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Vergehe doch, du bist so schön


Das Architekturmuseum der TU München widmet sich Siedlungsformen mit Ablaufdatum. Zu sehen sind beeindruckende Beispiele. Ein wenig schießen die Kuratoren zwar in der Begeisterung über das Ziel hinaus. Das sei ihnen aber gestattet: Die Ausstellung zeigt, warum man über diesen ephemeren Städtebau begeistert sein kann.

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Tepito Markt, Mexico City. Bild: © 2015 Google, DigitalGlobe

Der Termin war nicht zufällig gewählt: Eröffnet wurde die Ausstellung „Ephemeral Urbanism – Does Permanence matter?“ am 13. September. Drei Tage später wurde das Oktoberfest eröffnet, nicht nur für Münchner einer der bedeutendesten Vertreter jenes ephemeren Urbanismus, der nur für kurze Zeit besteht. Ihm ist die Ausstellung gewidmet, jenem Städtebau, der angesichts Globalisierung, Klimawandel, Flüchtlingsströmen zunehmend an Aktualität gewinnt. Denn wenn auch dem Oktoberfest in der Ausstellung ein gebührender Platz eingeräumt, seine Herkunft und Entwicklung erläutert wird, so sind wiederkehrende Feste oder Festivals nur eine Form der ephemeren Stadt. Andere sind Füchtlings- oder Militärlager, Wallfahrtseinrichtungen, Märkte, nomadische Siedlungen oder solche, die dem Rohstoffabbau dienen.

Qoyllur Rit’i Festival, Peru © 2016 picture alliance / AP Photo. Das jährlich stattfindende, dreitägige Festival verbindet Traditionen des Katholizismus, der Inka und der Anden.

Basierend auf einer langfristig angelegten Studie von Rahul Mehrotra von der Harvard Graduate School of Design und Felipe Vera vom Centro de Ecología, Paisaje y Urbanismo in Santiago de Chile ist für die Ausstellung eine Auswahl von Fallstudien in verschiedenen Größenordnungen getroffen worden. Die Anzahl der Menschen, für die temporär gebaut wird oder wurde, strukturiert die Ausstellung: Am Anfang steht das Laubhüttenfest Sukkot, das für „mindestens 2 Personen“ errichtet wird, um an den Exodus der Israeliten aus der äpyptischen Sklaverei zu erinnern – und am Ende finden wir den Haddsch (Haji), die größte Pilgerfahrt der Welt, die jährlich über 2 Millionen Menschen vereint. Dazwischen: der Carneval von Rio, Beduinen-Lifestyle-Camps in Jordanien, das Flüchtlingslager Dahaab in Kenia, das über 400.000 Menschen aufnimmt und gegen das sich das Flüchtlingslager in der Max-Pröbstl-Straße in München für 230 Menschen dann doch sehr bescheiden ausnimmt, vor allem wenn man sich die kollektive Empörung, die die Geflüchteten ausgelöst hatten, vor Augen hält. Der Besucher wird nach Chuquicamata geführt, einer für den Kupfertagebau errichteten Siedlung in Chile, bekommt Eindrücke vom Burning Man-Festival, für das sich jährlich in Nevada Anfang September inzwischen 70.000 Menschen einfinden, er lernt Tiefort City kennen, ein Attrappendorf, das als militärisches Ausbildungslager dient, auch der Christkindl-Markt ist vertreten. Und man trifft auf den Youtube-Star Talad Rom Hoob (zu sehen zum Beispiel hier >>>), der Markt in Thailand, der sich bis auf die Bahnschienen erstreckt und nur für die Zeit der Durchfahrt kurz geräumt wird.


Nicht Teil der abwechslungsreich präsentierten Ausstellung ist eine geschichtliche Reflexion, die etwa die barocken Feste oder historische militärischen Lager berücksichtigte. Ansonsten bleiben kaum Wünsche offen: Pläne zeigen, wie sich das Terrain während der temporären Nutzung verändert, hochklassige Fotos und Filme, letztere teilweise im Zeitraffer, erläuternde Texte, Modelle sowie Bücher zum Thema bilden eine umfangreiche Materialsammlung.

Ein normaler Teil der Stadt

Natürlich kann die Schönheit des Moments, das sich in den Festen und Zeremonien, in der Interaktion und Kommunikation erleben lässt, nicht wiedergegeben werden – das liegt in der Natur der Sache. Aber es wird darauf verwiesen, dass die Diskussion über den Städtebau dies eben auch zu berücksichtigen hat: Städte leben durch ihre gebauten Strukturen nur, wenn sie den Raum für das Leben schaffen, und das wird eben nicht nur durch Beständige geleistet, auch das Temporäre ist Teil der Städte und des städtischen Lebens  – und das Vergängliche bestimmt seine Schönheit. Die Ausstellung wirbt insofern für eine Diskussion, die den Raum des Offenen, Vergänglichen mit in die Reflexion über die Stadt einbezieht. Das Architekturmuseum setzt damit eine mittlerweile beachtliche Reihe fort, die mit Lina Bo Bardi, Kéré, Ausstellungen zu Partizipation und Gemeinschaft explizit den Schwerpunkt auf die Rolle der Architektur als Impulsgeber sozialer, kommunikativer, sinnstiftender Prozesse legt.

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Wäre es immer, wäre es kein Fest. Bild: Christian Holl

Allerdings wird dabei das Ephemere, so sehr man die Begeisterung dank der Ausstellung teilen kann, hin und wieder auch etwas zu sehr gegen die beständigen Strukturen ausgespielt. Die Vorstellung von Dauerhaftigkeit als grundlegende Bedingung für Städte solle hinterfragt werden, so heißt es in der Pressemitteilung. Aber ist nicht gerade die Dauerhaftigkeit die Bedingung dafür, dass das Ephemere wirken kann? Man müsse über neue Designstrategien nachdenken, so ist in einem Video der beiden Forscher, auf deren Arbeit die Ausstellung aufbaut, zu hören. Aber sieht man denn nicht gerade in der Ausstellung, wie effizient organisiert und gut geplant die temporären Städte sind? Reichte es nicht, dies einfach zur Kenntnis zu nehmen? Und die vorübergehenden Ereignisse so als einen Teil der Stadt zu sehen, dass wir etwas gelassener über das reden, was wir von Architektur und Städtebau erwarten?
Es muss vielleicht nicht gleich, wie im Film etwas pathetisch gesagt wird, „die Illusion der Beständigkeit in Frage gestellt werden.“ Beständigkeit ist keine Illusion, nur erschöpft sich Stadt nicht in ihr. Es reichte doch, die Orientierung an dem, was bleibt und bleiben soll, zu relativieren. Wenn das, was die Ausstellung leistet, sich auch im allgemeinen Diskurs niederschlüge – das Ephemere zu würdigen und als essenziellen Teil der Stadt anzuerkennen – dann wäre das doch schon viel: Der doch manchmal recht verkrampft wirkende Umgang mit den Veränderungen, denen Stadt ausgesetzt ist, könnte sich wandeln. Das allerdings würde gut tun. Wie auch immer sich das letztlich dann in Ephemerem äußert und in Beständigem niederschlägt.


Does Permanence matter?
Ephemeral Urbanism
Bis zum 18. 3. 2018 im Architekturmuseum der TU München
Pinakothek der Moderne
Arcisstraße 21,  80333 München
Information zur Ausstellung, Katalog und die Ausstellung begleitenden Veranstaltungsprogramm >>>