Vieles muss sich ändern, wenn die Erde bewohnbar bleiben soll – das wissen wir. Aber wenn es konkret werden soll, fehlen die Erfahrungen. Oder es wird gerade nur so viel geändert, dass möglichst viel so bleiben kann, wie es ist. Das muss man nicht hinnehmen, denn es bieten sich andere Optionen: Genau hinschauen, präzise analysieren, neugierig experimentieren. Vier Leseempfehlungen.

Eva Stricker, Dirk Bayer, Jürgen Graf, Barbara Lenherr, Boris Milla (Hg.): Wege zur Bauwende. Klima- und ressourcenschonend konstruieren
248 Seiten, etwa 180 Abbildungen, 17 × 27 cm, 39 Euro
Triest Verlag, Zürich, 2025
Wenn man die zehn Punkte der »Architects for Future« am Beginn der Publikation „Wege zur Bauwende“ liest, ist man geneigt, das Buch wieder zur Seite zu legen. Die Forderungen sind inzwischen schon etwas älter – also noch ein Buch, das den ständigen Abriss beklagt und integrale Planung einfordert?
Zum Glück nicht. Die Forderungen von A4F bleiben richtig, keine Frage – sie sind hier aber kaum mehr als ein Vorwort für das, was den Inhalt des Buches ausmacht: Vertiefende Forschung und Auseinandersetzungen mit den Themen, die für die Gegenwart des Bauens wichtig sind. Das ist deswegen wichtig, weil dies ein Buch für ein Fachpublikum ist, das nicht erst grundsätzlich von der Notwendigkeit der Bauwende überzeugt werden muss, aber durchaus empfänglich für vertiefende Information darüber ist, was Bauwende in der Praxis heißt. Und diese Information wird geboten. Etwa über die Frage, wie mit der Forderung nach mehr Holz im Bauen umzugehen ist angesichts der Tatsache, dass die Produktion von Holz – insbesondere wenn man Wald nachhaltig bewirtschaften will – nicht über in bestimmtes Maß steigern lässt: zukünftige Konflikte seien offensichtlich, so Jürgen P. Kopp. Stephan Birk stellt Forschungsprojekte vor, die zeigen, wie ein anderes Bauen auf in den Alltag Eingang finden kann. Marlène Durbach veranschaulicht, welche Potenziale Lehm hat, sagt aber auch, dass dessen Verwendung unter den Vorzeichen des 21. Jahrhunderts noch einige Fragen aufwerfe und es nicht reiche, „das scheinbar Bewährte ein wenig zu verbessern“.
Die Publikation stimmt insofern zuversichtlich, als sie zeigt, dass Wege zur Bauwende existieren, dass Schritte auf ihnen begangen werden – aber auch dass der Weg noch weit ist, wenn die Bauwende den Alltag des Bauens erreichen soll.

Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen | urbanista (Hg.): Stadt-Umland-Atlas Hamburg
256 Seiten, 250 farb. Abb., 30,5 × 31,5 cm, 44 Euro
Jovis Verlag, Berlin, 2025
Ein Grundstein für einen „neuen Blick auf Hamburg und die Region“ werde mit diesem Buch gelegt, verspricht der Klappentext. Der „Stadt-Umland-Atlas“, den die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen zusammen mit dem Planungsbüro urbanista herausgegeben hat, ist eine Freude für alle, die sich gerne in Karten vertiefen. Aber er ist eben auch nützlich für die, die ein konkreteres Bild von regionalen Strukturen gewinnen wollen, als es die auf Vermutungen und Inidividualempirie basierenden Einschätzungen bieten.
Aufbauend auf aus vielen Quellen zusammengetragenen Daten wurde in einem Austausch mit Expert:innen ermittelt, welche Karten es denn letztlich sein sollen – 250 (überwiegend gut lesbare) sind es schließlich geworden. Gegliedert in vier Hauptkaptiel – Entwicklungsdynamiken, sozialräumliche Muster, Mobilität und Umweltbedingungen – und gerahmt durch das Grundgerüst der Strukturen von Bebauung, Vernetzung und Naturräumen sowie einem Abschluss darüber, wie Menschen die Region wahrnehmen – finden sich viele interessante Analysen. Wo welche Nationalitäten aufeinandertreffen – bezogen auf den Wohnort ist das eben nicht die Innenstadt, sondern es sind die Innenstadtränder. Wie wird das Verkehrsnetz ausgebaut, wo ist Siedlungswachstum erwartbar? Lichtverschmutzung, Lämrbelastung ergänzen die Feinstaubkarten, die das Zentrum als am höchsten belastet ausweisen. Stromversorgung und Veränderung des Stromnetzes nach der Energiewende werden thematisiert – es ist ein großer Fundus über die regionalen Themen, die den Alltag der Menschen bestimmen, der zu wenig in den Diskussionen über das zukünftige Bauen eine Rolle spielt, zu wenig bearbeitet wird. Dabei wäre es so wichtig. Mit der Bauwende allein ist es eben nicht getan, wir müssen auch räumliche Vernetzungen und Abhängigkeiten in den Blick nehmen.
Wir müssen sehr genau hinschauen, wenn uns das Wasser nicht bald zum Hals stehen soll – auch die Hochwassergefahr ist selbstverständlich ein Thema. Der Fall Hamburg ist gewiss nicht ohne weiteres übertragbar auf andere Regionen, aber nach vergleichbaren Grundzügen lässt sich eben doch fragen – wie und wonach man fragen könnte, zeigt dieser Atlas eben auch.

Anne Tittor: Postfossiler Extraktivismus? Sozial-ökologische Konsequenzen von Dekarbonisierungsstrategien
308 Seiten, 39 Euro>br/>
Transcript Verlag, Bielefeld, 2025
Der Klimawandel ist Wirklichkeit, es muss etwas getan werden. Wissen wir. Das Schlagwort heißt: Dekarbonisierung – also der Verzicht auf Energieerzeugung mit fossilen Brennstoffen. Wie das gelingt, ist die eine Frage – die andere: Was hieße es, wenn es gelänge? Darum geht es Anne Tittor – sie stellt in ihrem Buch „sozial-ökologische Konsequenzen von Dekarbonisierungsstrategien“ vor. Die sind mitunter ähnlich dramatisch wie die des fossilen Extraktivismus. Unter diesem versteht man den Abbau von Ressourcen, insbesondere fossilen Brennstoffen sowie metallischen und mineralischen Rohstoffen; der Begriff Extraktivismus wird im Diskurs meist verwendet, um die damit verbundenen ökologischen und sozialen Folgen aufmerksam zu machen.
Der Extraktivismus, um den es Anne Tittor geht, ist ein anderer: der, der nötig ist, um die fossilen Rohstoffe durch klimaneutrale zu ersetzen. Sie benutzt den begriff, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Folgen – zumindest derzeit – nicht minder dramatisch sind. Um klimaneutral Energie zu gewinnen, sind immense Flächen nötig, muss in Wasserhaushalte eingegriffen werden, müssen Anbaumethoden geändert werden. Und die sind mit erheblichen Konsequenzen für die lokale Bevölkerung verbunden. Bestehende Erwerbs- und Produktionsstrukturen werden nachhaltig gestört, mitunter sind die Dekarbonisierungsstrategien mit Enteignungen verbunden, gemachte Versprechen hinsichtlich Jobs, Bildung und Energieversorgung würden oftmals kaum erfüllt.
Mit dem Schwerpunkt auf Lateinamerika, insbesondere Nicaragua und Argentinien (Palmölanbau, Bioethanolproduktion, Infrastrukturprojekte) zeigt Tittor, wie der aktuell eingeschlagene Weg die bestehenden Ungleichheiten zwischen Nord und Süd zementiert oder gar verschärfen könnte. Sie macht deutlich: Eine Betrachtung, die sich nur auf eine andere Energiequelle fokussiert, bleibt blind für soziale und weitreichende ökologische Folgen. Das heißt aber, dass wir unsere Modelle von Wachstum und BIP hinterfragen müssen. Tittor rät daher dringend, die Diskussion über Dekarbonisierung um eine globale Perspektive der Umweltgerechtigkeit zu ergänzen. „Grüne“ Energie ist sonst kein Beitrag zur Verbesserung der Welt.

Kayoung Kim, Lisa Marie Zander, Marius Töpfer, Thies Warnke (Hg.): Versammlung der Mikropolitiken
224 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 19,5 x 13,5 cm, 22 Euro
Adocs Verlag, Hamburg, 2025
Es ist ein Buch „für alle, die täglich unsere Städte durchlöchern und diejenigen, die daran scheitern“, so erfährt man direkt auf der ersten Seite. Hier geht es nicht um die Verfechter von Stuttgart 21, sondern um die, die den marktgängigen, Zustände reproduzierenden, Privilegien bewahrenden Praktiken der Stadtnutzung Alternativen gegenüberstellen.
Die Geschichte dieses Buchs beginnt im Sommer 2023. Damals trafen sich in einem 50 Quadratmeter großen, besetzten Toilettenhaus Aktivist:innen, um über ihr Engagement und ihre Kämpfe zu berichten, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu stärken. Der durchlöcherte Raum sei eine Art Zwischenraum, in dem solche Dinge passieren wie Land- und Hausbesetzungen, wo soziale Zentren am Leben gehalten werden, wo sich antirassistische Gegenwehr artikuliert, so Kike España; Mikropolitik sei ein auf lokale Situationen und nachbarschaftliche Praktiken ausgerichtetes politisches Handeln, das im kleinen Maßstab interveniert, so Jesko Fezer.
Die Projekte kommen aus London, Hamburg, Marseille, Berlin; dazu gehört das schon erwähnte Toilettenhaus, dessen Besetzung einen sozialen Raum, ein Stadtteilzentrum wieder einforderte – erfolgreich, der Wettbewerb für ein solches Stadtteilzentrum ist inzwischen entschieden. Oder die MacDonald’s-Filiale in Marseille, Schauplatz von Arbeitskämpfen, die weit über Marseille hinaus wirkten. Sie wurde 2019 geschlossen – und wird nun als ein selbstverwalteter Ortsteiltreff betrieben. Kleine Erfolgsgeschichten, die gegen die Strukturen anarbeiten, die Defizite und Ungerechtigkeit erzeugen, Tag für Tag. Insofern ist jeder Erfolg ein Scheitern, weil er das nicht aus der Welt schafft, was solche Erfolge nötig macht. Aber sie sind es eben: nötig. Nicht nur, weil sie, wie es in der Einleitung heißt, zeigen, welche Stadt es geben könnte. Sondern weil sie zeigen, dass es sie immer auch schon gibt. Man sieht sie, wenn man durch die Löcher schaut.
