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Die gegenwärtige, absurd anmutende Renationalisierung des Globus, in der Jeder und Alles nur „first“ sein will und eigene „Identität“ im Sinn hat, lässt gerade die Europäer sich ihrer selbst bewusst werden. Eine Art literarischer „Vermessung Europas“ macht deutlich, wie trügerisch „Grenzen“ in einem ganz anders, kulturell konstituierten Kontinent sein können.


Tomasz Różycki Feuerprobe Die trügerische Kartographie Europas. 300 Seiten. ISBN 978-3-96587-070-3, Arco Verlag, *** 2025

Tomasz Różycki: Feuerprobe. Die trügerische Kartographie Europas. 300 Seiten. ISBN 978-3-96587-070-3, Arco Verlag, Wuppertal 2025

„Die Ewigkeit ist ein Zustand, in dem die Zeit stehenbleibt, die Zeit existiert nicht, sie hat keine Macht über uns, die Gesetze dieser Welt sind außer Kraft gesetzt. Passiert etwas ähnliches nicht manchmal, wenn wir ein Buch lesen? (Seite 69)“, fragt der im oberschlesischen Opole geborene, polnische Essayist und Lyriker Tomasz Różycki. Die Lektüre seines Buchs „Feuerprobe. Die trügerische Kartographie Europas“ entfaltet genau solche Wirkung, sie lässt spüren, wie die Gesetze der Welt beim Lesen außer Kraft gesetzt werden. In Różyckis Buch verschmelzen Zeit und Raum, Geschichte und Gegenwart und lassen einen einzigartigen europäischen Kosmos entstehen, dessen Sog man sich kaum zu entziehen vermag. In 130, mal kürzeren, mal längeren fragmentartigen Betrachtungen reist Różycki über die Grenzen der (mittelost-)europäischen Länder hinweg. Dabei gliedert er Europa für sich nicht in Länder, sondern in drei Zonen: Jene des Weins, jene des Biers und jene des Wodkas, wobei er selbst den Weingenuss bevorzugt.
Was sind schon Grenzen, möchte man rufen, wo man heute quer durch den Kontinent reisen kann. Doch obwohl sie über die Jahrtausende stetig verschoben wurden, haben sich die Grenzen tief in die persönlichen Biografien und Kulturen eingeschrieben. So viele Bücher und Gemälde auch durch die Feuer der europäischen Kriege zerstört wurden, so blieb trotz solch verheerender Verluste, trotz grausamer Vertreibungen und fürchterlicher Vernichtungen ein kultureller Kern zurück. Ihm spürt der Schriftsteller Różycki in einer stupenden Belesenheit nach. Dabei erweist er sich als einer der bedeutenden europäischen Intellektuellen der Gegenwart. Zugleich ist er ein Sprachmagier, der uns durch die Höllenkreise Europas leitet, um bis zu den Wurzeln der Frage nach der Kunst vorzudringen: „Besteht – banal gefragt – der Sinn von Kunst darin, anderen (den Rezipienten) bewusst zu machen, dass sie Menschen sind, dass sie zur Welt gehören, dass echt ist, was sie empfinden und was unbenannt in ihnen gärt […]?

Kunst und Gemeinschaft

Die Kunst würde damit den Platz des Menschen in der Gemeinschaft bestätigen, die Zugehörigkeit des Individuums, sein Verhältnis zur Welt, die Teilhabe an der gemeinsam geschaffenen Kultur und überhaupt das Menschsein. Das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille. Es begann mit den ersten Gesängen am Feuer und den Höhlenmalereien – die Kunst entstand als Reaktion darauf, dass dem Menschen die Schönheit und das Grauen des Lebens bewusst wurden, seine Sterblichkeit, die Existenz der Zeit, der er unterworfen ist. Wagen wir deshalb eine weitere misslungene Definition: Es gibt die Kunst, weil der Mensch entdeckte, dass er sterblich ist.“ (Seite 211)
Różyckis Reise durch Regionen und Kulturen Europas nimmt uns mit durch die Literatur- und Kunstgeschichte. Sie führt uns zu Fernando Pessoa nach Lissabon, zu Franz Kafka nach Prag, zu Michail Bulgakow nach Moskau und zu Bruno Schulz nach Drohobycz, zu jenem Zeichner und Dichter der „Zimtläden“, der 1942 von den Nazis in seiner Heimatstadt ermordet wurde. So gelangen wir in die „Bloodlands“ (Timothy Snyder), deren Geschichte im 20. Jahrhundert durch den Holodomor der Sowjets an den Ukrainern, die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs geprägt ist. Wie könnte man glauben, dass solche Menschheitsverbrechen nicht fortwirken würden, weit jenseits der Verschiebung der Grenzen auf den Landkarten? Dass sie sich nicht unlöschbar eingebrannt haben bis in die Seelen der nachfolgenden Generationen?

Generationen und Grenzen

Das Einzigartige dieser intensiven, lyrischen Prosa Różyckis ist, dass sie nicht machtlos in den Schrecken verharrt, sondern fragt und erkundet „Wo sind die Grenzen der Welt? Wo sind die Grenzen Europas? Wo der Ort, von dem man die Bühne beobachten kann? Ich suche danach. Es scheint, als sei der periphere Ort identisch mit dem Zentrum. Nichts ist schließlich provinzieller als das Zentrum. Nichts fremder als der Platz am Tisch beim Namenstag der Tante. Nichts grenzhafter als das Bett, auf dem du wie jede Nacht einzuschlafen versuchst, und wie jede Nacht deckt dich, den Nackten, dabei die Morgendämmerung zu“. (Seite 97)
Es ist eine Pilgerreise, zum Geist und zu den Geistern Europas, die uns Różycki offeriert, mal urkomisch, mal erschütternd tragisch, aber stets geprägt durch eine zärtlich schimmernde Ehrlichkeit: „Fortan wird der Melancholiker, ein Eingeweihter mit besonderem Wissen über die Welt, zugleich unglücklich sein, weil dieses Wissen ein bitteres ist, und das Gefühl des Andersseins, der Entwurzelung, des ständigen Hin und Hers zwischen dieser und jener Welt (der Melancholiker ist besser als andere Sterbliche, aber nicht gut genug, um ein Gott zu sein) wird ihm zur Qual, weil er keinen Sinn in seinem Leben sieht.“ (Seite 63)
Das ist, um es mit zwei Worten zu sagen, große Literatur, so reich, dass es schier unmöglich ist, sämtliche Facetten dieses Buches im Rahmen einer mageren Rezension vorzustellen. Zugleich ist es mehr, als eine Suche nach Europa, ebenso ist es eine Reise zum Selbst: „Ziel der Reise – jeder Reise – ist es nämlich, uns selbst zu finden, ins Zentrum vorzudringen, in die letzte Kammer des Labyrinths, in der wir dem Minotaurus begegnen, dem Ungeheuer, unserem zweiten ‚Ich‘.“ (Seite 162)