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Marktgeschrei (7) | Den Redakteuren von Architekturzeitschriften bleibt wenig Zeit, in Architekturtheorie, Baukonstruktion und technischem Ausbau auf dem Laufenden zu bleiben. Sie müssen nebenbei Kommunikationspakete für die Hersteller von Dachflächenfenstern und Brausearmaturen erfinden. Bei den Tageszeitungen ist das gang und gäbe.


Ich mag meine Zeitung, die Süddeutsche. Als Rentner habe ich endlich Zeit, sie jeden Tag stundenlang zu lesen. Und zum Wochenende freue ich mich, wenn sich der Chefredakteur Kurt Kister mit seiner E-Mail in Erinnerung bringt. Selbst die Seiten, deren Inhalte mir fern liegen, also Wirtschaft oder Sport, was bei der SZ vor allem die seismographische Beobachtung von Bayern München bedeutet, lasse ich nicht aus.
Natürlich muss Qualitätsjournalismus wirtschaftlich gesichert sein. Da man bei den Honoraren der freien Mitarbeiter nicht weiter sparen kann, muss man den Gewinn auf andere Weise erwirtschaften. Was Redaktionen höchst selten überlegen, ist, mit Umfang zu geizen.

FAZ-Magazin-Beilage im April 2013

FAZ-Magazin-Beilage im April 2013

Beilegen

Das Gegenteil ist der Fall. Man versucht, die Konkurrenz durch zusätzliche Seiten oder beigelegte Hefte zu überbieten. Da hat der Abonnent auf jeden Fall das Gefühl, er kriegt was fürs Geld. Außer den Fremdbeilagen von der Evangelischen Kirche oder Möbelhäusern produzieren Verlag und Redaktion deshalb das Süddeutsche Zeitung Magazin. Es wurde erfunden, als es im Mutterblatt noch keinen Farbdruck gab und man damit die Anzeigenkunden der „Illustrierten“ gewinnen konnte. Der Leser erhielt zusätzliche Beiträge. Gut so.

 

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Diese Balance hat sich inzwischen verschoben. Die Werbung findet nicht mehr freiwillig ins Blatt. Deshalb muss man etwas dafür tun, ein Umfeld für die Produkte finden, Redaktionsmarketing eben. So widmet sich das SZ-Magazin immer wieder Themen, für die sich leicht Anzeigen schalten lassen, oder entwickelt Fotostrecken, in denen bestimmte Produkte wie zufällig ins Bild gerutscht sind. Bisweilen kann man sie kaum erkennen, wenn nur eine Stiefelspitze unterm Hosenbein hervorlugt. Hauptsache in der Bildunterschrift ist der Name der Schuhfabrik gut lesbar. Offenbar reicht diese fotokünstlerische Promotion den Firmen, es ist ein Kokettieren mit dem Konsum, nicht auszuschließen, dass die Redaktion eigentlich vom Kauf abraten möchte.

17flex_KM_GolfMist und seine Beseitigung

Deshalb musste der Verlag deutlicher werden und nimmt inzwischen ungeniert den Deckel vom Warenkorb für weitere Magazine. Sie pflegen eine bestimmte Produktgruppe, die mit feuilletonistischen Ranken umsäumt wird. Kosmetik, Gesundheit, Wein, Uhren, Reisen, Golf… Die Masche scheint erfolgreich, damit die Zeitung für die Südwestdeutsche Medien Holding und die Familie Friedmann ihre Umsatzziele erreicht. Also unterstützt die Redaktion in den bunten Heftchen den Absatz von Produkten und Leistungen, die unserer anmaßenden Lebensweise entsprechen, vor deren Folgen im Mantelteil der Zeitung gewarnt wird.
Ein schlaues Modell: Man kann mit der Herstellung von Mist und seiner Beseitigung Geld verdienen. Gut, wenn beides in einer Hand ist.