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Tempelhofer Feld, Sommer 2026. (Bild: Ben Buschfeld)
Gemeinsam haben IHK sowie die Architekten Tobias Nöfer und Hans Kollhoff eine Blockrand-Bebauuung 2.0 auf dem Berliner Tempelhof als Lösung für den Wohnungsbau in Berlin empfohlen. Die CDU unterstützt die Initiative, die SPD – in Person des stets pauschal für Abriss und Neubau werbenden, dabei unglücklichereise aber auch der Denkmalfachbehörde vorgeordneten Stadtentwicklungssenators Christian Gaebler – denkt darüber nach. Echt jetzt?

Der Vorschlag, das Tempelhofer Feld an drei Seiten, quasi rundherum, mit Höfen und Quartieren im Stil der Mietskasernen aus der Kaiserzeit zu umbauen und die ungenügend hinterfragten Behauptungen der Organisator:innen können nicht ohne Widerspruch bleiben. (1) Zunächst zur Ausgangslage: Es stünde der Politik gut zu Gesicht, den demokratisch herbeigeführten Volksentscheid von 2014 zur Nicht-Bebbauung des Tempelhofer Feldes weiterhin zu respektieren. Dieser kam nämlich, anders als jetzt die neue sogenannte „Initiative”, tatsächlich aus der Zivilgesellschaft, und er drückt aus, wofür das einstige Flugfeld heute steht, nämlich den besonderen, mittlerweile leider vielerorts mit dem Rücken an der autogerecht betonierten Wand stehenden Berliner Spirit, also der noch von Klaus Wowereit angesichts zunehmenden Ausverkaufs einst euphemistisch gepriesene „Sexiness”. Das Tempelhofer Feld ist nicht nur klimarelevante und beliebte Naherholungsfläche, sondern nach dem großen Club- und Ateliersterben ein umso wertvollerer Imageträger und Anziehungspunkt Berlins. Hier kumuliert vieles, was uns in Berlin im Vergleich europäischer Großstädte besonders macht: der Duktus kreativer kultureller und gesellschaftlicher Aneignung, der unverkrampfte Umgang mit historisch kontaminierter Geschichte sowie das liberal-tolerante Miteinander einer nicht provinziell gedachten oder gemachten Metropole.

Gute Beziehungen

Die hinter dem Vorstoß steckenden Immobilienentwickler:innen und Architekten verfolgen mit ihren Entwürfen eine andere Agenda, nämlich die einer gerne kommerziellen Verwertung, die sich mit einer rückwärtsgewandten, bei Investoren beliebten Architektursprache mit Hang zu eklektizistisch historisierenden Fassaden und allerlei neo-klassizistischem Zierrat paart. Dabei bewegt sich der Vorschlag in der Tradition Hans Stimmanns und seiner ab 1991 ausgegebenen Doktrin der Kritischen Rekonstruktion, die uns einen Haufen langweiliger Architektur beschert hat – und auch im Rahmen der ästhetischen Vorlieben seiner derzeit amtierenden Nachfolgerin Senatsbaudirektorin, der Architektin Petra Kahlfeldt.

Speziell Nöfer verfolgt offenbar sogar eine zutiefst antimoderne Agenda, was sich zuletzt etwa in seinem – ähnlich um Aufmerksamkeit heischenden – Vorschlag zur geschlossenen Umbauung des Hansaplatzes zeigte, die heute vom Netz genommen ist. Für alle weniger Baukundigen: Der Hansaplatz im Tiergarten mit den umliegenden Punkt- und Scheibenhochhäusern internationaler Baumeister wie Alvar Aalto, Walter Gropius, Pierre Vago oder Oscar Niemeyer war und ist das bauliche und infrastrukturelle Zentrum der IBA 1957. Er gilt damit als architektonische Top-Sehenswürdigkeit Berlins sowie als Paradebeispiel einer bewusst offen und mit viel Grün gestalteten Stadtlandschaft im Stil der Nachkriegsmoderne.

Bis heute empfinden wohl manche diese Antithese zur Blockrandbebauung als zu modern: In den Kreisen der Initiatoren des Tempelhof-Vorstoßes schwärmt man gern von dem Charme italienischer Gassen und Stadtplätze und preist nun auch die Dichte der gründerzeitlich gewucherten Quartiere, auf die in den 1920er-Jahren der Siedlungsbau des Neuen Bauens reagierte. Letzterer genießt heute zurecht den Status eines UNESCO-Welterbes. Übrigens sind auch viele Bauten und Ensembles der „Ostmoderne” nicht sicher vor lobbyistisch gut organisierten Gruppen, die einer historisierenden Architektursprache und kleinteiligen Struktur in der Berliner Mitte das Wort reden – aber um SEZ, Ahornblatt, den Palast der Republik oder Umfeld und Sichtachsen des Alexanderplatzes soll es hier gar nicht gehen. Es ist jedoch offensichtlich, dass die Initiatoren gute Beziehungen zu einigen Granden in SPD und CDU, wie beispielsweise Finanzsenator Stefan Evers pflegen.

Der Blick zurück

Weiter beschreibt der Artikel, wie der auch bei der Initiative mitwirkende Immobilien-Unternehmer Hamid Djebba vor Verhältnissen und sozialer Verdrängung wie in Paris warnt. Das ist absolut berechtigt, aber zur korrekten Einordnung helfen ein paar Informationen, die stutzig machen sollten, dabei aber im öffentlichen, politischen und medialen Diskurs zum Thema kaum auftauchen: Richtig ist, dass die Immobilienpreise in Paris schon vor 20 Jahren ähnlich hoch waren wie in Berlin heute und dass dies dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben der französischen Metropole nicht gut getan hat. Wer aber über Wohnungsnot und Gentrifizierung klagt, sollte zunächst einen Blick in die jüngere deutsche und Berliner Geschichte werfen. Das Elend nahm seinen Lauf mit der Abschaffung der Gemeinnützigkeit des städtischen Wohnungsbaus im Jahre 1990. Andere Länder und Kommunen waren hier klüger. Wer wissen will, wie bezahlbares Wohnen geht, schaut heute daher etwa neidvoll nach Wien, wo kommunale und genossenschaftliche Bestände sehr bewusst geschützt und bewahrt wurden.

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Der Flughafen hinterließ ein Erbe, das droht verloren zu gehen. (Bild: Ben Buschfeld)

Was geschah hingegen in Berlin? Ab 1998 wurden unter den Senatoren Peter Strieder und Annette Fugmann-Heesing (beide SPD) die überwiegend kommunalen Berliner Wohnnungsbau-Gesellschaften GEHAG und GSW in einem für das Land angeblich vorteilhaften Bieterverfahren privatisiert. Erst kam der Verkauf des Berliner Tafelsilbers an die Rinteln-Stadthagener Eisenbahngesellschaft und deren RSE Grundbesitz- und Beteiligungs-AG, einem unbescholtenem Zwerg am Immobilienmarkt. Kurz darauf folgte aber deren Börsenübernahme durch die zuvor vom Bieterverfahren ausgeschlossene WCM Immobilien-Holding. Kurze Zeit später folgten Blackstone Inc. und Oaktree Capital als Mehrheitseigner der einstigen GEHAG-Bestände. Nach einer Reihe von Transfers am Börsenmarkt bilden diese beiden „Portfolios“ aus GEHAG und GSW heute den Berliner Grundstock der Deutschen Wohnen SE, einer auch erst 1998 gegründeten Tochter der Deutschen Bank, die 2021 mit der deutschlandweit noch größeren Vonovia zusammenging.

Hier ist festzuhalten, dass die Deutsche Wohnen seitdem sicher viel Profit gemacht, sich dabei jedoch auch gut bis sehr gut um die Erhaltung und Instandsetzung der einstigen GEHAG-Bestände gekümmert hat – abzusehen war diese Entwicklung aber 1998 nicht. Das überwiegend aus hochkarätigen Denkmalen bestehende, maßgeblich von dem Architekten Bruno Taut gestaltete Portfolio der GEHAG wurde vielmehr sehenden Auges in eine ungewisse Zukunft entlassen. Auch zivilgesellschaftliche Initiativen wie bei uns in der Taut‘schen Hufeisensiedlung halfen, die denkmalpflegerisch problematische Situation abzufedern. Hier hat Berlin einfach nur sehr viel Glück gehabt. Aber wie man diese Privatisierungspolitik sozial- und wohnungsmarktpolitisch einzuschätzen hat, dürfte heute wohl klar sein. War da was, liebe SPD?

Es gibt Alternativen

Auch bei dem Vorschlag zur Teilbebauung des Tempelhofer Felds fehlt nicht der leger eingestreute Hinweis, dass man Teile des Areals privatisieren könne – die Initiatoren sprechen von bis zu 70 Prozent. Ist das wirklich nur gedankenlos? Wer verstehen will, wie die Logiken des Finanzmarktes, Assets im Immobiliensektor und innerstädtische Gentrifizierung zusammenhängen – und auch welchen Flurschaden diese unselige Politik der späten 1990er-Jahre hinterließ, dem empfehle ich die Videos der EU-Initiative HouseEurope.eu, wo diese komplexen Sachverhalte durch Expert:innen wie etwa die Ökonomin Ann Pettifor oder die Architektur-Professorin Charlotte Malterre-Barthes sehr anschaulich erklärt werden. Wer dann richtig schlechte Laune kriegen möchte, schaut außerdem noch die sehr empfehlenswerte fünfteilige Dokumentation Capital B – Wem gehört Berlin? Sie schildert, wie und durch wen nach dem Mauerfall – maßgeblich in der Ära Diepgen und Landowsky – wichtige Ressourcen und Infrastruktur veräußert wurden, welche Verluste sich daraus ergeben und wer davon letztlich profitierte.

Es kann einen nur wundern, wie weit die Fehleranalyse zwischen progressiver und ganzheitlicher denkenden Fachleuten und der gängigen politischen Rhetorik „Hier brauchen wir jetzt Neubau“ bisweilen auseinanderklafft. Eine breite Allianz von Expert:innen verschiedener Disziplinen betonen, dass die Wohnungsnot zwar auch Neubau erfordert, aber bei weitem nicht nur mit dessen Hilfe die Nachfrage in den Städten gelöst werden kann und sollte. Hier sind die Hochschulen, zahlreiche NGOs – wie etwa Architects for Future – oder auch die berufsständige Vertretung in der Architektenkammer Berlin schon viel weiter als das, was uns Immobilien-Lobby und einige Politiker:innen im Wahlkampfmodus immer wieder – wie hier jetzt auch – als „alternativlos“ verkaufen wollen – und was in dem Artikel der Berliner Zeitung zu den Vorschlägen leider auch unwidersprochen blieb.

Was wären nachhaltigere, klima- und generationengerechtere Alternativen? Die Expert:innen von der Anti-Abriss-Allianz für Umbaukultur etwa fordern, dass der klimaschädliche und die Gentrifizierung der Innenstädte treibende Kreislauf von Abriss und Neubau durchbrochen werden muss. Bei jedem Abriss werden nicht nur für den Bau bereits aufgewendete Energie und Ressourcen vernichtet, sondern auch erhebliche Emissionen freigesetzt. Fünfzig Prozent des deutschen Abfallvolumens entfallen auf den Bausektor. Ebenso erzeugt dieser Sektor fast vierzig Prozent der CO2-Emissionen – zu vergleichenden Einordnung: Das ist weitaus mehr als etwa durch den Flugverkehr entsteht, wo der Wert „nur“ bei 3,5 Prozent liegt.

Die Profite dieser Praxis werden meist privatwirtschaftlich verbucht, die ökologischen Folgekosten aber sozialisiert und an uns alle und die nächste Generation weitergegeben. Ist das gerecht? Würden soziale und ökologische Folgeschäden realistisch eingepreist, wäre Neubau wirtschaftlich fast immer teurer als eine meist ebenfalls mögliche Um- und Nachnutzung von Bestandsgebäuden. Das erfordert zwar etwas mehr Denkleistung bei politisch Handelnden, aber so ließe sich auch der Gentrifizierung der Innenstädte wirksam begegnen. Die Immobilienwirtschaft und der Finanzmarkt haben daran kein Interesse, ohne fiskalische und/oder juristische Regulierung geht es also nicht.

Die Schlagworte in progressiveren Fachkreisen lauten etwa: „adaptive reuse” von nicht benötigten Büro- und Gewerbeflächen, Bauen im Bestand, Wohnflächensuffizienz durch Fokus auf neue Wohnmodelle mit „shared spaces”, „tiny und micro appartments”, Aufstockungen innerstädtischer Bau- und Supermärkte, Leerstandsmobilisierung und Zweckentfremdungsprävention, Erhalt von „grauer” und „goldener Energie”, höhere Besteuerung von C02-Emissionen, Denkmalpflege als Impulsgeber sensibler Nachnutzung, Förderung von Genossenschaften und Wohnungstauschbörsen und und und.

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Raum, den die Stadt geauso braucht wie Wohnraum, der auch auf andere Weise aktiviert werden könnte. (Bild: Ben Buschfeld)

Eine weitere Diskursverschiebung

Dazu ein Beispiel, bei dem Zahl gegen Zahl steht: Es heißt immer, Berlin brauche rund 30.000 neue Wohnungen pro Jahr. Ungefähr genauso viele Wohnungen liessen sich laut Hochrechnungen auch durch Umnutzung nicht benötigter Büroflächen gewinnen. Und dass Menschen in Deutschland durchschnittlich 49 Quadratmeter pro Person zur Verfügung haben und man sich in Städten an seinen alten Mietvertrag quasi klammern muss, da auch der Umzug in eine kleinere Wohnung fast immer eine massive Verteuerung bedeuten würde, ist aberwitzig. Dieses gemeinhin als Lock-In-Effekt beschriebene Phänomen und die daraus resultierende Stagnation auf dem Wohnungsmarkt mitsamt der Blockade größerer Wohnungen durch die in Berlin dominierenden Ein- und Zwei-Personenhaushalte sind viel eher das Problem als zu wenig Wohnfläche in Gänze.

Natürlich gibt es Fälle, wo man auch um Neubau auf der sprichwörtlichen „grünen Wiese” nicht herum kommt. Aber es ist wichtig festzuhalten, dass auf Umschichtung, kreative Um- und Nachnutzung zielende Ansätze ökologisch und sozial viel nachhaltiger wären als ein Fokus auf immer mehr Neubau, noch mehr versiegelte Flächen mitsamt dem damit oft einhergehenden Verlust kulturell und gesellschaftlich bedeutender Freiräume, Kultur-, Sport- und Veranstaltungsflächen.

Aber natürlich ist es leichter, hemdsärmelig und in bester Stammtisch-Manier auf Neubau zu pochen und angesichts einer größeren Freifläche ein paar Zahlen, Vorschläge und Renderings in den Raum zu werfen, die vermeintlich einfach umzusetzen sind und bei den Wähler:innen vielleicht statistisch Punkte bringen können. Umso mehr gilt es, solche „Projektvorschläge” dann in der Berichterstattung zu hinterfragen und festzuhalten, wie sie ebensogut auch gelesen werden können: etwa als zusätzlicher Gentrifizierungsimpuls, gezielte Lobbyarbeit, populäre Stimmungsmache und städtebaulich historisierende Agenda. Es ließe sich zudem mutmaßen, dass es sich auch um persönliche Projektakquise einzelner handeln mag, aber das will und kann ich nicht unterstellen. Sehr offensichtlich verfolgt der Vorschlag aber eine gezielte, von Teilen der Politik begrüßte Strategie der neuerdings beliebten kalkulierten Diskursverschiebung. Eine solche Politik des „immer mehr” ist aber nicht alternativ-, sondern eher ideen- und langfristig verantwortungslos.


(1) Dieser Text ist eine Entgegnung zu: „Eine Kleinstadt auf dem Tempelhofer Feld” (Artikel von Valentin Wölflmaier, erschienen Berliner Zeitung vom 21. Mai 2026; online unter dem Titel „Mega-Projekt Randbebauung: Fällt das absolute Bauverbot auf dem Tempelhofer Feld?„) Er wurde zuerst online in der BLZ-Rubrik „Open Source” am 26. Mai 2026 unter dem Titel „Bebauungspläne fürs Tempelhofer Feld: „Kleinstadt“-Denken mit anti-moderner Agenda“ veröffentlicht und leicht gekürzt und inhaltlich modifiziert in der Printausgabe am 10. Juni 2026 publiziert. Der Text wurde seitdem marginal angepasst und ist im Rahmen von CC BY-SA-NC-4.0 frei verwenbar. (Mit Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen)