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Welchen Part spielten Österreichs Architekten bei Blüte und Zwiespalt der Nachkriegsmoderne? Und wie fand das Land, nach Abzug seiner vier Besatzungsmächte im Jahr 1955, zu einer angemessenen Rolle in jener aufgewühlten Weltlage, die als Kalter Krieg heute in den Geschichtsbüchern steht? Für ihre Ausstellung „Global – Neutral“ wählten die Kuratorinnen aus den Sammlungen des AzW Belege und Argumente für eine Retrospektive der besonderen Art.

Roland Rainer, Djamshid Farassat: „Anonymes Bauen im Iran“, Buch, Graz 1977


Für alle Bilder © Copyright: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Fotos: Djamshid Farassat. Weder die Fotos, noch PDFs, noch Screenshots von Fotos und PDFs dürfen ohne Zustimmung der Marlowes gUG und des Architekturzentrums Wien je im Internet oder in anderer Weise benutzt werden. Eine Weitergabe an Dritte wird rechtlich verfolgt.

Antikoloniale Befreiung?

Das Weltgeschehen der Nachkriegszeit war nicht allein von der Rivalität der beiden Machtblöcke USA und Sowjetunion bestimmt. Ebenfalls 1955 versammelten sich im indonesischen Bandung erstmals 29 afrikanische und asiatische Staaten, viele von ihnen erst unlängst zur Unabhängigkeit gelangt, und suchten zwischen Ost und West nach einem Dritten Weg. Als „Bewegung der Blockfreien“ gaben sie den Zukunftsvisionen aufstrebender Nationalstaaten Ausdruck und zogen Begehrlichkeiten, auch entsprechende Offerten der Großmächte auf sich. In diese Gemengelage steuerte nun die gleichfalls junge Alpenrepublik – mit dem bemerkenswerten Verfassungsgelöbnis „ewiger Neutralität“.

Die mal grüblerischen, mal kritischen Reflexionen sind nicht einfach aufzudröseln, mit denen die aktuelle Ausstellung im AzW versucht, auch beim „Architekturexport“ neutrales Auftreten nachzuweisen. Dabei machen die Projekte österreichischer Büros in Afrika wie im Nahen und Mittleren Osten vor allem deutlich, mit welcher Dominanz die – westliche! – Nachkriegsmoderne universale Gültigkeit beanspruchte. Lange blieb dieser Anspruch unangefochten, weckte doch ab den 1960er Jahren die Auflösung der alteuropäischen Kolonialreiche von Westafrika bis Südostasien Hoffnungen auf Freiheit und Fortschritt und initiierte dazu viele expressive Bauten, eine ganz eigene Moderne parlante, die von Mut und Selbstvertrauen der neuen Auftraggeber kündete.(1)

Von Djamshid Farassat stammen viele der Fotografien in Roland Rainers Buch „Anonymes Bauen im Iran“, das 1977 in Graz erschien.

Um solch heroische Gesten antikolonialer Befreiung geht es in der Ausstellung des AzW kaum, stattdessen um das pragmatische Wirken einiger international aktiver, kulturell neugieriger, auch geschäftstüchtiger Protagonisten der österreichischen Architektenschaft: „Architekturexport“ als Thema im Spannungsfeld von „Austausch und Aneignung, Entwicklungshilfe und Wirtschaftsdiplomatie, humanitären Gesten und geopolitischer Strategie“(2). Dieser andauernde Dualismus muss den Akteuren damals einige grundsätzliche, womöglich moralische (berufsethische?) Entscheidungen abgefordert haben. Die Ausstellung gewinnt daraus ihre klare Struktur: Da sind zum einen die Lieferanten anspruchsvoller bis auftrumpfender Projekte im jeweilig fremden Regierungsauftrag, zum anderen die Entdecker, die Forscher und kreativ Aufgeschlossenen, die sich selber auf die „exotische Fremde“ einlassen, um für gestellte Aufgaben vor Ort angemessene Nutzungs- und Bauweisen aufzuspüren. Dass im neutralen Wien sich zahlreiche UNO-Institutionen niederließen, war nichtkommerziellen Hilfs- und Kooperationsprojekten sicher förderlich.

Liefern und Entdecken

In der Ausstellung stoßen Projekte beider Fraktionen unmittelbar aufeinander, im Vergleich der Bauformen, mehr noch der mitgelieferten persönlichen Kontexte, kann jeder Betrachter für sich entscheiden, welcher Gruppe er eher zuneigt. Beispielsweise im Fall des enorm erfolgreichen Hannes Lintl (1924-2003), dessen Büro erst gewichtige Vorhaben in Wien realisierte, dann Fernsehtürme für Bagdad und Jakarta, Bürohochhäuser und Botschaften in Riad, Kuwait, Teheran, Abu Dhabi und Amman projektierte. Umrahmt wird sein gezeichnetes Œuvre durch Fotos, die den smarten Architekturunternehmer auf Gangways und Präsidentenpartys zeigen, beim Fingerfood mit arabischen Würdenträgern oder beim Skiurlaub mit dem jordanischen Königspaar. Lintls Lebens- und Werkgeschichte steht unter der Kapitelüberschrift „Diplomatie oder Deal“, und es ist schon faszinierend, mit wie wenig sonstiger Erläuterung es gelingt, bezeichnende Hintergründe transnationaler Erfolgsgeschichten zu erhellen.

Für den anderen, den Weg empathischer Zuwendung stehen Projekte für internationale Hilfsorganisationen von Anton Schweighofer (SOS-Kinderdörfer), Helene Koller-Buchwieser (Schulbauten) oder Eckhard Schultze-Fielitz (Flüchtlingsunterkünfte), die sich auch unter tropischen Bedingungen auf ihr vertrautes Moderne-Repertoire verließen. Um diesem häufigen Fehlgriff westlicher „Helfer“ zu entgehen, zog Carl Pruscha im UN-Auftrag für zehn Jahre nach Kathmandu, um Klima, heimische Baustoffe und gesellschaftliche Normen in Nepal erst einmal zu verstehen, bevor er eine regionale Adaption der Moderne wagte (was im dortigen konservativen Establishment trotzdem wenig Zuspruch fand).

Die „Persische Welle“

Besondere Aufmerksamkeit – nicht zuletzt angesichts aktueller Nachrichtenlagen – verdient in der Ausstellung das Kapitel „Die Persische Welle“. Überraschende Projektbeispiele illustrieren nicht nur vehemente österreichische Wirtschaftsinteressen im Iran, nebenbei wird auch an die immensen Modernisierungsschübe dieses Riesenlandes erinnert, welche sich, wie stets, auch in staatlichen Bauaufgaben wiederspiegelten – zumal Farah Diba Pahlavi, Herrschergattin und studierte Architektin, lebhafte Kontakte zum internationalen Architekten-Jetset pflegte. Befördert vom ökonomischen wie gesellschaftlichen Aufschwung unter dem (autoritären und korrupten) Schah-Regime, kam zwischen Wien, Graz und Teheran ein reger akademischer Austausch zustande, dem nicht nur zahlreiche iranische Architektinnen (!) eine souveräne Berufslaufbahn verdankten. Hans Hollein durfte für die denkmalsaffine Kaiserin eine historische Stadtvilla zum Glas- und Keramikmuseum umwandeln. Roland Rainer machte sich auf Einladung der Iranian Steel Company ausgiebig mit Landschaften und Bautraditionen des Landes vertraut, als Cicerone begleitet von Djamshid Farassat, einem vormaligen Schüler, dessen delikate Fotografien anonymer altpersischer Bauten wesentlich zum Erfolg eines großartigen Bildbandes(3) beitrugen, ein bis heute schlummernder Schatz in den Sammlungen des AzW.

Djamshid Farassat

Auf jenen Djamshid Farassat geht schließlich ein Schlüsselprojekt der Ausstellung zurück, das wie kaum ein anderes Exportvorhaben tatsächlich als Sinnbild für einen Dritten Weg, sprich: für den realen „Tanz zwischen den Blöcken“ stehen kann – Aryashahr, die Wohnstadt eines neuen Stahlwerks, geplant für 250.000 Einwohner, von der Sowjetunion finanziert und ursprünglich konzipiert von russischen, armenischen und georgischen Planern. Deren Prinzipien sozialistischen Städtebaus wurden von Farassat, dem nachrückenden einheimischem Chefplaner, in sozialer Hinsicht geteilt, doch in der architektonischen Ausformung an vorherrschende lokale Lebensgewohnheiten angepasst. Sein Amalgam aus sowjetischer Sozialtechnik, Roland Rainers Wiener Ausgeglichenheit und landestypischer Lebenserfahrung schuf ein Stadtmodell in scharfem Kontrast zu den amerikanisch geförderten Planungen im sonstigen Iran, bei denen private Investition, Kommerz und Autogerechtheit im Vordergrund standen. Folgerichtig brach mit dem Regime Change der iranischen Revolution (1979) die Entwicklung von Aryashahr ab. Arg vernachlässigt, verlor Farassats Vision zunehmend jede Anschaulichkeit. Dabei verkörpert die Stadt eine historische Erfahrung, die zu beherzigen heute immer wichtiger scheint, „als seltenes Experiment im Städtebau des 20. Jahrhunderts, das die Gegensätze des Kalten Krieges überwand und zu einem Symbol des nationalen Fortschritts wie zu einem Instrument der Sozialgestaltung wurde […] eine postkoloniale Synthese aus lokalem und globalem Fachwissen“.(4) An der Stelle wird deutlich, welche Errungenschaften in tatsächlicher „Neutralität“ stecken. Und wie weit das alles schon von uns weggerückt ist.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. September 2026 im AzW zu sehen. Der Katalog kostet 42 Euro.
Der Film zur Ausstellung: https://www.azw.at/de/termin/global-neutral/


(1) Erstmalige Wertschätzung dieses besonderen Architekturerbes ist der Ausstellung „African Modernism – The Architecture of Independence“ zu verdanken, die Manuel Herz 2015 auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein kuratierte.

(2) So die Kuratorinnen im Katalog: Monika Platzer, Susanne Rick (AzW, Hrsg.): „global neutral. Architecture from Austria in Africa an Asia 1955.1989“. Zürich 2026

(3) Roland Rainer: Anonymes Bauen im Iran. Graz 1977

(4) siehe Anm. 2, zit.