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Ach, früher, da war alles besser. Meint man. Auch Retro ist ein moderner Trend. Bild: Wikimedia Commons, CC BY 3.0, Hans Bernhard (Schnobby)

Stilkritik (76) | Die Ansprüche steigen – nicht nur für die eigenen Wünsche greifen Menschen mitunter tief in die Tasche, auch für die Freunde auf vier Pfoten darf es gern mal ein bisschen mehr sein. Ob Smarthome oder Passivhaus: In den Sorgen um die Tiere spiegeln sich nur die gleichen, die uns auch sonst plagen.

Egal ob Pferd, Hund oder Katz´ – jeder Vierbeiner braucht ein eigenes Zuhause im Zuhause. Okay, beim Pferd gestaltet sich das nicht so einfach, weshalb die gemietete Box in der Pferdepension unumgänglich ist, besitzt man nicht selbst einen Bauernhof mit Stallungen. Während dafür hierzulande im Schnitt 200 bis 400 Euro pro Monat zu berappen sind, fallen in der benachbarten Schweiz für diese Dienstleistung gut und gerne auch mal vierstellige Summen an. Deutlich günstiger kommen hingegen Hunde- und Katzenbesitzer weg, wenn der Kauf einer Hütte ins Haus steht. Wobei … auch für Balou (Lieblingsname für Rüden) oder Lilly (Platz 1 bei den Katzen) tut´s heute keine sattelbedachte Kiste mit sägerauer Holzfassade mehr – ein bisschen mehr Wohnwert darf´s bitteschön doch sein.

Oh Hundeblick und Katzenjammer


Moderne Technik verzerrt auch bei den treusten Freunden den Blick auf die Realität. Bild: pxhere, Creative Commons

Ja doch: man hat´s verstanden! Wenn der Wauwau sich schon die Nacht im Zwinger um die Schlappohren schlägt und die Katze das Mausen im Dunkeln nicht lassen kann, dann braucht´s eben die bodenisolierte Luxusvariante für den Outdoorbereich – Angebote gibt es zuhauf. Prinzipiell fallen die Immobilien für Felltiger etwas günstiger aus, nun ja … sie sind ja auch kleiner. Und es scheint so, als wären Kater und Katzen für architektonische Extravaganzen nicht gar so empfänglich, denn das Luxus Katzenhaus IDEAL (79 Euro) erinnert mit seinem dachpappengedeckten Pultdach an die erste Passivhausgeneration, wenngleich es mit der südorientierten Befensterung ziemlich düster aussieht. Eher nordisch kommt hingegen das Elmato Luxus Katzenhaus (82,43 Euro) daher, echte Qualität aus Bayern, mit leistendekoriertem Eingang. Aber auch hier ist die Architektur mehr schlicht als recht. Etwas mehr bietet das Kerbl Katzenhaus 4-Seasons Deluxe (139 Euro), immerhin mit überdachtem Dachbalkon und nachrüstbarer Gummiheizplatte. Obwohl … warum nicht auch bei Vierbeinern das verdichtete Bauen predigen und die Liebsten im Groß Katzenhaus mit Sonnendach (ab 92 Euro bei Amazon) auf zwei Geschossen faulenzen lassen?

Alles Kokolores, wenn man sich diesbezüglich bei den Immobilienangeboten für Hunde umsieht – denn hier gehört die Fußbodenheizung längst zur Grundausstattung. So bietet der tschechische Hersteller Rafabo „geräumliche und moderne Hundehütten aus feinsten Materialien“. Die Serie Jesper (ab 5.200 Euro) bietet eine „wärmeisolierte Hütte für gesundes Wohnen“ mit regelbarer Heizung und Audiokommunikation. Für 850 Euro Aufpreis wird der serienmäßig in sibirischer Lärche gehaltene Innenraum mit Zedernholz ausgekleidet. Auch stildressierte Architektenhunde kommen hier auf ihre Kosten: Das futuristische Modell Sheila gibt´s in 200 RAL-Farbtönen, hochglanzlackiert, versteht sich, und mit stählerner Tragkonstruktion. Wuff. Aber jetzt kommt´s: Der südkoreanische Technikkonzern Samsung, im Kerngeschäft mit TV-Geräten und Smartphones auf Erfolgskurs, hat 2015 auf der weltgrößten Hundeschau „Crufts“ im englischen Birmingham mit dem „Samsung Dream Doghouse“ den Vogel abgeschossen: Die luxuriöse Hightech-Hundehütte macht mit kunstrasenbelegtem Laufband, automatischem Futterspender, Hydro-Pool (!), Fernseher, Bildtapete mit Knochenmotiv und vielen weiteren Annehmlichkeiten aus dem einst kargen Hundeleben einen verwöhnten Lebehund.


Die Katze darf raus, die Wärme bleibt drinnen


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Katzentür fürs Passivhaus. Überwachung inklusive. Bild: petWALK

Und ob der noch zum Schafe hüten oder Einbrecher vertreiben taugt? Schlappe 28.000 Euro hat sich der Konzern die Entwicklung dieser Albtraumhütte kosten lassen, die über eine technische Ausstattung verfügt, „die der Hund der Zukunft braucht“, meinte jedenfalls der Samsung Präsident Andy Griffiths bei der Präsentation. Da kann man nur hoffen, dass er das nicht ernst gemeint hat oder sich grandios irrt. Obwohl … vielleicht wäre diese Villa genau das, wonach die öffentliche Hand sucht, um ihren Wachhunden von sicherheitssensiblen Bundesliegenschaften eine adäquate Unterkunft bereitzustellen. Diese könnten dann, während sie am Futterspender schlabbern oder sich im Hydro-Pool entspannen, mit spitzen Ohren und scharfem Blick auf dem Fernseher die Übertragung der Überwachungskameras verfolgen und, im Falle des Falles, mit hochgezogenen Lefzen ausrücken. Wenn gerade kein Schnee liegt oder sonstiger witterungsbedingter Unbill die fußbodenheizungsverwöhnten Diensthunde abschreckt.

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Tür – wahrhaft tiergerecht. Bild: Claudia Siegele

Katzen würde es jedenfalls im Traum nicht einfallen, bei drohenden Regentropfen auch nur eine Samtpfote vor die Tür zu setzen. Weshalb mir nicht so ganz einleuchten will, wozu es für diese Spezies Outdoor-Hütten braucht, wenn sie ab Beginn der Heizperiode sowieso das Wohnzimmer nicht mehr verlassen, es sei denn, man hat sich bereits zu Bett begeben. Für den Fall reicht dann die bewährte Katzenklappe, wenngleich die heute auch nicht mehr das ist, was sie einmal war. Die heißt nämlich jetzt Tiertür, passt für Hund und Katz´, schließt luftdicht und ist so gut gedämmt, dass sie sogar die strengen Kriterien für ein Passivhaus erfüllt. Und sie reagiert auf den im Tier implantierten RFID-Chip – sie öffnet sich automatisch, sobald die Streuner hungrig nach Hause kommen und um Einlass bitten. Und mit einem Einstiegspreis ab 1.500 Euro liegt man weit unter der Anschaffung, die der Hund der Zukunft braucht. Und die Katze passt auch noch durch … Mensch!