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Stilkritik (114) | Auf der Baustelle. Architektur kümmert uns erst, wenn wir sie sehen. Oder wenigstens ihren Entwurf erkennen. Die obligatorische Leistung der Ingenieure wird hingenommen, sie bleibt unsichtbar. Vielleicht unterirdisch. Dabei kann der ingenieurmäßige Beitrag zu großen Oper werden – und die Beobachtung zur Theaterkritik.


 

Unscheinbares Chaos: die Baustelle (Bild: Wolfgang Bachmann)

Unscheinbares Chaos: die Baustelle (Bild: Wolfgang Bachmann)

Das Gelände ist übersichtlich. Ruderalwuchs aus Birken und Brennnesseln überdeckt gnädig Betontrümmer und Mauerbrocken. Aus den unregelmäßigen Kratern im roten Lehmboden ragen die Fundamente ehemaliger Keller. Im Hintergrund hat sich eine Front aus schweren Kettenfahrzeugen formiert. Sie werden heute wieder ab sieben Uhr angreifen.

Material und Gerät: Überblickbehalten (Bild: Wolfgang Bachmann)

Material und Gerät: Überblickbehalten (Bild: Wolfgang Bachmann)

Bohren und Baggern

Die Beobachtung ließe sich mit dem Vokabular der Militärs drastisch fortsetzen. Allein der Krieg in der Ukraine verbietet jeden bellizistischen Jargon im Feuilleton. Es handelt sich nach dem Abriss einer Sparkassenfiliale ja lediglich um den friedlichen Neubau von sechs Reihenhäusern. Die Arbeiten waren im letzten Jahr ungeplant eingestellt worden, nachdem sich beim Aushub gravierende Schäden bei den angrenzenden Häusern zeigten. Ein Schuppen hatte Risse bekommen, eine massive Treppe sich gegen das Gewände verkantet. Jetzt geht es endlich voran, zunächst mit einer umfangreichen Baugrubensicherung. Zur Straße hin wurden Doppel-T-Träger in tiefe Bohrlöcher versenkt. Dahinter wird man beim Ausbaggern Bohlen einspannen oder Spritzbeton aufbringen, damit das Erdreich nicht in die Grube nachrutscht. Zu der in Mitleidenschaft gezogenen Grenzbebauung wird dicht neben dem Kellerperimeter eine Pfahlwand in den Boden getrieben. Und wir sind dabei. Um Architektur geht es – noch – nicht. Oder doch?

Fünf Männer sind damit beschäftigt. Außerdem ein Kelly-Bohrgerät, das sich auf Raupen mühelos über das unwegsame Baufeld bewegt. Gesteuert wird es von einem kräftigen, dunkelhäutigen Fahrer, der in seiner Statur an Bud Spencer erinnert. Wir nennen ihn Carlos, ein sanfter in sich ruhender Koloss. Nervosität ist ihm fremd. Er bedient die Hebel seines Fahrzeugs mit dem sogenannten Fingerspitzengefühl, man würde ihm aber auch zutrauen, wenn es irgendwo klemmt, springt er aus der offenstehenden Tür und hebt die Bohrraupe kurzerhand herum. Es ist eine C30, 35t schwer. Auf der Karosserie steht der Name des italienischen Herstellers: Casagrande. Wenn das kein Omen für ein großartiges Haus ist!

Ein Hüne mit Sonnenbrille und kurzer Freizeitkleidung scheint den Polier zu spielen. Könnte Herbert heißen. Er fasst nichts an, begleitet die Arbeiten aber mit Gebärden, als wollte er die einzelnen Schritte für Taubstumme erklären. Die drei übrigen Männer packen zu. Sie tragen Helme, Ohrenschützer und trotz der Sommerhitze dicke Hosen, über ihre Hemden haben sie neonfarbige Sicherheitswesten gestreift. Einer hat lange Haare und einen flusigen weißen Bart wie Billy Gibbons von der texanischen Rockband ZZ Top. Offensichtlich der Vorarbeiter.

Gewusst wie. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Gewusst wie. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Baustellenregie

Sie sind beim zweiten Arbeitsschritt. Dicht vor der Hauswand des benachbarten alten Winzerhauses ist das erste Bohrloch hergestellt. Dazu wurde eine dreiteilige Verrohrung mit einem Durchmesser von etwa einem halben Meter durch eine Führungsschablone in den Boden gedreht, danach hat ein Spiralbohrer das Erdreich aus dem Tubus geholt und scheppernd zur Seite abgeschüttelt. Anschließend wurde eine vorbereitete Armierungsreuße in der Stahlhülse abgesenkt und Transportbeton aus einem mit laufendem Motor bereitstehenden Fahrmischer eingefüllt. Energischer rumort der 249-PS-Diesel des Drehbohrers, er quittiert jeden Befehl mit einem unwilligen Fauchen. Aber nichts gegen das metallische Staccato des Drucklufthammers, mit dem Arbeiter die Reste der Kellerfundamente zerschlagen, die von einem Radlader eingesammelt werden. Hilferufe würde hier niemand hören. Beißende Abgase begleiten den Höllenlärm.

Wir stehen dicht dabei. Gerade steuert Carlos seine Bohrraupe zum Rohr zurück. Das schwere Gerät folgt ihm anstandslos durch den zerfurchten Lehm, als liefe es auf Schienen. Es geht jetzt darum, die mit Beton gefüllten Rohre aus dem Erdreich zu ziehen. Der Manövrierraum für das Bohrgerät ist knapp. Der Kraftdrehkopf ist noch etwas breiter als der Rohrdurchmesser, der senkrecht aufragende Mäkler (so heißt der Drillmast) würde bis zum Dachfirst reichen, aber er kann nur die Höhe bis zur vorstehenden Traufe nutzen, weil die Pfähle dicht am Haus eingebaut werden. Das heißt, Carlos muss mit seinem sperrigen Monster knapp eine Handbreit vor der brüchigen Außenwand arbeiten. Mühelos erreicht er wieder seine alte Position, schwenkt den baumelnden Ausleger über den Rohrstutzen. Billy Gibbons winkt mit erhobener Hand. Wir wissen nicht, ob Carlos an seinem fahrbaren Arbeitsplatz nicht längst über Kamera, Radar, Bluetooth und GPS verfügt, Assistenzsysteme, mit denen inzwischen jede anständige Limousine ausgestattet ist.

Wissen, was zu tun ist. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Wissen, was zu tun ist. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Dramaturgie

Entscheidend bleiben hier die Anweisungen von Billy. Er dirigiert. Seine Finger weisen unbestechlich den Weg. Was haben Kent Nagano und Simon Rattle doch für steife Pfoten! Billys Hand, mano destra, wird zur sprechenden Skulptur, zittert unter Spannung, tanzt in der Luft voll kinetischer Energie und erstarrt zu einem fordernden Signal. Der in die Höhe gereckte Zeigefinger bedeutet: Achtung, gleich kommt eine neue Instruktion. Carlos arbeitet zentimeter- – was sag ich? – millimetergenau. Er ist einer der Kerle, die bei »Wetten dass…?« mit dem Bagger Bierflaschen öffnen konnten. Um die Drehbohrmanschette exakt über dem aus dem Boden ragenden Rohr auszurichten, bedient er das hydraulische Kinematiksystem, damit der Vorschubzylinder die sogenannte Kellystange genau senkrecht nach unten führen kann. Billy überprüft es mit einer Wasserwaage, zeigt mit zwei rhythmisch wippenden Fingern, due volte, wohin sich das schwere Gerät bewegen soll, wird langsamer, moderato moto. Die Hand spreizt sich ruckartig – attenzione! – Carlos stoppt. Er sitzt wie ein Sultan auf seinem luftgepolsterten Steuersitz, Herr einer riesigen Spielkonsole mit einem Dutzend Joysticks. Billys Hand, nun in die Waagrechte gedreht, hält inne, zeigt: Das Drehbohrwerk ist genau über dem Befestigungsflansch des Rohrs angekommen. Die offene Handfläche beginnt mit einer langsamen Auf- und Abbewegung, rallentando possibile. Carlos senkt sein Bohrgestänge ab, unhörbar bei diesem Lärm schlägt Stahl aneinander. Der Polier winkt. Die beiden wartenden Arbeiter treten nach vorne und verriegeln das Rohr mit dem Drehkopf. Billy nickt, sieht zu Carlos. Seine Handfläche weist nach oben, beginnt erneut ein musikalisches Auf und Ab, un poco rinforzando. Das Bohrgerät spannt sich, das Rohr leistet keinen Widerstand, es dreht und gleitet aus der Erde, nur wenige Zentimeter neben der Hauswand in die Höhe. Billy verfolgt seinen Weg, hat den Dachvorsprung im Blick und seinen langen Bart, gefährlich nah an dem rotierenden Gerät. Seine Hand zögert, formt abwartend ornamentale Gesten, jetzt fährt sein Unterarm plötzlich harsch zur Seite: alt! fermata! Der Stoß der beiden oberen Rohre schaut aus der Erde. Die beiden Arbeiter greifen sich Akkuschrauber und Ratsche, um das obere Rohrsegment zu lösen. Carlos kann es kaum höher ziehen, ohne am Dach anzustoßen, er setzt mit seinem Raupenbohrer zurück, rangiert über das Gelände und bringt das Teilstück außer Reichweite, wo es aus der Verriegelung gelöst wird. Er fährt retour, wiederholt die vorsichtige Annäherung. Billy übernimmt, da capo, so wird das mittlere Rohr entfernt. Insgesamt sind es drei, zusammen reichen sie sechs Meter in die Tiefe.

Sitz, passt– und hat keine Luft. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Sitz, passt– und hat keine Luft. (Bild: Wolfgang Bachmann)

Finale

Nun drängen zwei alte Frauen in die Szene. Klageweiber, hätten wir es mit einer attischen Tragödie zu tun. Sie sorgen sich, weil die Pfahlwand so dicht an ihr Haus gebaut wird. Es könnte einstürzen. Sie gehen zum Polier. Aber Herbert hört sie nicht. Zu gefährlich so nahe am Drehbohrer! Auch zu laut. Er kann sie nicht verstehen und kümmert sich wieder um die Demontage der Rohre.

Als diese Prozedur beendet ist und sich der Beton in den erdigen Hohlraum ausgebreitet hat, wird aus dem wartenden Fahrmischer noch etwas nachgefüllt. Billy hat alles im Griff, seine Hand regelt das, affettuoso con bravura, fünf bewegliche Finger zeigen, was zu tun ist. Digital erhält auf einmal eine sinnliche Bedeutung: digitus (lat.) – der Finger. Aus dem Bohrloch ragt nur noch die Armierung. Der nächste Pfahl wird in einigem Abstand eingebaut, nach dem Aushub dazwischen gegen das Erdreich eine Abdichtung aus Spritzbeton hergestellt. »Aufgelöste Pfahlwand« heißt das System.

Der Fahrmischer fährt weg, gibt den Blick auf den Bauzaun frei. Daran ist eine Plane mit einer Abbildung befestigt. Ein Rendering, das fertige »Stadthäuser« zeigt. Einfältiges Gebaue, wie man es in jeder beliebigen Ortsranderweiterung besichtigen kann. Wir sagten es bereits, es geht nicht um Architektur.

Das Spannende passiert jetzt. Später unsichtbar.