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IBAs über IBAs – man verliert die Übersicht.1) Nun nehmen sich die IBAs neben den Mühen einer Intervention in örtliche Planungsstrukturen auch vor, mit Veranstaltungen eine interessierte Bürgerschaft mit Wissenschaftlern und Politikern zusammenzubringen. Zum Beispiel in Heidelberg. Hier geht es drunter und drüber. Bahnstadt, Kulturhaus, neuer Baubürgermeister, das Patrick-Henry-Village – mit guten Gründen wurde jetzt die „koproduzierte Stadt“ in einer IBA-Veranstaltung diskutiert.

1) siehe Christian Holl Kw 42|2016 >>>

Koproduktion und Governance


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Menschen nehmen die Geschicke ihrer Umgebung selbst in die Hand. Dabei muss man keine Selbstjustiz fürchten, sondern eine Variante des Bürgerschaftsengagements anerkennen – wie im westfälischen Münster. Aber was ist mit der Verwaltung, die eine Stadtentwicklung zur Zufriedenheit aller als Auftrag hat? (Bild: Gutes Morgen Münster)

Es klingt ja sehr schön: In der koproduzierten Stadt beteiligen sich Jede und Jeder über formalisierte, also bürokratisierte Modelle hinaus – im Umfeld, im Quartier, in der Stadt. Alle sind glücklich und zufrieden. Wie das gehen kann, steht in den Sternen, denn gerade in Deutschland sind die Verfahrensstrukturen zu bürokratischen, auch politisch intransparenten Monstern mutiert, die den Bürgern das Gemeinwesen betrüblich entfremden und üblen Populisten das Feld ebnen. Derweil argumentiert die Wissenschafts- und Polit-Community gern mit Anglizismen, um aus dem Sumpf des Konkreten erst einmal gedanklich frisch hinauszukommen. Diskutiert wird also beispielsweise über Governance – damit ist der Umstand gemeint, dass am Neu-, Um- und Weiterbau von Städten nicht mehr nur Regierende (Government), sondern viele Andere mit sehr eigenen Interessen in individueller oder kollektiver Organisation mitmischen. Dieser Umstand ist allgemein bekannt, aber der Begriff Governance noch nicht.
Der in Aachen lehrende Planungstheoretiker Klaus Selle erdete gleich zu Beginn des 4. IBA-LAB (so nennt die IBA Heidelberg manche ihrer Veranstaltungen) die Tagungsgemeinde. Genauer: Er räumte mit sozialromantischen Ideen im Kontext von Governance-Diskussionen auf, denn niemand, der sich in einem Planungsprozess engagiere, tue dies gemeinwohlorientiert. Und weil im Zusammenspiel von Eigeninteressen diejenigen, die Macht, Geld oder beides haben, mehr Einfluss auf die Planung haben als Andere, dürfe man die „Asymmetrien“ nicht vernachlässigen. Da fügte es sich gut, dass der erst sieben Tage zuvor ins Amt eingeführte Baubürgermeister Heidelbergs, Jürgen Odszuck, klipp und klar davon sprach, dass es in vielen Planungsstrukturen „ungerecht“ zugehe. Und dass es nicht so bleiben dürfe.

Prozesse und Personen


Klaus Selle beim Vortrag im IBA_Lab (Bild: Christian Buck)

Klaus Selle beim Vortrag im IBA_Lab (Bild: Christian Buck)

Die gesellschaftspolitische Entwicklung sorgt ja nicht erst, seit Menschen aus bitterer, wer weiß wo entstandener Not ins Land kommen, für Schieflagen, die Menschen aus allen Gesellschaftskreisen auf den Plan rufen. Wutwürger, Mutbürger – man kennt es. So wächst die Einsicht, dass ungerechten Entwicklungen entgegengewirkt werden müsse. Man ist angewiesen auf die „vom Gängigen abweichenden Qualitäten“ in der Planung (Selle), um nicht zuletzt den sozialen Frieden zu sichern. Es sollen die öffentlichen Räume sicher, die Arbeit hinreichend und das Zusammenleben von Allen – aber wirklich Allen – eine Freude sein. In Städten, die aufgrund wirtschaftlichen Wohlstands besonders unter Druck stehen, sollen obendrein die Wohnungen bezahlbar, die Luft sauber, die Autoblechlawinen außen vor bleiben. Allüberall soll man sich mit seiner Lebensumgebung identifizieren – aber auch komfortabel und schnell von zuhause in alle Welt kommen. Nichts leichter als das?
Eine Strategie, die derzeit Konjunktur in den Planerköpfen hat, bezieht sich auf transparente Prozesse und Beteiligungsszenarien – keineswegs zum ersten Mal, denn als in den späten 1960er Jahren nicht die frustrierte Bürgerschaft, sondern die aufmüpfige Jugend auf der Straße rebellierte, ging es um ähnliche Themen. In gewiss noch finstereren, aber nicht so weitreichenden Strukturen wie heute. Damals ging es um den Muff unter den Talaren – heute um Missstände wie bürokratische Fesseln, eine abgehobene Politik und eine weltweit unfassbare Kluft zwischen Arm und Reich. Bruno Latour, ein Provokateur der französischen Philosopie und Soziologie, nimmt dazu kein Blatt vor den Mund: „Die Institutionen haben keine andere Rechtfertigung, als die Werte zu sammeln; ohne unterhaltene und geschätzte Institutionen kann nur der Fundamentalismus triumphieren“.2)2) Bruno Latour: Enquete sur les Modes d’Existence. Paris 2012. Dt.: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Berlin 2014

Wo passiert was?


Es kamen in Heidelberg bemerkenswerte Projekte zur Sprache, die im Zusammen leben von Menschen an den Grundfesten der drei genannten Misstände zu rütteln scheinen. In Wien wird die Seestadt Aspern gebaut – die Strategie dahinter, die der Tatsache zu danken ist, dass Grund und Boden öffentliches Eigentum sind: Man gründe eine Entwicklungsgesellschaft, die die Rolle einer gut geführten Verwaltung spielt und die Freiheit hat, freies Kapital zu binden. Eine koproduzierte Stadt? Gesorgt wird dafür, dass es interne und externe Beiräte gibt; dass die sozialen Medien wie Twitter und facebook beobachtet werden, um Konflikte zu antizipieren; und dass ein durch aus aufwändiges Marketing ein gutes Gefühl vermittelt.
Eine Gratiszeitung informiert über die Entwicklung des Campus (Bild: Interboro)

Eine Gratiszeitung informiert über die Entwicklung des Campus (Bild: Interboro)

In Cambridge – einer expandierenden Universitätsstadt wie Heidelberg – sorgt die Agentur Interboro dafür, dass die Bevölkerung beim Umsetzen des Masterplans mitspielt. Dafür verbreitet sie unter anderem eine Gratiszeitung und wandert mit Informations- und Wunschsammeltischen durch die Stadt. Und dann spielen ja auch all jene mit, die mit der täglich ins Absurde wachsenden Datenmenge etwas Vernünftiges anfangen möchten. Dazu gehört eine Abteilung der Hamburger HafenCity Universität mit Gesa Ziemer, die in einem City-Science-Lab, unterstützt von Hamburgs OB Olaf Scholz, City Scopes liefert – das sind zu Bildern und Karten verarbeitete Daten. Zwar ist sie sich bewusst, dass Daten Visualisieren oder Kombinieren stets einer Manipulation gleicht. Und? Wenn diese Arbeit von IBM und Philipps finanziell unterstützt wird: Honi soi qui mal y pense.

Lokal, national und global


Es kamen noch Beispiele aus München (BMW-FIZ-Campus), Zürich (KCAP), Berlin (Zebrolog Gleisdreieck) und andernorts zur Sprache. Zum einen festigte sich der Eindruck, dass sich viele Menschen in die Beteiligungsprozesse einbringen möchten.3)
Aber nun: Selber kümmern müssen wir wackeren Mitbürger uns bereits um unsere lebenslange Weiterbildung, die private Altersvorsorge, die Pflege der Eltern und die Alltagsorganisiation der Enkelkinder – ja, und jetzt auch noch um die Stadtentwicklung? Außerdem werden Beteiligungsmodelle allzu oft als Alibi durchgeführt: Gelingt ein Modell, haftet sich die Politik die Bürgerbeteiligung ans eigene Revers. Gelingt es nicht, dann kann sie sich hinter dem Argument verstecken, dass sie doch eine Bürgerbeteiligung durchgeführt habe.

Wirtschaft und Big Data


Die Sicht der Immobilienbranche ist wieder eine andere. Der Bewohner ist „Kunde“ und das ökonomische Umfeld „der Markt“. Experimente sind ökonomisch riskant, Schwierigkeiten in der Umsetzung ärgerlich – Bürgerbeteiligung ist als Konfliktentschärfung eine gute Sache, siehe oben. Ideen zur Stadt von morgen sprießen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. So gründete zum Beispiel das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ein Cluster (auch so ein Anglizismus, der über die Unschärfe der Organisationsform hinweggeht), um eine „Smart City Charta für Deutschland“ auf den Weg zubringen. 4)

4) siehe BBSR >>>

 

Hier geht es um eine allein technische Annäherung an die Entwickungsideen zur Stadt von morgen. Auch im globalen Maßstab wird überlegt, welche Änderungen die Macht- und Geldverhältnisse für das urbane oder eben auch nicht-urbane Zusammenleben von Menschen nach sich ziehen können. Neben oder über den nationalen Großmächten USA, Russland, China oder Indien und Afrika wachsen Finanz- und Informationsgroßmächte wie Google, Apple, Amazon und andere, die Menschen weltweit zu Usern, Kunden oder Parametern in einer technisierten und damit sehr manipulierbaren Welt degradieren. Timothy Garton Ash, ein 1955 geborener Historiker, schlägt dieser Tage Regeln für eine radikale Redefreiheit in dieser manipulierbaren Welt vor. Das führt hier en detail zu weit, könnte aber als Thema der koproduzierten Stadt alsbald aufgegriffen werden. Der IBA sei Dank, dass solche Perspektiven in Heidelberg diskutiert werden.