
Verhindern die Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, dass sie sich von ihnen emanzipieren? (Bild: Christian Nopitsch)
Der Begriff der Heimat hat in Krisenzeiten Konjunktur – meist allerdings als ein nostalgisches oder sogar reaktionäres Konzept. Damit könnte sich die Krise der Demokratie verschärfen. Wendet man den Heimatbegriff so, dass er in die Zukunft weist, könnte er ein Mittel gegen die Krise sein, die seine Konjunktur begünstigte.
Der Heimatbegriff kommt meist etwas verstaubt daher. Er scheint in einem Dilemma zwischen ländlichem Kitsch und konservativer Vereinnahmung gefangen zu sein – ganz zu schweigen von seiner Nutzung in rechtsextremen Erzählungen. Der professioneller Diskurs meidet den Begriff daher weitestgehend, um ja nicht den Anschein zu erwecken, rechte Konnotationen über seine Benutzung heraufzubeschwören. Doch genau hier liegt eine Gefahr: Den Begriff nicht zu verwenden, spielt den rechten Kräften in die Karten, die ihn unter der Prämisse einer ethnischen Exklusivität und Ungleichheit zur Legitimation eigener Narrative vereinnahmen. Unter Diskreditierung der Gegenwart bemüht konservative und rechtspopulistische Rhetorik ein Vokabular, das Vergangenes verteidigt und wiederherzustellen verspricht. Vorschlägen zur solidarischen und demokratischen Gestaltung der Zukunft wird damit das Misstrauen ausgesprochen.
Aus Heimat wird Beheimatung
Der Heimatbegriff erlebt meist dann Konjunktur, wenn eigene Lebensmodelle und Lebensräume als bedroht markiert werden. Um Feinde der Demokratie nicht zu stärken, sollte er entstaubt und von der rechten Vereinnahmung gelöst werden – das heißt vor allem, ihn von der retrospektiven Ausrichtung zu befreien. Heimat, so ist zumindest seit Ernst Bloch klar, bedarf eines kollektiven Ziels, einer gesellschaftlichen Utopie und einer erstrebenswerten Zukunft: „(…) so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (1) Auch Henri Lefebvre platziert die Forderung nach dem Recht auf Stadt, das Recht auf ein erneuertes urbanes Leben, als Utopie. Er sieht in der Stadt das Potenzial auf eine emanzipierte Gesellschaft – während er den experimentellen Charakter der Utopie betont, der sich in der Transformation des urbanen Alltags äußert. (2) Dieser Transformation schreibt er eine revolutionäre Kraft zu, eine Kraft, die sich prozessual als gesellschaftlicher Wandel zeigt und die Bedürfnisse nach schöpferischer Tätigkeit erfüllt. (3)
„Heimat“ kann viel mehr als das bildhafte Konstrukt eines zur Ländlichkeit verniedlichten Raumes sein – ein Konstrukt ist sie aber immer, also immer auch subjektiv, temporär und gestaltet. Der als „Heimat“ rezipierte Raum muss, wie auch die Begriffsdefinition selbst, deswegen ständig aktualisiert werden. Heimat ist, wie ich finde, ein zutiefst menschlicher und nahbarer Begriff, versucht er doch, verschiedensten Bedürfnissen einen kollektiven Ausdruck zu verleihen. Heimat(en) werden ständig aus persönlichen Perspektiven produziert – sie zusammenzuführen, wird zur kollektiven und unendlichen Aufgabe. Daraus ergibt sich als erste Konstante die Pluralität von Heimat(en), und weil diese immer im Werden sind, ist markiert Prozessqualität die zweite. Wenn Heimat nach Bloch die utopische Hoffnung auf ein besseres Leben darstellt, gilt es, den beiläufigen und alltäglichen Praktiken der Unmittelbarkeit, ihrer Verortung in Zeit, Raum und unter Menschen, welche sich mit dieser utopischen Hoffnung auf den Weg machen, Aufmerksamkeit zu schenken.
Diesen Gedanken bestätigt die Zwickauer Professorin für Pädagogische Psychologie, Beate Mitzscherlich, die Prozesshaftigkeit und Handeln in Bezug auf einen „als Heimat betrachteten oder zur Heimat zu machenden Raum“ betont. (4) Alltagspraktiken der Beheimatung könnten demnach zur Bewältigung der aktuellen Krise der Demokratie beitragen, ja sogar „Demokratie demokratisieren“, wie es Gabu Heindl benennt. (5) Die damit verbundene Emanzipation von der Retrospektive befähigt das Individuum in der Beheimatung zur Teilhabe und Gestaltung. Einem gesellschaftlichem Wandel würde damit Vorschub geleistet, Deren Beschränkung durch strukturelle und systemische Zwänge kann Beheimatung überwinden: „Heimat“ könnte als Summe alltäglicher Handlungen eine emanzipatorische, gar revolutionäre, Praxis sein.
Heimat Realism
Die Suche nach Sicherheit und Stabilität in der Vergangenheit offenbart die Schwächen aktueller Ideen: Vertrauen zu gewinnen und ein Gefühl nach Unmittelbarkeit zu vermitteln. Offenbart sich die Krise der Demokratie dort, wo das Gefühl von Unmittelbarkeit einer Ohnmacht gewichen ist? Unter der Prämisse eines retrospektiven Heimatbegriffs, getragen vom politischen Konservativismus und gesellschaftlichen Konsumismus, lässt sich die Frage nach dem prospektiv Anderen, nach einer Beheimatung in der Zukunft, jedenfalls kaum mehr stellen. Die Unvorstellbarkeit einer prospektiven Beheimatung wird durch das „Spektakel“ befeuert – die personifizierte „Selbstherrschaft der Warenwirtschaft“ duldet keine Vorstellung davon, wie es anders sein könnte. (6)
Gemeinsam graben sie den zarten Denk- und Gehversuchen einer solidarischen und inklusiven Organisation des Zusammenlebens das Wasser ab. Das Spektakel stärkt die ohnehin schon dominanten Machtinteressen und verhindert damit Bestrebungen, es zu unterminieren. Werden Vorstellungen anderer Wirtschaftssysteme als dem des Kapitalismus, wie sie Mark Fisher in „Capitalist Realism“ beschrieben hat, unterdrückt, werden auch alternative Formen des menschliche Zusammenleben und neue Alltagspraktiken kaum noch denkbar. (7)
Betäubt damit die Allgegenwärtigkeit des Spektakels das menschliche Bedürfnis nach Beheimatung, weil das von Lefebvre benannte Bedürfnisses nach schöpferischer Tätigkeit unterdrückt wird?
Beheimatung durch transformatives Alltagsleben
Gerade durch seine Niederschwelligkeit ist der Heimatbegriff, zur emanzipatorischen Beheimatung umgedeutet, geeignet, das Bedürfnis nach schöpferischer Tätigkeit einzulösen. Alltagspraktiken, die auf Solidarität, Selbstwirksamkeit und Unmittelbarkeit bauen, ist eine transformatives Potenzial eingeschrieben, wenn sie sich von der Unterwerfung unter das retrospektive Spektakel emanzipieren. Und doch ist der Möglichkeit der Emanzipation auch die Gefahr der „Anti-Emanzipation“ eingeschrieben. Ein vermeintlicher Fortschritt der Liberalisierung und Selbstbestimmung vermag in eine regressive Praxis umzuschlagen und den sie selbst erst ermöglichenden Rahmen der Demokratie zu unterminieren. Könnten sie dann eine transformative Praxis als immanenter Teil von Demokratie, ja als deren Demokratisierung, darstellen? Gerade in Zeiten der Krise darf eine solche transformative Praxis nicht im Rückzug münden, sondern muss in der Forderung nach mehr Demokratie und mehr Emanzipation aufgehen.
Helen Hesters These des „Domestic Realism“, die auf „Capitalist Realism“ aufbaut, schlug in eine ähnliche Kerbe. Sie sieht in der Emanzipation von traditionellen häuslichen Komponenten des menschlichen Zusammenlebens den Ausgangspunkt alternativer Zukunftsvorstellungen. (8) Bei Hesters ist das Begehren anderer Formen des Wohnens die Voraussetzung dafür, sie sich konkret vorstellen zu können, genauso sollte dem Recht auf Stadt ein Recht auf Beheimatung vorausgehen; das Recht, sich durch Alltagspraktiken zu beheimaten. Erst durch subjektive und emanzipierende Standortbestimmungen kann die für das Recht auf Stadt notwendige Differenz zwischen Individuum einerseits und Forderungen der Gemeinschaft andererseits – also das Recht auf Anerkennung von Individualität – zutage treten und Gemeinschaft bereichern. Die revolutionäre Kraft der Beheimatung würde dann in der Erfahrung von Selbstwirksamkeit und der Unmittelbarkeit liegen – vorerst unabhängig vom Ort.
Doch wie?
Die alltägliche Beheimatung zeigt sich durch die unmittelbare Verantwortungsübernahme im „menschlichen Bezirk“, wie es Theodor Heuss beschrieben hat. (9) Die Demokratisierung der Stadtproduktion durch eine „Praxis der Vielen“ bedarf einer selbstbewussten, emanzipierten und aktivierten Öffentlichkeit, die Unterschiedlichkeiten sichtbar macht, anerkennt und daraus die Chance zu einem egalitären, solidarischen und demokratischen Miteinander ableitet. Die durch diese Transformation des Alltagslebens erwachsende Kraft kann revolutionär sein, sobald es ihr gelingt, andere Menschen anzustecken.
Die Disziplinen der Architektur und des Städtebaus stehen in der Verantwortung, Beheimatung im Gebauten zu ermöglichen. Denn Alltag bedarf eines Raumes der Aushandlung. An welchen Orten schlägt sich die Differenz der Stadt in Teilhabe und Gestaltung, die Beheimatung in demokratiefördernden Prozessen nieder? Es braucht öffentliche Räume, in denen wir uns als Gesellschaft reiben, Diskussionen aushalten und austragen, wo wir in einen konstruktiven Austausch untereinander treten können, um Demokratie zu stärken. Martina Baum und Markus Vogl machen mit dem Typus des Täglich dazu einen Vorschlag – ein öffentliches und inklusives Gebäude der Interaktion, der Debatte und der Stadtproduktion, das durch sein Angebot die Emanzipation von Konsumierenden zu Gestaltenden fördern soll. (10) Die Qualität eines solchen Angebotes entscheidet sich schlussendlich an seiner Zugänglichkeit. Dabei ist nicht zu vergessen: Die Qualität des „sich Beheimatens“ ist abhängig von der Art und Weise, wie wir Menschen um uns herum begegnen: Es muss das Fundament einer Demokratie sein, einander mit Empathie, Toleranz, Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Respekt zu begegnen.
Zwar braucht es Blochs kollektives Ziels der Utopie, doch er schiebt nach: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch.“ (11) Ihm gelingt es, menschlichen Wunschvorstellungen im Alltag nachzuspüren, ihnen Raum und Zeit zu geben und damit der Prospektive im Jetzt zur Manifestation zu verhelfen.
Damit kann dem Zielbild Heimat, weil es so menschlich und nahbar ist, eine Kraft erwachsen, die aus der Individualität heraus ein solidarisches und inklusives Miteinander im Alltag befördert. Unmissverständlich muss es damit als Ordnungsgröße in die demokratische Teilhabe integriert werden, damit Pluralität und Prozessualität von Heimat anerkannt werden kann. Jene beiden Parameter sind unter demokratischen Vorzeichen unverhandelbar und bedeuten, dass Heimat nach einer ständigen Herstellung, emotionalen Besetzung und Reflexion verlangt: Damit wird sie zur immerwährenden gesellschaftlichen Handlung, zur unendlichen Aufgabe und Handlungsmaxime der Gegenwart erhoben. In diesem Sinne vermögen eine revolutionäre Emanzipation und emanzipatorische Revolution des Alltagslebens die Öffentlichkeit über die Einmischung in sich selbst zu verändern und die Demokratie zu demokratisieren – still und leise, aus dem Kleinen, Großes wollend.
Dem Essay liegt meine Masterthesis zugrunde, die 2025 an der Universität Stuttgart bei Prof. Dr. Martina Baum und Prof. Sybil Kohl entstanden ist. Dabei wuchs die Arbeit vor dem Hintergrund einer biographischen Auseinandersetzung mit meinem „Heimatdorf“, dem ich trotz einer wechselseitigen Ablehnung durch das Queer-Sein den Willen nach Beheimatung abtrotzte. Die ausgewählten Bilder sind Ausschnitte aus zu Fotoessays verarbeiteten Streifzügen. CN
(1) Rainer E. Zimmermann (Hrsg.): Ernst Bloch – Das Prinzip Hoffnung, Berlin 2016, S. 381
(2) nach Henri Lefebvre, Christoph Schäfer: Das Recht auf Stadt, Hamburg 2016
(3) Henri Lefebvre, Christoph Schäfer: Das Recht auf Stadt, Hamburg 2016, S.149
(4) Beate Mitzscherlich: Heimat als subjektive Konstrukton, 2019, S.189
(5) Gabu Heindl: Stadtkonflikte: Radikale Demokratie in Architektur und Stadtplanung, Wien 2022, S.13
(6) nach Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin 1996. (Erstveröffentlichung Paris 1967). Debord beschreibt das Spektakel als die Selbstherrschaft der Warenwirtschaft im Kapitalismus.
(7) nach Mark Fisher: Capitalist Realism, New York 2022
(8) Helen Hester: Promethean Labors and Domestic Realism, in: e-flux Architecture, 2017
(9) Theodor Heuss: Erziehung zur Demokratie, in: Nachrichtenblatt der Militärregierung für den Stadtkreis Stuttgart, 18.10.1945.
(10) Martina Baum, Markus Vogl: Täglich, Weimar 2022
(11) Rainer E. Zimmermann (Hrsg.): Ernst Bloch – Das Prinzip Hoffnung, Berlin 2016, S. 381


