Gerüst mit Plane, 2005. Konzeptionell nicht weit von dem Stand von 2026 entfernt. (Bild: Wikimedia Commons, Pazit Polak CC BY-SA 2.0)
Die Rekonstruktion der Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel ist wieder ein Stückchen näher gerückt. Die seit Jahren drängenden Fragen bleiben dennoch unbeantwortet. Viel Zeit und Energie wurde verschwendet, aus Fehlern beim Schloss nebenan keine Konsequenzen gezogen. So könnte die Bauakademie zum Symbol für die verzagte Politik dieser Tage werden. Das hat Schinkel nicht verdient. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit.
Die Erschöpfung der Debatte war deutlich zu spüren. Nicht einmal ein laues Lüftchen erhob sich, als eine Pressemitteilung des Landes Berlin am 20. Januar 2026 verkündete, der Senat von Berlin habe „den Bericht an das Abgeordnetenhaus zur Sicherung der Wiederherstellung der historischen Fassaden der Bauakademie beschlossen.“ Übersetzt heißt das, dass nun zwar der lange erwartete Architekturwettbewerb zum Neubau der Bauakademie zwischen Stadtschloss und Friedrichwerderscher Kirche wohl bald ausgeschrieben werden soll, dass aber die Rekonstruktion aller vier Fassadenseiten streng nach historischer Vorlage bereits festgeschrieben sein wird. Und das wiederum bedeutet, dass sich die Berliner Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt und die Berliner Fraktion der Rekonstruktionsfreunde in einem jahrelangen Rangeln hinter den Kulissen gegen Bund und Bundesstiftung letztlich durchgesetzt haben.
Nur in der „Welt“ kam Siegesstimmung auf. Dort schwadronierte Rainer Haubrich, schon seit Stimmanns Tagen so etwas wie der militante publizistische Arm der Rekonstruktionsbewegung, dass nun endlich Volkes Wille umgesetzt würde. In Haubrichs Wahrnehmung herrscht schon lange Einigkeit im ganzen Land, dass die Bauakademie streng nach Schinkels Vorlagen von 1836 rekonstruiert werden müsse. Nun endlich sei dieser Volkeswunsch in der Bundespolitik angekommen, nach „Jahren des Verzögerns und Blockierens durch Anhänger einer ‚modernen Interpretation‘“ – die Anführungszeichen sollen wohl verdeutlichen, wie absurd der Autor diesen Gedanken findet. Endlich kann jetzt „die Mitte Berlins also jenen wichtigen Schlussstein erhalten, der bisher fehlt.“ Aha. Schluss, keine weiteren Steine mehr, ab jetzt bleibt alles so, wie es ist. Die Mitte wird zu einem Museum, zum Ausdruck der Vorstellung von einer Stadt als vollendeter Kulisse, statt einer, die sich mit der Gesellschaft in ständigem, dynamischem Werden befindet.
Wille ohne Volk
Andere Kommentatoren fanden sich kaum noch ein. Wozu sollte man noch weiter auf den Widerspruch und all die Mühseligkeiten hinweisen, die automatisch folgen, wenn man sich ein zeitgemäßes Veranstaltungs- und Ausstellungszentrum für den Nachhaltigskeitsdiskurs der Bauwirtschaft (denn das soll die Bundesstiftung Bauakademie ja in ihrem Neubau leisten) in eine historisch anmutende Schinkelkruste zwängt? Wozu? Darauf ist inzwischen wirklich oft genug und aus allen erdenklichen Fachperspektiven hingewiesen worden. Es gibt gelungene Rekonstruktionen, es gibt misslungene Rekonstruktionen, und es gibt ein Dutzend hervorragende Beispiele für zeitgenössische Interpretationen von historischen Gebäuden. Eine Rekonstruktion der Bauakademie wäre nicht zum Scheitern verurteilt, wenn die Öffentliche Hand als Bauherrin bereit und in der Lage wäre, aus den vielen Fehlern beim Schloss-Neubau ernsthaft lernen zu wollen. Denn dann reicht es nicht, ein paar formelle Beteiligungsveranstaltungen durchführen oder eine große Menge an Expertinnen und Fachleuten zu Wort kommen zu lassen. Sondern dann muss am Ende auch jemand da sein, der wirklich zuhört, interessiert moderiert und schließlich den Prozess zu einer Entscheidung führt, die tatsächlich auf dem Diskutierten basiert.
Dies war hier nicht der Fall. Den zehn Jahre langen Vorlauf hätte man sich schenken können. Alles für die Katz: Die drei sehr gut besuchten Diskussionsforen im Kronprinzenpalais 2017, der wachsweiche Programmwettbewerb mit fünf gleichberechtigten „Siegern“, deren Entwürfe lediglich das komplette Spektrum an Nutzungsmöglichkeiten zeigten. Ohne Bauherrschaft, die daraus aktiv und diskursiv ihre Entscheidungen entwickelt, macht das alles wenig Sinn. Stattdessen wurde delegiert, um dann die Bauakademie nicht mal von der etablierten Bundesstiftung Baukultur organisieren zu lassen, sondern eine neue Bundesstiftung zu gründen, von der man bis heute nicht so genau weiß, worum sie sich kümmern soll. Irgendwas mit Nachhaltigkeit und Bauwirtschaft.
Nach einem ersten fehlgeschlagen Verfahren mit Florian Pronold wurde im zweiten Anlauf der Bauökonom Guido Spars Gründungsdirektor. Spars entpuppte sich als engagierter Fachmann, der ein Profil entwickeln wollte: Die Stiftung sollte zur Diskursplattform für alle am Bau Beteiligten – vom Stadtplaner bis zur Handwerkerin, von der Baustoffherstellerin bis zum Architekten – werden, mit einem Fokus auf Innovation und Nachhaltigkeit. Den Neubau dafür wollte Spars zum Demonstrationsobjekt eines Bauens machen, dass mit klaren Bezügen zur Vergangenheit zukunftsoptimistisch und innovativ sein kann. Das hätte ein hochinteressanter Wettbewerb werden können, zu dem selbstverständlich auch alle eingeladen gewesen wären, die dem Gebäude Fassaden nach historischem Vorbild geben wollen.
Aber schon schrie die kleine Gruppe der Rekonstruktionsfreude laut auf, so wie sie auch schon bei den Diskussionsforen 2017 alle Beiträge, die eine zeitgenössische Interpretation ins Spiel brachten, mit lautem und mauligem Murren und Zwischenrufen begleitet hatten. Es lief die Mobilmachung. Im Netz platzten unter jedem Artikel zum Thema die Kommentarspalten, viele davon bezeichneten Spars als dickköpfig, stur und inkompetent, es folgte eine kläglich gescheiterte Online-Petition für Spars‘ Absetzung, und immer wurden die Argumente mit der Behauptung garniert, dies sei der Wille des Volkes. Dass davon aber keine Rede sein konnte, hatten schon die kontroversen Forumsdiskussionen 2017 ausreichend gezeigt.

Das Berliner Stadtschloss, bevor es seine Kruste bekam. Das Bild von Henning Mayer-Jantzen ist einem Foto-Essay von 2017 entnommen, in dem die Bekrustung dokumentiert wurde – hier geht es zu den weiteren Bildern.
Berliner Blockade
Dann drehte sich der Wind auf Landesebene. 2021 hatte die Berliner SPD Petra Kahlfeldt in der neuen SPD-CDU-Koalition zur Senatsbaudirektorin berufen. Hinter der Berufung steckte ein Netzwerk um den umtriebigen Berliner Architekten Tobias Nöfer. Auf Initiative von Nöfer und Kahlfeldt landete eine Formulierung zur Bauakademie auf Seite 54 des Koalitionsvertrags der neuen Berliner Regierung. Die knappen Sätze fanden zwar wenig Beachtung, waren aber überaus eindeutig: „Die Wiedererrichtung der historischen Fassaden der Bauakademie ist durch ein geeignetes Verfahren sicherzustellen. Falls dies nicht durch eine entsprechende mit dem Bund und der Stiftung Bauakademie abgestimmte Ausgestaltung des Wettbewerbstextes für den Gestaltungswettbewerb gelingt, wird der Senat hierzu eine Gestaltungsverordnung erlassen.“ Das war ein drastischer Kommentar zu den Beteiligungsverfahren: Ja, beteiligt ruhig die Fachwelt, ist mir egal, am Ende entscheide ich mit aller Macht, die ihr mir gegeben habt. Und es ist fast exakt derselbe Wortlaut, wie er nun in der Pressemitteilung des Landes Berlins vom 20. Januar steht. „Mission Bauakademie“ erfolgreich abgeschlossen.
Denn tatsächlich kann das Land Berlin – in diesem Falle: Petra Kahlfeldt – mit einer Gestaltungsverordnung dem Bund als Bauherren das Bild der Fassaden zwingend vorschreiben. Zeitgenössische Interpretation? Mit Petra Kahlfeldt sicher nicht. Schon nach ihrem Amtsantritt im September 2022 machte sie das öffentlich, wie der Tagesspiegel berichtete . Volle drei Jahre hat sie die Verhandlungen zwischen dem Bund, der Stiftung und dem Land Berlin über die Wettbewerbsvorbereitungen mit dieser Drohung stur blockiert. Nun rückt allerdings die nächste Wahl näher, im September 2026 wird in Berlin gewählt. Ob Petra Kahlfeldt danach weiter im Amt bleibt, ist offen. Eine besonders eindrucksvolle Bilanz kann sie nicht vorweisen. Daher wurde hinter den Kulissen offenbar der Druck erhöht, vorher noch Fakten zu schaffen.
Wichtig auch ohne Weltruhm
Im August 2025 verlängerte Spars seinen Vertrag nicht. Offensichtlich wollte er den faulen Kompromiss eines Wettbewerbs, bei dem die Fassadenfrage schon vorher von oben entschieden war, nicht mittragen. Öffentlich äußern möchte er sich dazu bis heute nicht. Sein Amt übernahm Vizedirektorin Elena Wiezorek, die bislang inhaltlich eher blass blieb und offenbar weniger Probleme hat, das Kahlfeldt’sche Diktat mitzutragen. Von Bundesseite gab es bislang keine Äußerung. Vielleicht passiert dort dasselbe wie überall im Land, wenn die Sprache auf die Bauakademie kommt. Schulterzucken. Augenrollen. Ach, lass sie doch.
Nein, es spricht grundsätzlich nichts dagegen, die Bauakademie wieder aufzubauen. Sie war wirklich ein wichtiges Gebäude, auch wenn sie sicher nicht, wie Rainer Haubrich in der Welt ständig wiederholt, gleich Weltrang hatte oder gar die ganze Chicago School beeinflusst haben soll. Das ist Unsinn und eher ein pathologischer Fall neudeutscher Großmannssucht, die oft mit dem Wunsch nach Vorkriegs-Rekonstruktionen in deutschen Innenstädten einhergeht. Da muss es immer gleich um Weltbedeutung gehen.
Aber die Bauakademie war auch so ein gutes, ein wichtiges Gebäude – vor allem eben im Zusammenspiel mit dem Schloss, dessen reich geschmückten Fassaden Schinkel mit beinahe revolutionärer Geste einen nahezu nackten, roten Kasten gegenüberstellte, eine Frechheit eigentlich, ein Industriegebäude der Art, wie er sie auf seiner Englandreise kurz vorher gesehen hatte. Gerade jetzt, mit diesem elend ungelenken, schlecht wiedergeborenen Schlossklotz gegenüber bin ich sehr dafür zu haben, auch die Bauakademie als kritischen Gegenpol zurückzuholen. Nur: Dann muss sie eben auch wieder exzellente Architektur werden. Das kann sie aber nicht, solange die Widersprüche zwischen Fassade und Innenleben ignoriert werden, wenn man diese zu Kleinigkeiten erklärt, die im Wettbewerb bitte die Architekt*innen kreativ lösen sollen.
Gute Architektur entsteht aus einem guten Zusammenspiel von innerer Funktion und äußerem Ausdruck. Das ist das kleine Einmaleins, das bereits Erstsemester und die meisten Laien verstehen. Unter den aktuellen Voraussetzungen droht die wiedergeborene Bauakademie ein Desaster zu werden, ein Fassadenzombie, wie Ulrich Müller, Oliver Elser und ich das schon in unserem gemeinsamen Kommentar zum Diskussionsforum 2017 genannt hatten.
Zwei Möglichkeiten

Grundrisse und Schnitt der Bauakademie – so müsste es wieder werden, wenn man wirklich rekonstruieren wollte. (Bild: aus der „Sammlung Architektonischer Entwürfe 1819-1840“ von Karl Friedrich Schinkel, gemeinfrei, via Wikimedia Commons)
Wenn es sich nun aber auf die Frage reduziert, wie das Innen mit aller notwendigen Haustechnik und verordnungsadäquat hinter die historischen Fassaden gebastelt werden kann, dann kann man sich den Architekturwettbewerb auch sparen. Dann genügt ein VgV- oder VOF-Verfahren, idealerweise vergeben an einen privaten Baudurchführer-mit-Architekturbüro und zum Festpreis à la Drees & Sommer. Ob allerdings heute noch die 2016 kalkulierten 62 Millionen Euro für die Baukosten reichen werden? Wohl kaum. Und wer zahlt dann das Ganze? Der Bund, der eben gerade so unsanft ausgebremst wurde? Oder sollen wie beim Schloss private Spenden eingesammelt werden? Oder wäre wie bei der Kommandantur ein privater Investor auch als Nutzerin denkbar?
Während also diese nicht ganz unwichtigen Finanzierungsfragen vor einer Wettbewerbsausschreibung noch zu klären sind, könnte man sich auf Bauherrenseite auch noch einmal grundsätzliche Fragen stellen. Was folgert aus der Berliner Bedingung, dass die vier Fassaden originalgetreu zu rekonstruieren sind?
Da wäre die erste Möglichkeit, alles so weiterlaufen zu lassen wie bisher. Der Bund zahlt alles, der Wettbewerb bringt irgendein halbwegs funktionierendes Ganzes zutage. Damit würde sich die Bauakademie nahtlos in die Berliner Mitte einreihen und aus dem Dreigestirn aus Kommandantur, Schloss und Akademie entstünde ein Symbol für eine Politik, die ihr Heil in Rezepten von gestern sucht, für all die Mutlosigkeit, die sich aktuell wie Mehltau über die ganze Republik legt, die sich nichts Besseres mehr vorstellen kann als das, was sie schon kennt. Kommende Generationen könnten dann ihre Kinder durch dieses Mitte-Mausoleum führen und ihnen zeigen, wie es um Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts bestellt war.
Die zweite Möglichkeit wäre, die festgelegte Rekonstruktion der Fassaden wenigstens konsequent zu Ende zu denken mit jener Radikalität, die schon Schinkels Werk auszeichnete. Dann würde man die Bauakademie vollständig rekonstruieren, also innen wie außen nach den Originalplänen. Da dieses Gebäude nach heutigen Vorschriften nicht zu nutzen ist, bleibt es eben leer. Man könnte es zum „Gebilde von hoher Zwecklosigkeit“ erklären. Diesen schönen Begriff nahm Walter Maria Förderer einst zur Erklärung seiner Sichtbetonkirchen in der Schweiz – und für Schinkel-Fans gibt es ein gelungenes Beispiel gleich nebenan, die Friedrichwerdersche Kirche. Die ist ebenfalls ein zweckfreier Bau in der Mitte, der von den Staatlichen Museen als Ausstellung seiner selbst „genutzt“ wird.
Wer diese Leere bezahlen soll? Nun, die Bundesstiftung Bauakademie könnte man dann zur Fertigstellung beruhigt auflösen. Ihre Aufgaben können andere besser erfüllen. Die Bauakademie hingegen bliebe leer und ungenutzt, ein Monument ihrer selbst, heilige Hallen, durch deren Backsteingewölbe der Wind der deutschen Geschichte weht. Das durch die Stiftungsauflösung eingesparte Geld reicht für ein paar Jahre Betriebskosten. Und vielleicht ließe sich perspektivisch sogar noch eine etwas ältere Idee von Niklas Maak reaktivieren: Der hatte 2014 in der FAZ im Bezug auf das Berliner StadtSchloss geschrieben, man möge es doch bitte als Rohbauruine stehen lassen und „die Berliner in dem sandigen Betongeviert Häuser, Läden, Werkstätten, Clubs und Ateliers“ einbauen lassen. Ideen gibt es in dieser jungen, lebendigen, kreativen Stadt doch stets genug, und viele dieser Ideen brauchen Räume: „Eine Besiedelung der neuen Schlossruine wie die eines Riffs, statt einer feudalen Megastruktur mit fragwürdiger Füllung, wäre die zeitgemäße Form der ersehnten Kleinteiligkeit und Funktionsmischung, die die europäische Stadt angeblich so lebenswert macht.“ Exakt das ließe sich doch mit einer vollständig originalgetreuen Rekonstruktion der Bauakademie erproben. Das wäre ein Projekt, das vielleicht endlich mal wieder Feuer im erkalteten Ofen der Berliner Architekturdiskussionen entfachen könnte. Worauf wartet ihr noch?
