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Es geht um mehr als Moden. Ein Foto-Fan reist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um die Welt, in der die Mode noch Zentren wie Paris, Mailand, New York hat. Wer in der kurzlebigen Mode-Branche etwas werden will, kommt aus aller Welt hierher. Doch die Fotografien entstehen in aller Welt und beleuchten eine ikonisierte Facette der Globalisierung in räumlichem Erfahrungszusammenhang. 

„Biggi in einem Kostüm von Uli Richter vor dem Breitscheidplatz mit Gedächtniskirche und Bikini-Haus“. Aus der Serie „Die Weitwinkle-Perspektive“. (Foto: F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

Eine Ikone als Botschaft: Uschi Obermaier, Schauspielerin, Model und Aushängeschild der 1968er-Generation wie der sexuellen Revolution, schaut direkt in die Kamera von F.C. Gundlach. Rote Lippen, braune Locken, spitze Hemdkragen in blau. Dazu trägt sie einen Kurzarmpullover in den leuchtenden Farben der Sinalco-Puppen, die sich hinter ihr stapeln. Mehr siebziger Jahre geht nicht zur Begrüßung der Besucher in der aktuellen Ausstellung des Bucerius Kunstforums, „You never watch alone“. In Kooperation mit der Stiftung F.C. Gundlach widmet sie sich dem Werk und Wirken des vor 100 Jahren geborenen Modefotografen Franz Christian Gundlach (1926-2021). Doch es geht in der Ausstellung nicht „nur“ um Mode. Zugleich soll Gundlachs Rolle als Galerist, als Netzwerker und vor allem als Sammler von Fotografien aus aller Welt beleuchtet werden.

die Farbfreude der 1970er Jahre schlug sich in Mode, Interieur und im Straßenraum nieder. "Uschi Obermaier mit Sinalco-Puppe Rita", 1970 (Foto: F.C. Gundlach / Stiftung F.C.Gundlach)

Die Farbenfreude der 1970er Jahre schlug sich in Mode, Interieur und im Straßenraum nieder. „Uschi Obermaier mit Sinalco-Puppe Rita“, 1970 (Foto: F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

Reisen um die Welt

Kuratiert von Sebastin Lux, Franziska Mecklenburg und Sophie-Charlotte Opitz bietet die Ausstellung eine Bildreise durch Gundlachs Leben und die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den Auftakt macht die Stadt der Mode, die zugleich das Zentrum der Fotografie ist – Paris. 1950 kommt der junge Gundlach das erste Mal nach Frankreich. 1951 findet dort seine erste Ausstellung statt. Von der Seine führt sein Weg über New York, Hauptstadt des 20. Jahrhunderts, weiter zur „Durchreise“ nach Berlin, wie die damalige Modemesse in der geteilten Stadt hieß, bis in die weite Welt. Nach Brasilien und Mexiko, nach Asien und Afrika. In der aufkommenden Globalisierung wurde dem Fotografen F.C. Gundlach die Welt zum Dorf. Ob bei den Nachfahren der Inka in Chinchero, an den Mauern des Machu Picchu oder vor portugiesischen Azulejos setzte er Mode und Models in Szene. Im Idealfall landeten seine Fotos anschließend auf einem jener über 180 Titelbilder, die er u.a. für die Zeitschrift „Brigitte“ lieferte. Aber auch für Quick, Twen, Stern und Constanze arbeitete er. So bahnten sich Fotografie, Mode und Sehnsüchte ihre Wege in die bundesdeutschen Haushalte der Nachkriegszeit. Oft tausendmal bestaunt in den Ausgaben der Zeitschriften-Lesezirkel.

F.C. Gundlach, „Jet Age“, Hamburg, 1963 (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

F.C. Gundlach, „Jet Age“, Hamburg, 1963 (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

Für seine Reisen um die Welt hatte Gundlach eine kluge Strategie entwickelt. Seine Zusammenarbeit mit der Lufthansa (seit 1955) ließ er sich mit Flugmeilen bezahlen. Gelungene Locations aufzutun, war schließlich genauso wichtig, wie die Mode und die Models ausdrucksstark in Szene zu setzen.
Die Ausstellung lässt sich als ein Querschnitt durch F.C. Gundlachs Werk erleben. Doch sie will mehr erzählen als reine Modegeschichten. Dafür werden Gundlachs Arbeiten in einen fotografischen Dialog mit Arbeiten berühmter Kollegen gesetzt.

Esther Haase, Eny Jaki für ICON, Mongolei, 2018 (© Esther Haase)

Berühmte Kollegin: Esther Haase, Eny Jaki für ICON, Mongolei, 2018 (© Esther Haase)

Foto-Dialoge

Diese Werke stammen aus der eigenen Fotosammlung Gundlachs, die rund 15.000 Arbeiten umfasst. Das ergibt interessant gesetzte Bildpaare. Etwa, wenn das von den Bilddiagonalen beherrschte Foto Gundlachs einer „Persianer Stola am Quai“ von 1952 neben André Kertéz‘ Blick auf den Pariser Quai „Sieste“ von 1927 mit verwandter Diagonale gesetzt ist. Oder Gundlachs Bewegungsstudie von 1952 neben Lampen an der Place de la Concorde von Otto Steinert aus demselben Jahr hängt. Dieser Dialog zwischen Gundlach und anderen Fotografen zieht sich als Leitmotiv durch die Ausstellung. Doch je mehr dieser Bildpaare auftreten, desto mehr Zweifel stellen sich ein, ob diese Gegenüberstellungen tragen. Reicht der formale Vergleich der Fotopaare aus, um sie in der Ausstellung kommentarlos nebeneinander und damit auf eine künstlerische Stufe zu stellen? Beispielsweise bei einem New Yorker Straßenmotiv von Edgar Leciejewski aus dem Jahr 2010, das neben einer Straßenszene von Gundlach von 1978 hängt. Das Spektrum dieser inszenierten „Duette“ umfasst Arbeiten von Richard Avedon bis zu Cindy Sherman und Robert Frank. Nimmt man die künstlerische Qualität als Vergleichskriterium für die Bildpaare, dann ziehen Gundlachs Fotografien fast immer den Kürzeren.

F.C. Gundlach, Gunel Person in der Villa von Sérgio Bernardes, Rio de Janeiro, 1963 (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

F.C. Gundlach, Gunel Person in der Villa von
Sérgio Bernardes, Rio de Janeiro, 1963 (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

Doch das wird seinem Werk und Wirken nicht gerecht. Interessanterweise funktionieren die Bildpaare in ihrer Gegenüberstellung im Katalog durch die gewählte Grafik besser (https://shop.hirmerverlag.de/F.C.-Gundlach/202605011035). Dagegen weisen Gundlachs sehenswerte Kontaktcollagen einen anderen Weg auf. Von ihnen gibt es laut Gundlach-Stiftung rund 100 Exemplare. In der Ausstellung werden sie nur en passant gezeigt. Frei auf einem Blatt arrangiert, erscheinen sie nicht vom Layout der zeitgenössischen Modezeitschriften inspiriert, sondern sind künstlerisch ganz eigenständig gedacht. Die Blätter bezaubern durch ihre atmosphärische Dichte und eine subtile Choreografie. So stehen sie im Kontrast zu den veröffentlichten Modefotografien, mit denen bei den Leserinnen in Deutschland die oft allzu brave Erwartungshaltung der Nachkriegsjahre bedient wurde.


Bis 16. August im Bucerius Kunstforum, Alter Wall 12, Hamburg
https://www.buceriuskunstforum.de

F.C. Gundlach, Auf dem Balkon von Helena Rubinstein, Paris 1963 (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

F.C. Gundlach, Auf dem Balkon von Helena Rubinstein, Paris 1963 (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)