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O.M. Ungers – Architektur als Idee, Bild: David Kasparek
Am 12. Juli dieses Jahres wäre Oswald Mathias Ungers 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass widmet das Museum für Angewandte Kunst Köln dem Architekten eine Ausstellung. Dass die Schau einiges offen lässt, ist jedoch nicht den Kuratorinnen anzulasten.

Oswald Mathias Ungers kommt am 12. Juli 1926, vor genau 100 Jahren also, in Kaisersesch am Rande der Eifel zur Welt. Grund genug, sich dem Werk des Architekten einmal wieder zu widmen, wie das Museum für Angewandte Kunst in Köln (MAKK) befand. Und so zeigt das äußerlich etwas ramponierte Haus in seiner innerlich immer noch wunderschönen Halle bis zum 27. September eine vom Ungers Archiv für Architekturwissenschaft kuratierte Schau anlässlich dieses runden Geburtstags. Die Kuratorinnen Sophia Ungers, Tochter des Architekten, und Anja Sieber-Albers unternehmen dabei den Versuch, die Architektur von Oswald Mathias Ungers „als Idee“ nachvollziehbar zu machen.

Dass dafür das MAKK ausgewählt wurde, erscheint auf mehreren Ebenen trefflich. Zum einen hatte Ungers 1950 in Köln sein Architekturbüro eröffnet, hier baute er, neben anderen Gebäuden, zwei seiner drei eigenen Wohnhäuser, hier verbrachte er einen Gutteil seines bewegten Lebens. Zum anderen entstand das heutige MAKK zwischen 1953 und 1957 nach Plänen von Rudolf Schwarz und Josef Bernard als Wallraf-Richartz-Museum. Dessen Neubau realisierte Ungers zwischen 1996 und 2001 neben dem historischen Gürzenich, nur wenige 100 Meter Luftlinie vom heutigen Ausstellungsort entfernt. Rudolf Schwarz wiederum war es, der jenes Empfehlungsschreiben verfasste, das der Berufung Ungers‘ an die TU Berlin 1963 vorausging – beide, Ungers und Schwarz, schätzten sich gegenseitig.

Oben:
O.M. Ungers, Haus Belvederstraße, Köln 1958–1959, Bild: Dieter Leistner (1990)
O.M. Ungers, Haus Belvederstraße, Köln 1958–1959, Entwurfsskizzen, Bild: UAA
O.M. Ungers, Haus Belvederstraße, Bibliothekskubus, Köln 1989–1990, Bild: Dieter Leistner (1990)
Mitte:
O.M. Ungers, Haus Belvederstraße, Bibliothekskubus, Köln 1989–1990, Bild: Stefan Müller
O.M. Ungers, Haus Belvederstraße, Bibliothekskubus, Ansicht, Skizze, Köln 1989–1990, Bild: UAA
O.M. Ungers, Haus Belvederstraße, Bibliothekskubus, Schnitt, Skizze, Köln 1989–1990, Bild: UAA
Unten:
O.M. Ungers, Haus Belvederstraße mit Bibliothekskubus Köln 1989–1990, Bild: UAA

Bauten, Möbel und Kunstwerke


Sophia Ungers und Anja Sieber-Albers haben die Ausstellung nun anhand von sechs Bauten konzipiert. Neben dem eigenen Wohn- und Bürohaus in der Belvederestraße in Köln (1958–1959; 1989/1990 ergänzt um einen Bibliothekskubus), sind dies die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe (1983–1991), die Villa Glashütte, die als eigenes Ferien- und Wochenenddomizil zwischen 1986 und 1988 in Utscheid in der Eifel entstand, die Residenz des deutschen Botschafters in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. (1987–1994), die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank an der Düsseldorfer Königsallee (1988–1991) und das dritte eigene Wohnhaus, das als „Haus ohne Eigenschaften“ zwischen 1994 und 1995 fertiggestellt wurde. In der von Bernd Grimm verantworteten Ausstellungsarchitektur treffen dabei großformatige Fotografien auf Modelle der Bauten, Möbel, die Ungers für die Häuser entworfen hatte, auf allerlei Kunst aus den Gebäuden und auf Schaukästen, in denen kleinformatige Fotografien und Skizzen präsentiert werden.

Den Auftakt bilden drei der insgesamt zwölf Köpfe, die als Installation des Künstlers Ian Hamilton Finlay eigentlich die Brüstung der Galerie im Bibliothekskubus schmücken, sowie drei ikonische Werke aus der umfangreichen Kunstsammlung, die Oswald Mathias Ungers im Laufe der Jahre zusammentrug. Schon hier soll also der ideengeschichtliche Kosmos umrissen werden, in dem die Entwürfe einzuordnen sind. So werden historische Kapitelle vor dem großen Bild des Hauses ohne Eigenschaften arrangiert, findet eine Arbeit von Sol LeWitt zu den Bildern des Düsseldorfer Bankhauses, das von Rosemarie Trockel für die Botschaftsresidenz entworfene Kaffee-Service zu eben jenem Bau in Washington, oder ein Modell des zentralen Kuppelraums in Karlsruhe zu Fotografien der dortigen Bibliothek. Den grundsätzlich ganzheitlichen Ansatz von Gestaltung im Werk des Architekten verdeutlichen die Möbel, die für fünf der sechs gezeigten Häuser entstanden und hier ebenfalls im Original zu sehen sind. Auch die für seine Frau Liselotte – mit der Ungers seit 1950 und Zeit seines Lebens verheiratet war – und in Analogie zum 1985 fertiggestellten Frankfurter Messetorhaus entworfene Brosche, zeugen von diesem holistischen Ansatz einer „Architektur als Idee“.

Oben:
O.M. Ungers, Residenz des Deutschen Botschafters, Washington D.C., 1987–1995, Bild: Eduard Hueber/archphoto
Rosemarie Trockel, KPM-Service Urania, 1994, Entwurf für die Residenz des Deutschen Botschafters, Washington, D.C., Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2026/KPM-Archiv
Unten:
O.M. Ungers, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe 1979–1984, Bild: Dieter Leistner
O.M. Ungers, Haus Glashütte, Eifel 1986–1988, Bild: Stefan Müller


Skizzen, Fotografien und Raster


Wie weit der Weg zu jener formalen Abstraktion dabei war, die viele Ungers-Bauten schlussendlich erreichten, zeigen die Schaukästen. In ihnen haben die Kuratorinnen einen Bruchteil der unzähligen Entwurfszeichnungen zusammengetragen, die im Zuge jedes Entwurfs entstanden. Sie belegen, wie groß die Bandbreite der in diesem Prozess vom Architekten gedachten Varianten stets war: Grundrisse, Details, Schnitte und Ansichten finden sich ebenso wie Lagepläne. Kombiniert werden sie mit historischen Fotos. Ganz wunderbar sind beispielsweise die Aufnahmen, die Leben und Arbeiten im Haus in der Belvederestraße kurz nach Einzug der Familie zu Beginn der 1960er-Jahre zeigen. So gibt es viel zu entdecken in dieser Ausstellung im MAKK. Dass die Podeste, die die Möbel tragen, dabei ganz knapp nicht in das Bodenraster des Museums passen, wirkt wie ein augenzwinkernder Hinweis auf die Rigidität der Ordnungssysteme, mit denen Oswald Mathias Ungers die meisten seiner Projekte vom Großen bis ins Kleinste durchmaß: in sich stets schlüssig, im Gebrauch nicht immer zweckdienlich und immer wieder den Kontext überraschend konsequent ignorierend.

Beim Besuch ist man in dieser ideengeschichtlichen Vielschichtigkeit jedoch etwas verloren: es gibt weder einen Katalog noch erläuternde Texte, die die Vielzahl der Ausstellungsstücke einordnen und miteinander in Verbindung bringen. Ein kleiner Flyer, ebenfalls von einem stringenten Raster durchzogen, soll Abhilfe schaffen. Der Nachvollziehbarkeit der Schau und damit dem Verständnis des Werks dieses großen Architekten ist das nicht sonderlich zuträglich. Erklärbar ist es trotzdem. Die Ausstellung ist in sehr kurzer Zeit entstanden. Hätten nicht Sophia Ungers und Anja Sieber-Albers vom UAA alles menschenmögliche in Bewegung gesetzt und das MAKK den schönen Raum nicht zur Verfügung gestellt, hätten es die Stadt Köln und ihre zahlreichen Institutionen fast verpasst, diesem (auch für Köln) so wichtigen Architekten eine angemessene Würdigung zukommen zu lassen. Nach der Arbeit als Ordinarius und Dekan der Architekturfakultät an der TU Berlin zwischen 1963 und 1967 sowie der Lehrtätigkeit an der Cornell University im US-amerikanischen Ithaca von 1968 bis 1974, war die Domstadt schließlich ab 1974 unumstrittener Lebensmittelpunkt der Familie Ungers, ehe zunächst Oswald Mathias Ungers am 30. September 2007 und am 6. Juli 2010 auch Liselotte Ungers ebendort starben. Gemeinsam wurden beide auf dem Kölner Melaten-Friedhof beigesetzt. Und so ist es gewissermaßen ein tragisches Sinnbild für Köln selbst, dass diese Ausstellung etwas unfertig daherkommt, noch dazu in einem dringend sanierungsbedürftigen Haus, vor dessen bröckelnden Fassade und Dach die umgebenden Gehsteige mit abstandswahrenden Zäunen geschützt werden müssen. Nun ist diese Schau aber eben doch da, dem Ungers Archiv für Architekturwissenschaft, das das Ehepaar Ungers 1990 als Stiftung gründete, sei Dank – und das ist, nicht nur „als Idee“, auch gut so.

Oben:
O.M. Ungers, Haus Ungers III, Köln 1994–1996, Bild: Stefan Müller
O.M. Ungers, Haus Ungers III, Köln 1994–1996, Bild: Stefan Müller
O.M. Ungers. Architektur als Idee, Bild: David Kasparek
Unten:
O.M. Ungers. Architektur als Idee, Bilder: David Kasparek

O.M. Ungers
Architektur als Idee

bis 27. September 2026
Di bis So 10–18 Uhr
Eintritt: 6,– Euro, ermäßigt 3,– Euro

MAKK
Museum für Angewandte Kunst Köln
An der Rechtschule 7
50667 Köln

www.makk.de