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Bundesweit stehen die in den Nachkriegsjahren errichteten Kulturbauten auf dem Prüfstand. Oft mangels gebührender Gebäudepflege zeigt sich krass der berüchtigte Sanierungsstau – auch in Bonn. Dort ruft die Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger den „ultimativen Sanierungsnotstand“ für die Bonner Bühnen aus, betroffen sind drei Häuser an drei Standorten. Die Verwaltung hat fünf Varianten zur Transformation von Oper und Schauspiel berechnet und die günstigste empfohlen. Die Dezernentin denkt unerwartet anders: Logistisch effizient würden die Kräfte abseits der Innenstadt gebündelt, im schnell errichteten Modulbau könnte nahtlos weitergespielt werden. Rettet der Pragmatismus die Kunst?

oben: Der Oper Bonn, die auf einem investitionsrentablen Grund steht, droht der Abriss. (Bild: Uta Winterhager)

Der Betrieb läuft auf Hochtouren, die Auslastung ist mit 91 Prozent herausragend, man könnte also meinen, alles ist gut im Theater Bonn. Doch seit Jahren wird in der ehemaligen „Hauptstadt“ bei Strukturen und Häusern nur noch auf Sicht gefahren, das Duldungsszenario ist ein gefährlicher Dauerzustand. Im Mai 2025 beschloss der Stadtrat die Zukunftsagenda Bonner Bühnen. Ziel des damit angestoßenen Transformationsprozesses solle es sein, „Lösungen für den Umgang mit den maroden Gebäuden zu finden, die bestehende Vielfalt zu erhalten, neue Perspektiven und Kooperationen zu entwickeln und langfristig laufende Kosten zu senken“. Im Fokus stehen dabei das Opernhaus in der Innenstadt, das Schauspielhaus in Bad Godesberg und Theaterwerkstätten in Beuel. Ein knappes Jahr später legte die Stabsstelle „Zukunft Bonner Bühnen“ unter der Leitung von Constanze Falke eine mit Drees & Sommer und dbp dasbauprojekt erarbeitete Konzeptstudie vor, die die Situation einleitend wie folgt beschrieb: „Diese drei Liegenschaften, darunter zwei Spielstätten, bilden ein dezentrales System, das seit Jahrzehnten funktioniert, aber technisch, wirtschaftlich und betrieblich an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gestoßen ist. […] Bestandserfassungen zeigten seit 2017, dass alle drei Liegenschaften erhebliche strukturelle, technische und sicherheitstechnische Mängel aufweisen. Diese betreffen unter anderem die technische Gebäudeausrüstung (TGA), den baulichen Brandschutz, die Anforderungen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sowie funktionale Defizite hinsichtlich zeitgemäßer Theaterinfrastruktur.“.
Vor diesem Hintergrund wurden zahlreiche bauliche Varianten entwickelt und berechnet. Fünf davon, A bis E, wurden für den Betrieb als tragfähig und baulich als realisierbar bewertet und dargestellt. Dem Stadtrat empfahl die Stabsstelle, für die Umsetzung von Variante E, die mit 426 Millionen Euro günstigste Lösung, zu stimmen: Neubau von Oper und Schauspiel in Modulbauweise integriert die historischen Hallen der Theaterwerkstätten in Beuel.

Die Varianten im Kostenvergleich; (Bild: Copyright: ARGE Dreso & dbp)

Die Varianten im Kostenvergleich; solche Grafiken visualisieren auch spekulative Annahmen, denn welche Faktoren in mögliche Kostenentwicklungen einfließen und sich wie entwickeln, ist in hohem Maße unsicher. Baukulturelle Aspekte sind allerdings nicht Gegenstand dieser Kalkulationen. (Bild: Copyright: ARGE Dreso & dbp)

Entwickelt wurden fünf Lösungswege, bei denen sich die Kosten deutlich unterscheiden: Variante A: Sanierung der bisherigen Standorte inklusive Interimsbau (665 Millionen Euro) Variante B: Neubau der Oper an selber Stelle inklusive Interimsbau, Sanierung Schauspielhaus (734 Millionen Euro) Variante C: Neubau der Oper an selber Stelle in Modulbauweise inklusive Interimsbau, Sanierung Schauspielhaus (464 Millionen Euro) Variante D: Neubau der Oper in Modulbauweise in Beuel, Sanierung Schauspielhaus (445 Millionen Euro) Empfohlen wird Variante E: Neubau von Oper und Schauspiel in Modulbauweise in Beuel (426 Millionen Euro)

Entwickelt wurden fünf Lösungswege:
Variante A: Sanierung der bisherigen Standorte inklusive Interimsbau (665 Millionen Euro)
Variante B: Neubau der Oper an selber Stelle inklusive Interimsbau, Sanierung Schauspielhaus (734 Millionen Euro)
Variante C: Neubau der Oper an selber Stelle in Modulbauweise inklusive Interimsbau, Sanierung Schauspielhaus (464 Millionen Euro)
Variante D: Neubau der Oper in Modulbauweise in Beuel, Sanierung Schauspielhaus (445 Millionen Euro)
Empfohlen wird Variante E: Neubau von Oper und Schauspiel in Modulbauweise in Beuel (426 Millionen Euro) (Copyright: dbp dasbauprojekt GmbH)

Dafür spricht, dass die Konzentration an diesem Standort die meisten Synergien und damit das größte Einsparpotenzial bei den laufenden Kosten bietet. Doch die Entscheidung für die andere Rheinseite bedeutet den Verlust der innerstädtisch gelegenen historischen Spielstätten. Zum Vergleich: Variante A, drei Standorte mit Generalsanierung Oper inklusive Interimsbauten, wurde mit 665 Millionen Euro angesetzt.
Trotz des immensen Handlungsdrucks gab der Kulturausschuss Anfang Mai kein Votum ab, entsprechend wurde der Grundsatzbeschluss im Stadtrat vertagt, es wird wohl Herbst werden.
Doch es geht bei diesem Grundsatzbeschluss nicht nur um den Status Quo, um schöne Häuser und graue Energie. Der Konsolidierungshaushalt zwingt Bonn zur „Kulturinventur: Was brauchen wir, was kann weg“, so Dezernentin Schneider-Bönninger in einem Gespräch mit Bürger*innen. Und das bedeutet bei der Betrachtung des Theaters, dass hier nicht nur Haus gegen Haus steht, sondern auch Haus gegen Programm und Institution. (Lassen wir die anderen Baustellen des Dezernats für Sport und Kultur hier einmal außen vor.)

Bestand und Zustand

Die Oper Bonn, damals noch "Stadttheater" Mitte der 1960er Jahre. Die stadträumliche Einbettung – Gartenarchitekt war Wolfgang Darius – war sorgfältig durchgeplant. Heute ist die Umgebung ein Verkehrsschlachtfeld. Die Abbildung stammt aus dem Band "Bauen im Bonner Raum 1949-1969", hrsg. im Auftrag des Landschaftsverbands Rheinland.

Die Oper Bonn, damals noch „Stadttheater“, Mitte der 1960er Jahre. Die stadträumliche Einbettung – Gartenarchitekt war Wolfgang Darius – war sorgfältig durchgeplant. Heute ist die Umgebung ein Verkehrsschlachtfeld. Die Abbildung stammt aus dem Band „Bauen im Bonner Raum 1949-1969“, hrsg. im Auftrag des Landschaftsverbands Rheinland.

Opernhaus Bonn, das in Varainte E zum Abriss vorgesehen ist. (Bild: Uta Winterhager)

Opernhaus Bonn, das in „Variante E“ zum Abriss vorgesehen ist. 1965 wurde der von Beck-Erlang und Gessler entworfene Bau eröffnet. (Bild: Uta Winterhager)

Die Bonner Oper steht auf dem erhöhtem Posten der Brückenkopfs direkt am Rhein. Mit seiner spannungsvollen asymmetrischen Schichtung würde der Solitär auch nach 60 Jahren noch seltsam fremd in der Stadtsilhouette wirken, hätte er nicht wenige hundert Meter flussabwärts mit der frisch generalsanierten Beethovenhalle eine ähnlich eigenwillige Sparringspartnerin. Gemeinsam berichten die beiden von einer Zeit, in der die junge Hauptstadt mutig der Zukunft zugewandt war. Wilfried Beck-Erlang und Klaus Gessler hatten den Wettbewerb für den Neubau eines Stadttheaters 1959 mit einem Entwurf gewonnen, der dem trotz Kriegszerstörungen immer noch barock geprägten Städtchen eine Fülle neuer Formen und Materialien zutraute. Bonn nahm die Herausforderung an und eröffnete 1965 ein modernes, ganzheitlich gedachtes Haus mit 1038 Plätzen, das neben den Opern und Theaterstücken auch die Ein- und Ausblicke der festlichen Abende zeitgemäß inszenierte. Die Stahlbetonkonstruktion erlaubte große Öffnungen und weite Auskragungen, die Verkleidung mit Aluminiumkassetten und Rohglas verlieh dem Baukörper eine futuristische Erscheinung, zeitgenössische Kunstwerke, wie auch die von Otto Piene gestaltete Beleuchtung einen besonderen Glanz. Im Stadtraum nimmt sich die Oper den Platz, den sie braucht, wo sie steht, steht sie richtig, und auf wundersame Weise fügt sich die kastige Haube über Bühnenturm und Zuschauerraum in die kurfürstliche Achse ein. Bauliche Änderungen, auch Sanierungen und technische Modernisierungen gab es über die Jahrzehnte, doch der Gesamtzustand wird heute als „befriedigend bis mangelhaft“ beschrieben, kritisch sind neben dem Brandschutz Risse im Tragwerk und freilegende Bewehrung an der Fassade, die technischen Anlagen haben das Ende ihres Lebenszyklus erreicht. Als gesichert gilt, dass die erforderliche Generalsanierung im laufenden Betrieb nicht möglich ist. Würde an anderer Stelle neu gebaut werden, könnte das Haus noch weitere fünf Jahre als sein eigenes Interim genutzt werden. Da die Oper nicht unter Denkmalschutz steht, erscheint ihr Abriss formal als Option, mit der sich das finanzielle Risiko der Sanierung umgehen ließe. Doch der Verlust wäre enorm und das Zeichen, das Bonn damit setzt, kein gutes. Ein Zukunftsszenario für das Grundstück gibt es noch nicht, nur das Bekenntnis: Investorenarchitektur soll es hier in bester Lage nicht sein.

Das Schauspielhaus in Bonn-Bad Godesberg wurde in den 1950er Jahren von Ernst Huhn als "Stadttheater" gebaut und bis 2018 als "Kammerspiele" bezeichnet. (Bild: Wikicommons, Sir James)

Das Schauspielhaus in Bonn-Bad Godesberg wurde in den 1950er Jahren von Ernst Huhn als „Stadttheater“ gebaut und bis 2018 als „Kammerspiele“ bezeichnet. (Bild: Wikicommons, Sir James)

Das Schauspielhaus Bad Godesberg ist heute das größte Theater in Bonn. Als „Kammerspiele Bad Godesberg“ 1952 eröffnet, war dies der erste Theaterneubau der Bundesrepublik, und Bad Godesberg agierte noch als selbständige Stadt. Ernst Huhn entwarf für das schmale Eckgrundstück in der neu zu planenden Godesberger Innenstadt eine zeitgemäß einfache Architektur. Die gestaffelte Kubatur des geputzten Baukörpers mit flachen Dächern bildet die räumlichen Anforderungen der Funktionen ab, einen deutlichen Gestaltungsanspruch zeigt die Kopfseite mit eingeschossig vorgezogenen Eingang: Die Ansicht symmetrisch, die Ecken gerundet, Vordach und Stufe bilden eine schmale Fassung für die drei doppelflügeligen Türen – das sollte genügen. Seit 2008 stehen Außenbau und Kassenhalle unter Denkmalschutz. Ursprünglich bespielbar als Theater oder Kino, bietet das Haus, das 2018 in Schauspielhaus umbenannt wurde, heute statt der ursprünglich 738 Sitze nur noch 473, ist jedoch weiterhin die zentrale Spielstätte für Theater in Bonn. Seit rund zwanzig Jahren wird über die Aufgabe des Schauspielhauses gesprochen, als Argumente dafür werden die hohen Betriebskosten, die dringend anstehende aufwändige Sanierung von Technik und Bühnenmaschine sowie die theater-logistisch ungünstige Lage im Nebenzentrum angeführt. Einer Nachnutzung durch das Junge Theater, Volkshochschule und Freie Szene stünde nichts entgegen, auf die teure, neue Technik könnte dabei verzichtet werden.

Das Gelände "Jutespinnerei" in Bonn-Beuel, Luftbild von 2017 (Bild: Wiki commons, Wolkenkratzer)

Das Gelände „Jutespinnerei“ in Bonn-Beuel, Luftbild von 2017 (Bild: Wiki commons, Wolkenkratzer)

Zum Standort Beuel. Auf dem Gelände der früheren Jutespinnerei liegt eine dichte Agglomeration von Hallen mit denkmalgeschützten Backsteinfassaden. Als 1980 die Produktion eingestellt wurde, übernahm die Stadt die Fabrikanlage zur kulturellen Nachnutzung. In der „Halle Beuel“ wurden mit experimentellem Ansatz zwei koppelbare Spielstätten eingerichtet, außerdem fanden dort Theaterwerkstätten, Kulissenlager, Kostümfundus und Verwaltung neue Räume. 2016 zog das Theater in die Godesberger Kammerspiele, das Pantheon rückte nach. Zentrale Bereiche der Hallen sind heute akut einsturzgefährdet und gesperrt, der Werkstatt- und Probenbetrieb läuft drum herum weiter, doch sind zeitnahe Maßnahmen zwingend. Unter einem Dach und damit wirtschaftlich zu betreiben, könnten in Beuel „in einer kostengünstigen, aber langlebigen Modulbauweise neue Spielstätten errichtet werden, wobei die denkmalgeschützten Fassaden der Theaterwerkstätten für die architektonische Qualität der Gesamtanlage sorgen würden“. Die Idee dieses Kulturclusters könnte im „Integrierten Stadtentwicklungskonzepts (ISEK) östlich des Beueler Bahnhofs”, das seit langem in der Schublade liegt, einen maßgeblichen Impuls setzen. Wo nichts ist, kann viel passieren, nur können sich viele das zwischen Industriebrachen, Großgewerbe und vernachlässigtem Wohnen nicht vorstellen.

Die Debatte

Die Veröffentlichung von Varianten und Empfehlung erzeugte Aufregung und Sorge. Fördervereinen, Nachbarschaften, Gewerbetreibenden, Berufs- und Interessenverbänden, darunter BDA und IHK, schien vieles nicht zu Ende gedacht, es folgten Petitionen und offene Briefe. Anfang April erschien im Bonner General-Anzeiger ein Gastbeitrag, den Generalintendant Bernhard Helmich (Theater Bonn), Generalmusikdirektor Dirk Kaftan (Beethoven Orchester Bonn) und Intendant Steven Walter (Beethovenfest Bonn) gemeinsam verfasst hatten. „Es geht nicht ausschließlich um die Erneuerung unserer Kulturbauten, sondern zuvorderst um die Kunst- und Kulturpraxis selbst“, schrieben sie, ohne konkret auf die vorgelegten Varianten, „ein sehr respektabler und wichtiger Zwischenschritt“, an deren Entwicklung sie beteiligt waren, einzugehen. Sie fordern „konzentrierte und zielstrebige Besonnenheit“ zur Ausarbeitung eines integrierten Gesamtkonzepts, weil „Kulturentwicklung eine andere Zeitlichkeit braucht: besonnen, organisch, widerständig gegen die Ungeduld politischer Rhythmen“. Aber sie braucht dringend eine Entscheidungen und konsequente Umsetzung.
Nüchtern betrachtet kann sich die Stadt keine der vorgeschlagenen Lösungen leisten, das Geld ist schlichtweg nicht da. Noch nüchterner betrachtet kann sich die Stadt, wie alle Städte und Kommunen nichts mehr leisten. Mit einem Defizit von über 30 Milliarden Euro 2025 „stehen die Städte,“ so der Präsident des Deutschen Städtetags Burkhard Jung im Deutschlandfunk, „an der Grenze dessen, was wir Gestaltung nennen“. Das Schöne an Kultur ist jedoch, dass sie Gestaltungsspielräume bietet. Dass sie Nischen nutzen, Brücken bauen und aus wenig viel machen kann. Nun ist sie als öffentliche Institution aber schwer beladen mit ihren großen Häusern, mit hohen Ansprüchen an Darbietung und Technik, aber auch mit Verantwortung für die Menschen, die davon leben. Dieser Moment des Aushaltens anstelle der übereilten Abstimmung ist immens wichtig, denn er bietet eine Chance, das neu zu definieren, was uns als Gesellschaft zum Sprechen und Zuhören bringt, zum Darstellen und Erleben. Welchen Raum die Kultur in Zukunft einnehmen darf, wie sie in der Stadt verortet werden soll und was sie uns kosten darf, ist Teil dieser wichtigen gesellschaftlichen Positionsbestimmung. Dabei wird auch herauskommen, dass das Theater Ballast abwerfen muss, um nicht unterzugehen. Dass Architektur ganz andere Qualitäten erzeugen muss und das Bauen im und mit Bestand heute die höchste Kunst ist.