• Über Marlowes
  • Kontakt

Ein weißer Saab, drei Freunde und die toten Dichter: In Jaroslav Rudiš Road-Novel „Wo die Toten sprechen“ geht es um die Orte, die gesellschaftlich stets etwas tabuisiert werden, an denen Erinnerung, Trost und Trauer zusammenfinden.

Im Hintergrund: Friedhof San Michele (Bild: Wikifree, 2020)

Jaroslav Rudiš: Wo die Toten sprechen

Jaroslav Rudiš: Wo die Toten sprechen. Luchterhand Verlag 2026, 234 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-630-87739-6

Die Bibliothek der „Freien Universität zu Stein“

Es ist nicht verboten, mit den Toten zu reden. Wer tut das nicht gelegentlich? Manchmal lauter und manchmal ganz im Geheimen. Verboten ist es hingegen, auf den Friedhöfen Europas zu schlafen, sich auf die Gräber der toten Dichter zu betten. Aber was soll man tun, wenn einen die Verzweiflung treibt und die Sehnsucht und die Kreuzspinnen überall wieder aus den Löchern kriechen, wie 1933? Wenn es im Sommer schneit, aber der Schnee nicht weiß ist, sondern grau. Und wenn man, wie Lorenzos Großmutter, die Einzige aus der Familie ist, die aus jenem entsetzlichen Schneesturm aus Asche zurückgekehrt ist. Dann hält man es irgendwann nicht mehr aus, auf Bahnhöfe zu schauen. Schon gar nicht auf den Bahnhof in Praha-Bubny, von dem aus die Nationalsozialisten 50.000 Juden deportiert haben. Nach Theresienstadt. Nach Lietzmannstadt. In den Tod.
In Jaroslav Rudiš Roman „Wo die Toten sprechen“ (Luchterhand Verlag 2026, 234 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-630-87739-6) ist der Tod der stetige Begleiter von Lorenzo, der ihn zu den Gräbern all jener toten Dichter begleitet, die er in der Bibliothek der „Freien Universität zu Stein“ gelesen hat. Begleitet wird er von Miss Detroit, die Theodor Storms Schimmelreiter liebt und den Totengräber Marko. Sie ist auf dem Kreuzberger Friedhof Bergmannstraße aufgewachsen, in der Werkstatt ihres Vaters, der ihr einen weißen Saab hinterlassen hat. Einen Schatz, der Öl blutet und Sarg heißt.

San Michele

Am Grab des Physikers Christian Doppler (der mit dem Doppler-Effekt, der sich auch als Erzähltechnik verwenden lässt), das sich auf der venezianischen Friedhofsinsel San Michele befindet, lernen sie Caspar kennen. Aber nicht aus Zufall, denn „es gibt keine Zufälle, zwischen den Lebenden nicht, unter den Toten nicht und erst recht nicht in der Literatur.“ Caspar, der mit seinen Brüdern Melchior und Balthasar im Böhmischen Paradies aufgewachsen ist, und der sich gerade von Hana getrennt hat. Oder vielmehr Hana von ihm. Lorenzo, der heult wie ein Wolf „Hui … Huii … Huii“ hat die Nacht am Grab des Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky geschlafen, der auch auf San Michele begraben liegt.
Kennen Sie nicht?
Macht nichts. Caspar kannte ihn auch nicht. „Musst du auch nicht.“, sagt Lorenzo. „Wir haben uns poetisch nicht verstanden. Mit Rilke, mit dem habe ich mich sofort poetisch verstanden. Und mit Theodor Storm und mit Jean Paul auch. Und natürlich auch mit Stifter, auch wenn man an Stifter erst heranwachsen muss. Aber mit Brodsky, mit dem habe ich mich poetisch gar nicht verstanden. Mit dem habe ich mich sehr unpoetisch gestritten.“

Playlist

Das ist unglaublich schräg erzählt, sehr tiefgründig (etwa, was Brodskys Rezeption im heutigen Russland betrifft), sehr ironisch und herrlich rasant. Es ist ein herzergreifend melancholisches Buch und sehr weise. Ein Buch, das nach Friedhofsblumen riecht und nach Bier schmeckt. Sehr Jaroslav Rudiš. Der Roman ließe sich auch als eine Playlist lesen, mit Auftritten von The Cure, The Jesus and Mary Chain, Echo & the Bunnymen, The Smiths, Siouxsie and the Banshees, Joy Division, New Order. The Doors, Nick Cave & The Bad Seeds. „Aber vor allem The Cure“, denn Miss Detroit „hörte die Musik, die ihr Vater so mochte, und zwischendurch immer wieder auch ihn.“

Literatur, Literaten, Orte

Vor allem aber ist der Roman ein verwegener Ritt durch die europäische (und die böhmische) Literaturgeschichte. Zu den Gräbern von Jean Paul und Joseph von Eichendorff bis zu dem großen Adalbert Stifter, „auch wenn man an Stifter erst heranwachsen muss“. Im Böhmerwald, in Oberplan in Südböhmen, schauen sie sich „das Denkmal von Adalbert Stifter, die Bank von Adalbert Stifter, die Fichte von Adalbert Stifter und schließlich auch das Geburtshaus von Adalbert Stifter an. Stundenlang sitzt Lorenzo auf einem Granitstein vor der Haustür. Stundenlang denkt er über Stifter nach. Stundenlang deklamiert er aus »Granit«, einer Erzählung von Stifter, die auf diesem Granitstein beginnt: `Vor meinem väterlichen Geburtshause, dicht neben der Eingangstür in dasselbe, liegt ein großer, achteckiger Stein von der Gestalt eines sehr in die Länge gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen sind roh ausgehauen, seine obere Fläche aber ist von dem vielen Sitzen so fein und glatt geworden, als wäre sie mit der kunstreichsten Glasur überzogen. Der Stein ist sehr alt, und niemand erinnert sich, von einer Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden sei.´ Lorenzo deklamiert und weint. Nach den vielen Stunden auf diesem Granitstein erstarrt er langsam selbst zu Stein.“
Sie brechen auf zu den Gräbern von Masha Kaleko, Ingeborg Bachmann und Erika Mann. Und zu den Pragern. Zu Rainer Maria Rilke und Jaroslav Hašek und Bohumil Hrabal und natürlich zu Franz Kafka. Glück hat, wer über eine hinreichend gut sortierte Bibliothek verfügt, dank derer er die Leselücken füllen kann, die sich nach Rudiš wild-literarischem Friedhofsritt offenbaren. Wäre es nur eine einzige Lücke, die zu füllen man sich entscheidet, dann mögen es bitte, bitte die „Bunten Steine“ von Adalbert Stifter sein.
Zu den berührendsten Stellen des Buches gehört die kleine Erzählung in der Mitte. Darin unterhält sich Caspar mit seinem Vater, dem Radiovampir, der mit den Toten sprechen kann. Dessen zwölf Freunde sind bereits verstorben. Er ist der Einzige, der noch im Wirtshaus sitzt und Bier trinkt. Seit Jahren das Gleiche. Das „Bier aus der Brauerei in Svijany, 11 Prozent Stammwürze, 4,8 Prozent Alkohol, Saazer Hopfen, Tennenmalz, Zucker, Wasser.“
So hintergründig wie untergründig, so urkomisch und tieftraurig erzählt Jaroslav Rudiš und verwebt dabei zahlreiche Fäden der europäischen Kultur und Geschichte miteinander, bis hin zum rasanten Finale des Romans um den „Schlächter von Prag“. Ganz nebenbei sollte man eine Botschaft des Buches nicht unterschlagen: „Der Saab ist das beste Auto der Welt.“ Er muss ja nicht unbedingt weiß sein.