und wir wundern uns über „die charakterliche Tiefe von Joghurt“. Will sagen: Da hat sich ein Autor Literatur vorgenommen und möchte originell formulieren. Aber es scheppert blechern.
Dass Nele die Jungmädchenliebe mit Laura probiert, gehört zu den zahlreichen Sidekicks, die aphoristisch zwischen den zahlreichen Episoden verwendet werden. Damit machen die letzten 30 Seiten den Leser ein wenig ratlos. Auch das Haus resigniert. Von kontrollierter Sprengung ist die Rede.