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Zwischen Kafka und Kasko

Eine erzählte Anamnese des kranken Planens und Bauens – alles richtig. Und im Untertitel lesen wir, „wie wir wieder zukunftsfähig werden“. Wen interessiert das nicht? Aber leider hilft das vorgeschlagene Antidot höchstens retardierend. 

Angaben

Gerhard Matzig: Auferstehen aus Ruinen. Warum Deutschland zerfällt – und wie wir wieder zukunftsfähig werden. 224 Seiten, dtv München, ISBN 978-3-423-28504-9, 22 Euro.

Ein Buch, wie es nur Journalisten schreiben können. Die täglich mit dem Thema beschäftigt sind und denen der Recherche-Apparat einer Zeitungs-Redaktion zur Verfügung steht: Fakten, Fakten, Fakten. Aber man muss auch unterhaltend schreiben können. Matzig kann das, unverwechselbar, wenn eine lange Satzkaskade mit einem rhetorischen Kontrapunkt endet: Einerseits … Wenigstens … Wie bitte? Das beherrscht er formidabel. Das ist das Patent, um die Lesenden wach zu halten.
Der Buchtitel erinnert an die Nationalhymne der DDR. Man kann sich fragen, ob das in die Gegenwart geholte Auferstehen als Indikativ oder Imperativ gelten soll: Also protokolliert der Autor gerade einen Vorgang, oder stellt er eine Forderung auf? Kritischer liest man den Untertitel, der ratgeberhaft verspricht, wie wir wieder zukunftsfähig werden. Vermutlich haben das die Marketing-Fuzzis des Verlags dazu gesetzt. Journalisten würden sich hüten, Handlungsanweisungen für ein gutes Leben zu verkünden, das machen nur Politiker. Man erwartet ja auch nicht von einem Architekturkritiker, dass er zu seinem Verriss über ein Gebäude gleich eine Alternative skizziert.

Schlagen wir das Buch auf. Es liest sich gut, man spürt hinter der Abrechnung eine lauernde Ironie, sonst wäre die Auflistung der einsturzgefährdeten Brücken, verfallenden Schulgebäude, märchenhaften Kostensteigerungen bei gleichzeitig ins Uferlose schwimmenden Bauzeiten nicht zu ertragen. Es kommt viel zusammen, schade, dass es kein Register gibt, damit man sich bei Bedarf für ein Bonmot darauf stützen kann. Ein Land voller Bauruinen und unfertiger Baustellen, die von einer lähmenden Bürokratie mit überkommenen Normen am Leben erhalten werden: „Wovon wir reichlich haben: schlechte Laune, Bedenken und Ämter.“ Manchmal streifen die gesammelten Anekdoten das Kabarett, zum Beispiel wenn wir lesen, dass sich ein Schulbau in Erfurt um sagenhafte 2,5 Millionen Euro verteuert, weil 39 auf dem Baugrund lebende Feldhamster umgesiedelt werden müssen. Ihre Remigration kostet 64102 Euro. Pro Stück!
So was könnte in einem apokryphen Roman von Johannes Mario Simmel vorkommen, aber nein, es handelt sich um ein Sachbuch aus der Gegenwart. Gerhard Matzig, der die Rolle des Chefanklägers einnimmt, tut das für „dieses eigentlich sehr schöne und eigentlich sehr tüchtige und eigentlich sehr lebenswerte Land“. Eigentlich.

Denn wir müssen noch einmal auf den Untertitel zurückkommen, auf den Mut machenden Hinweis zur Abhilfe gegen diese Unbilden. Dass es sie gibt, liegt in erster Linie nicht daran, dass böswillige Behörden und mit krimineller Energie ausgestattete Unternehmen am Werk sind. Die Beteiligten arbeiten gemäß ihren Kompetenzen, Richtlinien, Zuständigkeiten. Es wäre nun eine Kärrnerarbeit, für jede erwähnte Misslichkeit eine detaillierte Lösung vorzuschlagen, etwa als könnten Schüler für die bedrohten Feldhamster Patenschaften übernehmen und händisch beim Umsiedeln der Nagetiere mithelfen. Aber so naiv und pfadfinderhaft sucht unser Kollege nicht nach Auswegen für entdeckte Defizite. Er bleibt beim Grundsätzlichen. Das ist nicht verkehrt, liefert aber fallweise keine konkrete Hilfe. Die begleitend eingeschobenen Antworten lesen sich wie aus dem Lehrplan für Baureferendare: „Beschleunigung und Vereinfachung von Planungs-und Genehmigungsverfahren, Bereitstellung von Bauland und Aktivierung von Flächen, Stärkung des sozialen Wohnungsbaus und ein Ende sinnfreier Bindungsfristen.“ Das klingt gleich weniger schrill als die unvorstellbare Nachricht, dass für die Sanierung eines großen Opernhauses zwischen ein und zwei Milliarden Euro (!) veranschlagt werden müssen. Dieses Ungleichgewicht zwischen unterhaltsamer, akribischer Fehlerrecherche und pauschalen Handlungsvorschlägen wird nicht aufgelöst. Es wirkt, als wenn ein Arzt mit chirurgischem Interesse anamnetisch einen gefährlichen Abszess beschreibt, dann sein Skalpell aus der Hand legt und vorbeugend die großflächige Anwendung von Einreibemitteln verordnet.
Noch mehr Vorschläge gefällig? „Das Vergaberecht muss reformiert werden. Das Einspruchsrecht muss reformiert werden. Die Behörden müssen effizienter werden und brauchen mehr Personal. Der Behördenweg von einer zur nächsten Behörde gehört gestrafft. Das Planungsrecht gehört entholzt und dynamisiert. Die Länder…“  etc. pp.
So genau will man es dann gar nicht mehr wissen. Die Geschichte mit den Feldhamstern war viel lustiger. Schade, dass sich die Lösungen nicht mit derselben Ironie erzählen lassen.