Im Spannungsfeld aktueller Debatten zeigt eine Ausstellung in Köln Hochhausentwürfe für den dortigen Heumarkt, die 100 Jahre alt sind. Sie sagen viel über die Idee von Stadt damals, aber auch über die Diskussionen zum Stadtbild von heute.
1925 schreibt die Stadt Köln unter Oberbürgermeister Konrad Adenauer einen Wettbewerb aus, der es in sich hat. Gemeinsam mit dem Warenhauskonzern von Leonhard Tietz soll ein Büro- und Geschäftshaus am Ostrand des zentralen Heumarkts entstehen, genau an der Stelle, wo die Brücke über den Rhein nach Deutz, Kalk und den anderen linksrheinischen Stadtteilen führt, also die Kernstadt mit der „Schäl Sick“, der wenig geliebten Seite Kölns verbindet. Neben Büros und Gewerberäumlichkeiten soll auch Gastronomie untergebracht werden, insgesamt werden 180.000 Kubikmeter Bauvolumen abgefragt. Mehr als 400 Arbeiten werden eingereicht, begutachtet an vier Tagen von einer Jury, der neben Adenauer selbst auch Peter Behrens, Wilhelm Kreis, Martin Elsässer und Emil Fahrenkamp angehören, alles namhafte Architekten ihrer Zeit. Ein Zitat Adenauers zeigt den damaligen Geistwie das bis heute währende Geltungsbedürfnis und die Rivalität zur nördlich gelegenen Landeshauptstadt gleichermaßen: „Wo ist mein Hochhaus am Rhein? New York hat schon 2.222, Düsseldorf hat schon zwei Hochhäuser, Köln hat erst eins. Schnell an die Arbeit!“

Sauber und aufgeräumt: so präsentiert sich die ganze Ausstellung. Bild: David Kasparek
42 der 412 eingereichten Arbeiten zeigt nun, 100 Jahre später, eine Ausstellung, die Studierende der TH Köln zusammen mit Daniel Lohmann, Professor der Mastervertiefung Denkmalpflege, erarbeitet haben. Schon der Ort der Schau ist gut gewählt, liegt doch der heute „Glasmoog“ genannte „Raum für Kunst & Diskurs“ der Kunsthochschule für Medien direkt am Heumarkt: im Erdgeschoss der just sanierten Erweiterung der ehemaligen Handwerkskammer – einem Entwurf von Werner Ingendaay aus den späten 1960er-Jahren. Der Platz selbst jedoch ist heute aufgrund der ausufernden Verkehrsflächen kaum noch als solcher erlebbar und eigentlich nur noch im Stadtgrundriss eines Schwarzplans ablesbar.
Historischer Kontext und aktueller Beitrag

Ein Umgebungsmodell auf einem der beiden zentralen Tische lädt dazu ein, die Wettbewerbsbeiträge zu überprüfen. Bild: David Kasparek
Einleitend wird in der Schau zunächst die Vorgeschichte des Wettbewerbs dargelegt, wer bereits Vorentwürfe vorgelegt hatte und wie die Stadt ganz allgemein seinerzeit im Aufbruch begriffen war. Die Schleifung des Festungsrings und die Anlage des bis heute bestehenden Grüngürtels sorgten zusammen mit dem Bevölkerungswachstum der Stadt zu einer bemerkenswerten Bautätigkeit. Der Heumarkt unweit des Rheins ist damals ein von neugotischen Spitzbögen gespickten und neorenaissance-verzierten Gebäuden geprägter Marktplatz. Satteldächer definieren die Silhouette, Straßenbahn und immer mehr Automobile befahren den Platz. Wo heute das in seiner Entstehung einigermaßen skandalumtoste Maritim-Hotel steht, findet sich damals die 1904 eröffnete Markthalle, die im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, in der Folge abgerissen und dann – ganz kölsch – provisorisch bis 1988 als Parkplatz genutzt wird.

Ein zweiter Tisch trägt eine Art „Mitmach-Modell“. Bild: David Kasparek
Obschon der Wettbewerb historisch bereits einige Male Thema von Aufarbeitungsversuchen war, gelingt es der Schau, durch die erneute Wiedervorlage Neues beizutragen. Das liegt zum einen ganz konkret an der Rekonstruktion der ausgewählten Entwürfe im Modell. 3D-gedruckte Miniaturen ergänzen nun erstmals die historischen Pläne und Ansichten, denn vor 100 Jahren wurden nicht alle Arbeiten auch als Modell eingereicht. Überhaupt schleicht sich ein Hauch Wehmut ein bei der Betrachtung der Architekturdarstellung jener Zeit, waren sie doch ebenso fein wie noch angemessen unkonkret und täuschten damit nicht jene angeblichen und doch nur so selten erreichten Realitäten heutigen KI-Fotosurrealismus‘ vor. Die neuen Modelle lassen sich in der Ausstellung in ein zentrales Einsatzmodell einfügen. Daneben steht ein Gefäß voller Holztaler, die von den Besuchenden genutzt werden können, um ihre Meinung über den passendsten Entwurf kundzutun: Neben jedem Entwurf steht eine Art Spardose, in die man die Taler werfen kann und damit dem Projekt der Wahl seine Stimme geben kann. Ergänzt wird dieses Momentum der Teilhabe um einen weiteren Tisch, auf dem Holzwürfel im Maßstab 1:200 die 180.000 Kubikmeter abgefragtes Raumvolumen symbolisieren und dazu einladen, einen eigenen Vorschlag einzubringen, wie die Kubatur am Modell unterzubringen sein könnte.
Teilhabe an der Vergangenheit

Klar und prägnant: das Blau signalisiert das Besondere, Modelle und Texte ergänzen die historischen Pläne und Ansichten. Bild: David Kasparek
In der Zusammenschau von historischen Plänen und perspektivischen Modellen auf der einen und neuen Erläuterungstexten und Modellen auf der anderen Seite wird deutlich, wie unbefangen, ja unverfroren oder mutig die Planer an die Aufgabe herangingen. Eine inklusive Formulierung ist fast nicht nötig, denn auch das ist ein Zeichen der Zeit: Nur zwei Frauen nehmen in den 1920er-Jahren am Wettbewerb teil. Das immense Bauvolumen türmen die Teilnehmenden zu großen architektonischen Formen auf, die in der vom Rhein aus gesehenen Stadtsilhouette in einer Art und Weise in eine Reihe mit der romanischen Kirche Groß St. Martin und dem Dom treten, dass Debatten um den Verlust des Status der Stadt als UNESCO-Weltkulturerbe in den 2000er-Jahren wie kleinliche Bagatellen wirken. Historischer Kontext hin oder her: Hier wird mit großer Geste entworfen und der Versuch unternommen, ein neues Bild von Stadt zu erzeugen, aus dem der Geist des Aufbruchs spricht. Interessant ist dabei auch, wie sehr sich die Entwerfenden formal-ästhetisch zwischen ausklingendem Expressionismus und moderner Rationalität bewegen. Beides findet sich zu fast gleichen Anteilen in den Entwürfen.

Teilhabe nach 100 Jahren: Holztaler können zwecks Stimmabgabe in bereitstehende „Spardosen“ geworfen werden. Bild: David Kasparek
All das wird angenehm unprätentiös auf Papierbahnen präsentiert, die mit großen Heftklammern an Bauzäunen montiert sind. Grellorange Pack-Gurte halten MDF-Bretter etwa auf Kniehöhe, auf denen die 3D-gedruckten Einsatzmodelle und die hölzernen Spardosen zur Stimmabgabe stehen. Die 42 gezeigten Arbeiten führen dabei Wettbewerbsbeiträge unterschiedlichster formaler Ausprägung zusammen. Mal wird die Brückenauffahrt expressionistisch überbaut, wie im Fall des Gewinnerentwurfs von William Dunkel und Friedrich W. Pipping, mal organisch geschwungen begleitet wie von Hans Scharoun. Hans Poelzig fasst die Auffahrt modernistisch abgerundet, Peter Birkenholz schlägt einen von zwei Riegeln flankierten, kugelrunden Bau über der Fahrbahn vor, der auch das Ausstellungplakat ziert. Die zwei seinerzeit mit Preisen ausgezeichneten Entwürfe sowie die acht Ankäufe werden in der Ausstellung durch ihre Präsentation auf blauem Papier sofort als besonders kenntlich gemacht.
So stößt die Schau einmal mehr die Diskussion darüber an, was wir heute für angemessen und richtig erachten. Und auch darüber, was schön sein mag und was aus welchen Gründen und von wem eben nicht so bezeichnet wird. Das Momentum der Teilhabe in dieser Ausstellung weist darauf hin, dass das stets ein Aushandlungsprozess zwischen jenen ist, die eine Stadt planen und denen, die in ihr leben. Wo heute über historische Fassaden von Bauakademien auf der einen und die Unfertigkeit des Neuen andererseits debattiert wird, ist das kein geringer Beitrag auf Basis vermeintlich längst vergessener Entwürfe. Und so gilt, in Köln vielleicht mehr noch als anderswo, was die große Trude Herr 1987 getextet und gesungen hat: „Niemals geht man so ganz.“
Heumarkt 1926 – Kölns vergessener Hochhauswettbewerb
bis 14. März 2026
Glasmoog – Raum für Kunst & Diskurs
Kunsthochschule für Medien Köln (KHM)
Heumarkt 14
50667 Köln
Öffnungszeiten: Mittwoch – Samstag, 14–19 Uhr und nach Vereinbarung
Feiertags geschlossen
Eintritt frei
Termine:
Montag, 9. Februar 2026, 19 Uhr, Vortrags- und Diskussionsabend mit Bernd Streitberger, Peter Füssenich, Prof. Dr. Daniel Lohmann und Studierenden, in Zusammenarbeit mit dem Architektur Forum Rheinland e.V. (Ort: Aula der KHM, Filzengraben 2, 50676 Köln).
Davor ab 18 Uhr, Führung durch die Ausstellung.

Bild: David Kasparek
