Die Bundesstiftung Baukultur, angesiedelt in Potsdam, steht vor Neuanfängen. 20 Jahre nach ihrer Gründung gilt es, Anspruch und Resultate in Relation zu setzen und einen Blick auf die gegenwärtige Gemengelage von Politik, Baukultur und Bauwirtschaft zu werfen. Gremien wurden beim Konvent im Juni 2026 neu gewählt, ein Generationswechsel steht an, frischer Wind tut Not. Bleibt zu viel beim Alten?
Familientreffen
20 Jahre Bundesstiftung Baukultur: Schon vergangenes Jahr wurde im ehemaligen Bundestagshaus von Günter Behnisch in Bonn zurückgeblickt auf ihre Geschichte und Vorgeschichte, wir berichteten ausführlich, so dass wir dazu kaum etwas wiederholen müssen. In Bonn waren auch junge BerufsvertreterInnen dabei, die frischen Wind in die Versammlung brachten. Jetzt lud die Bundesstiftung Baukultur zu ihrem zehnten Konvent ein – ja, warum eigentlich? Zwanzig Jahre lassen sich gut feiern, und es war Barbara Ettinger-Brinckmann, Vorsitzende des Stiftungsbeirats, die vertraut von einem „Familientreffen“ sprach. Es stimmt ja: Man trifft sich, man tauscht sich aus, und das ist in einer von Corona-Folgen zerfledderten Gesellschaft sinnvoll und vernünftig. Was wird dabei aber aus dem „Familientreffen“?
Traditionell wird der alle zwei Jahre erstellte Baukulturbericht im Konvent vorgestellt, dieses Mal ging es um Gestaltung. Auf der Website der Stiftung sind die Berichte seit 2014 dokumentiert; thematisiert waren Fokus Stadt, Stadt und Land, Erbe – Bestand – Zukunft, Öffentliche Räume, Neue Umbaukultur, Infrastruktur – und nun eben Gestaltung. Die Publikationen der ersten fünf Jahre sind leider nicht dabei.1)
Die Berichte werden mit Empfehlungen im Bundestag vorgestellt, auf dass die dort Tätigen – aufgerüttelt und dank tief reichender Erkenntnisse durch die jeweiligen Berichte geläutert – zu weitsichtigen, baukulturell anspruchsvollen und gemeinnützig wirksamen Beschlüssen finden.
Blickt man nun auf zwanzig Jahre Baugeschehen in Deutschland zurück, dann springen die Konsequenzen solcher Beschlüsse nicht ins Auge, im Gegenteil: Nirgends liegt mehr im Argen als beim Wohnen, die Zahl der Sozialwohnungen ist wieder einmal gesunken.2)
Bei der Infrastruktur und bei der Bestandspflege sieht es genauso trüb aus. Denn heute (16. Juni 2026) zitiert die Bahn-Expertin Vivien Timmler in der Süddeutschen Zeitung den Abgeordneten der Grünen im Bundestag: „Null Cent aus dem 500 Milliarden Euro großen Sondervermögen fließen in den Neu- und Ausbau der Schiene. Das ist nicht erklärbar.“3) Dass die 500 Milliarden Sondervermögen nicht dorthin finden, wo sie hingehören, sondern teils zur Haushaltskonsolidierung und Zweckentfremdung anderer Art genutzt werden: geschenkt.
Dafür ist die Bundesstiftung Baukultur nicht im geringsten verantwortlich – sie wies zum Beispiel mit dem Bericht „Infrastrukturen“ auf alles Wesentliche hin – im Negativen wie Positiven. Nur: Sie konnte und kann solche politischen Entscheidungen, die beispielsweise die Bahn, die Krankenhauspolitik oder die Bildungspolitik (mit dem Schulbau) betreffen, kaum beeinflussen.

In Potsdam wird viel gebaut, vieles ist umstritten, Alt und Neu werden gegeneinander ausgespielt. (Foto: Ursula Baus)
Als Vertreter des Bundes trat Staatssekretär Sören Bartol zum Jubiläum auf. Niemand vermisste, so wurde in den informellen Gesprächen am Rande deutlich, die Ministerin. Und in einer solchen Feststellung liegt das Problem: Die politisch Verantwortlichen scheren sich weitgehend nicht um das, was eine baukulturell ambitionierte Bundesstiftung, die gesetzlich existenzberechtigt ist, aber faktisch und systemisch ein „Nice to have“ bleibt, kompetent, aber leider in einer politisch fast irrelevanten Fachblase vermeldet.

Beim Eröffnungsabend des Konvents, von links: Der in Potsdam wohnende Bundeskanzler Olaf Scholz; Stiftungsvorstand Reiner Nagel; Jörn Walter, Bausenator a.D. von Hamburg; Andrea Gebhard, Vorsitzende des Stiftungsbeirats. (Foto: Ursula Baus)
Wie beim Familientreffen üblich, wurden alle Mitwirkenden geehrt, ihre Verdienste herausgestrichen – schade nur, dass die der ersten Stunde nicht bedacht wurden, so seien sie kurz genannt: Michael Braum als Vorsitzender der Stiftung, Volkwin Marg als Beiratsvorsitzender, Engelbert Lütke Daldrup als Ratsvorsitzender. Alle haben – überzeugt vom Sinn der Sache – Verdienstvolles geleistet.
Damit die Denk- und Tatkräfte der Stiftung auch dokumentiert sind, war 2026 allen Ernstes der Beirat beauftragt, einen „Wirkungsbericht“ zu erstellen. Eine seriöse, extern erstellte Evaluation ist nicht daraus geworden. So heißt es in der Zusammenfassung: „Seit ihrer Gründung 2006 hat sich die Bundesstiftung Baukultur als tragende Plattform für den bundesweiten Diskurs über Qualität im Planen und Bauen etabliert. Dabei richtet sie sich gemäß ihrem gesetzlichen Auftrag an Fachwelt und Öffentlichkeit gleichermaßen.“4) Und im abschließenden „Fazit und Ausblick“ heißt es, dass die Stiftung als „Impulsgeberin, Vernetzerin und Übersetzerin zwischen Fachwelt, Politik und Öffentlichkeit“ agiere.5) Zwei Begriffe tauchen hier auf, die künftige Aufgaben der Stiftung intensiver und konkreter beschäftigen könnten:
Übersetzung und Öffentlichkeit
Die Impulse – Keynotes – des Konvents warfen Fragen auf, nicht alle Referate können hier en detail besprochen werden. Der Neurourbanistik-Experte Mazda Adli referierte zu den psychischen Belastungen und soziologischen Vorteilen der Stadt und ihrer BewohnerInnen – segensreiche Dichte einerseits, erschütternde Vereinsamung andererseits präge das Leben in der Stadt. Beides ist in der Analyse evident. Leider verlor Mazda Adli kein einziges Wort zu Lärm- und Dreckbelastungen – zum Beispiel durch Individualverkehr – in Städten, die vor allem dort relevant sind, wo das Wohnen in der Stadt für Jeden und Jede auch im unteren Preissegment kaum bezahlbar ist.

Vittorio Magnago Lampugnani referierte zum Thema „Nur nachhaltige Architektur ist schön. Nur schöne Architektur ist nachhaltig“. (Foto: Ursula Baus)
Und schwer nachzuvollziehen war die Keynote von Vittorio Magnago Lampugnani, der mit alten Thesen auf fünf längst bekannte Aspekte rekurrierte (Nachhaltigkeit 6) , Ökologie, Dauerhaftigkeit, Hauslebensdauer und Schönheit), etwas dürftig vorbereitet war und ja: etwas langweilte. Stein sei nachhaltig. Dewmonstrierte er mit Pantheon. Naja.
Spätestens hier fragte man sich, was denn mit den Jüngeren in der Branche anzufangen sei, schließlich wurden alle Gremien (Rat, Beirat – Ergebnisse verbindlich erst Mitte Juli) neu gewählt, eine Nachfolge für den prägenden Reiner Nagel steht ebenfalls an. Es geht um nicht weniger als um eine veränderte Öffentlichkeit, ein verändertes Berufsbild und neue Strategien der Bundesstiftung, um über das politische „Nice to have“ in eine politisch machtvolle Position zu kommen.
Neuanfang – raus aus der Blase
Aktuell erwähnenswert ist in dem Zusammenhang die Parallelität, die sich zu den beiden Aspekten Übersetzung und Öffentlichkeit im Architektur- und Stadtdiskurs in der Politik ergeben. Man könnte auch auf Architektur und Stadt bezogen sagen: Fachchinesisch und undefinierbare Öffentlichkeit. Dazu schrieb Kurt Kister, der Geschichte, Politik und Kommunikationswissenschaft studiert hat und 2011 bis 2020 Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung war, eben einen Essay, in dem es um die Grauzonen bei den Unterschieden zwischen Reform und Revolution geht. Sehe man in der Wende 1989 eine Revolution, so sei sie zur Reform geschrumpft und damit verschwunden. Die AfD spiele heute die revolutionäre Rolle des „Wir gegen die Verhältnisse“ – alarmistisch inszeniert. Nun weiß man, dass Parteien-Verachtung dabei schnell, aber fälschlicherweise zur Staatsverachtung aufgepeitscht wird. Es gehe nicht nur, so Kister, um die „berühmt-berüchtigte Berliner Medienblase. (…) Nein, über und um diese Blasen wölben sich zahlreiche andere Blasen, die Nuhr-Follower und die Reichinnek-Fans, die Nius-Adepten und riesigen, amorphen Influencer Gemeinden“.7) Der Zersplitterung der Öffentlichkeit entspricht der Verlust eines „Konsenskorridors“, in dem vernünftig ausgehandelt werden kann, was zu tun ist. Das gilt analog für die Anliegen einer Bundesstiftung Baukultur, die – auch mit ihrem von Silja Schade-Bünsow souverän geleiteten Förderverein – unbestritten MitstreiterInnen in der Bauwirtschaft, Investorenschaft und wer weiß wo gefunden hat. Bei denen, die hier vertreten sind, musste kaum unbändige Überzeugungsarbeit geleistet werden; Willige gibt es immer. Aber ohne es beeinflussen zu können, gibt es keinen Korridor zu den Mächtigen mehr, was nicht zuletzt an den kurzen Wahlperioden liegt. Tiefensee, Klimt, Ramsauer, Scheuer, Hubertz: Wer kennt sie in korrekter Reihenfolge noch, die Mächtigen?
Was kann werden?
Wenn Mitte Juli die neu Gewählten in den Gremien der Bundesstiftung Baukultur ihrer Arbeit entgegensehen, dann vielleicht mit ungewohnten Strategien. Aktivisten könnten provozieren. Die politisch korrekte, aber sehr unpraktische Lage der Stiftung in Potsdam ließe sich in ihrer Abgeschiedenheit mildern. Dahingehend, dass der Konvent – in welchem Format auch immer – wieder mal hier, mal da in der Republik ausgerichtet wird. Dass Zweigstellen mit regionaler Macht installiert werden.

Luft nach oben: Präsenz in den „Social Media“ ist nur ein Aspekt von vielen in zeitgemäßer Kommunikation.
Dass vielleicht eine strikte Strategie für die Präsenz in den Sozialen Medien erarbeitet wird. Dass Netzwerke nicht fest verknotet, sondern aufgerissen werden. Und vieles mehr, dass einer jüngeren Mittäterschaft zu danken sein könnte. Die ersten zwanzig Jahre der Stiftung lagen in einer Zeit, in der der größte Wandel der Öffentlichkeit seit Jahrhunderten stattgefunden hat. Damit mir nichts, dir nichts zurecht zu kommen, gelingt der gesamten Gesellschaft nicht. ArchitektInnenen haben in der neuen Öffentlichkeitsstruktur jedoch bessere Chancen als Vertreter anderer Berufe, hier wirksam zu werden. Nur Mut.
In wenigen Tagen, am 19. Juni, geht es vielerorts an lange „Tafeln der Baukultur“.
1) Zur Übersicht: https://www.bundesstiftung-baukultur.de/publikationen/baukulturbericht
2) Differenzierter bei eine Meldung der ZEIT: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-06/sozialwohnungen-neubau-sozialbindung-mietwohnungen-bauministerin-gxe
3) Vivien Timmler: Der Bahn fehlen wieder Milliarden. In: Süddeutsche Zeitung, 16. Juni 2016, Seite 18
4) Hrsg.: Bundesstiftung Baukultur Beirat: Was kann Baukultur? 2026 (ohne ISBN)
5) ebda., Seite 30
6) An dieser Stelle sei an den am Mittwoch, den 10. Juni 2026 in Genf 92-jährig verstorbenen Schweizer Jean Ziegler erinnert, der mit radikaler Kapitalismuskritik und provokanten Argumentationen nicht etwa polarisierte, sondern von vielen Seiten gehört wurde. Mehrere Jahre in ärmsten Regionen Afrikas und Lateinamerikas unterwegs, wusste Jean Ziegler aus eigener Anschauung, was Armut bedeutet.
7) Kurt Kister: Grand Hotel Abgrund. Reform hier, Reform da: Solange die Leistungsträger in Parlamenten, Medien und Verbänden ihre Kommunikation nicht ändern, spielen sie mit der Zukunft in diesem Land. In: Süddeutsche Zeitung, 15. Juni 2026



