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Frank Gehry, der Architekt des legendären Guggenheim Museums in Bilbao und vieler anderer dekonstruktivistischer Bauten weltweit, ist im Alter von 96 Jahren gestorben.
Frank Gehry, Wohnhochhaus 8 Spruce Street, New York, USA 2005–2011, Bild: Wikimedia Commons, Matt Walter

In Folge 14 der 16. Staffel der Zeichentrick-Serie „Die Simpsons“ gibt es einen wunderbaren Gastauftritt des Architekten Frank Gehry. Marge Simpson, die Mutter der titelgebenden Familie, schreibt dem Baumeister darin einen Brief mit der Bitte, ein Konzerthaus für Springfield, die Heimatstadt der Simpsons, zu planen. Gehry öffnet den Brief schon nur, weil er auf Snoopy-Briefpapier geschrieben ist, zerknüllt ihn nach der Lektüre aber unmittelbar und wirft in weg. Hier hätte das Drama also sein Ende haben können, doch die Kamera bleibt auf Gehrys Gesicht, sein Blick scheint dem Papierknäuel zu folgen. Im Gegenschnitt sieht man den zerknitterten Papierhaufen auf dem Boden liegen, den Architekten vor seinem eigenen Haus in Santa Monica im Hintergrund. Mit einem Strahlen im Gesicht sagt er: „Frank Gehry, du bist ein Genie!“ In einer Überblendung wird aus dem zusammengeknüllten Briefbogen auf dem kalifornischen Gehsteig das Modell des neuen Konzerthauses für Springfield. Die Macher:innen der Simpsons wären nicht sie selbst, wenn sie es bei diesem Gag beließen. Wenige Szenen später sieht man, wie ein Kran den letzten Stahlträger in eine rechtwinklige Struktur unterschiedlich hoch aufragender Konstruktionen einsetzt, woraufhin zwei große Baumaschinen anrollen, ausgerüstet mit Abrisskugeln, die scheinbar wahllos und brachial auf den Rohbau einschlagen und ihn so lange malträtieren, bis sie einer der Gehry-typischen Formen gleichen. Der Architekt, mit Baustellenhelm und auf einen Plan blickend, sieht daraufhin auf, und hebt anerkennend den Daumen seiner linken Hand. Selten ist Dekonstruktivismus schöner und gleichzeitig schelmischer beschrieben worden als in dieser Simpsons-Episode aus dem Jahr 2005. (Die Szene im US-amerikanischen Original sehen Sie hier.)


Ein Werk zwischen Springfield und Bilbao


Es gibt nicht viele Architekt:innen, die außerhalb ihrer Profession einen derart großen Bekanntheitsgrad erlangt haben, wie Frank Gehry zu diesem Zeitpunkt. Das Guggenheim-Museum in Bilbao, ab 1991 geplant, ist zu diesem Zeitpunkt bereits acht Jahre alt und sorgt dafür, dass jede größere und kleinere Kommune eine ähnlich spektakuläre Architektur ihr Eigen nennen will. Gehrys Architektur und der fulminanten Sammlung des Museums ist es im Zusammenspiel gelungen, die darbende Stadt im Baskenland zu einem Touristenmagnet zu machen. Diesen Zustrom wollen andere Städte und Gemeinden auch. Erst die globale Finanzkrise bereitet vielen Projekten dieser Art zum Ausklang der „Nuller Jahre“ ein Ende, der „Bilbao-Effekt“ aber ist bis dahin schon in aller Munde: vermittels Architektur die adäquat genutzt wird, lässt sich Stadtmarketing betreiben, lassen sich Besuchende anlocken, lässt sich das Image einer Stadt nachhaltig verändern.

Frank Gehry, Guggenheim Museum, Bilbao, 1991–1997, Bild: Wikimedia Commons, Mario Roberto Duran Ortiz

Frank Gehry, Guggenheim Museum, Bilbao, 1991–1997, Bild: Wikimedia Commons, Mario Roberto Duran Ortiz

Der Architekt dahinter wird am 28. Februar 1929 als Frank Owen Goldberg im kanadischen Toronto geboren. Er zieht 1947 nach Kalifornien, wo er bis 1954 Architektur an der University of Southern California in Los Angeles studiert. Sein Studium finanzierte er unter anderem durch das Fahren von Lastwagen. Weil seine erste Ehefrau mit seinem „jüdisch klingenden“ Nachnamen unglücklich ist, schlägt sie ihm 1954 gemeinsam mit ihrer Mutter vor, seinen Namen von Goldberg in Gehry zu ändern. Frank kommt dem nach, arbeitet bei Victor Gruen Associates, wo er während des Studiums bereits als Praktikant tätig war. Einem Jahr bei der Armee folgt das Zweitstudium und der Abschluss an der Harvard Graduate School of Design im Fach Stadtplanung. Zurück in Los Angeles arbeitet Gehry kurzzeitig im Büro von Pereira and Luckman und wechselte dann zurück zu Gruen, wo er bis 1960 bleibt. Die Familie, inzwischen um zwei Töchter bereichert, zieht es 1961 nach Europa. Dank der Schulbildung in Kanada ist die Sprachbarriere nicht all zu groß, Gehry findet eine Anstellung bei André Remondet in Paris und besucht Bauten und Projekte von Le Corbusier und Balthasar Neumann sowie zahlreiche romanische Kirchen in Frankreich. Nach einem Jahr aber geht es zurück nach Kalifornien: Ab 1962 führt er unter dem Namen Gehry Partners, LLP, sein eigenes Architekturbüro in Los Angeles.


Von der Konvention in den Dekonstruktivismus


Frank Gehry, Gehry House, Santa Monica (Kalifornien), 1977–1991, Bild: Wikimedia Commons, IK's World Trip

Frank Gehry, Gehry House, Santa Monica (Kalifornien), 1977–1991, Bild: Wikimedia Commons, IK’s World Trip

Anfangs baut Gehry konventionell. Er lernt seine zweite Ehefrau kennen, 1975 heiraten sie. Sie ist es, die ihn dazu ermutigt, ihr gemeinsames Haus in Santa Monica nach seinen eigenen Vorstellungen zu erweitern und umzubauen. Hier ändert sich Gehrys architektonische Formensprache und er beginnt, expressive Formen mithilfe von vermeintlich „armen“ Materialien wie Maschendrahtzaun, Sperrholz oder Wellblech – im Möbelbau auch Wellpappe – in Architektur und Design zu übersetzen.

1980 wird Frank Gehrys eigenes Haus vom American Institute of Architects ausgezeichnet, und 1989 erhält er für sein architektonisches Gesamtwerk den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung der westlichen Architekturwelt. Die Jury-Begründung von Jay A. Pritzker, Präsident der Hyatt Foundation, von damals liest sich retrospektiv einigermaßen überraschend: „Das große Werk des Architekten Frank Gehry, das Wohnhäuser, Museen, Bibliotheken, Schulen, Geschäfte, Konzertsäle, Restaurants, alle Arten von öffentlichen Gebäuden und sogar eine Scheune umfasst, demonstriert eine Bandbreite an Stilen, die sich einer Klassifizierung entzieht, aber sicherlich Anerkennung für seine Beiträge zur Kunst der Architektur verdient.“ Kaum ein Architekt hat seine entwerferische Handschrift im Laufe der Jahre schließlich derart zur global funktionierenden Marke ausgebaut, wie Gehry. Dass diese Material- und Formensprache dabei ausgerechnet in Kalifornien entsteht, ist sicher kein Zufall. Hier herrscht eine aus europäischer Perspektive mitunter überraschend wirkende planerische Freiheit. Staatliche und öffentliche Akteur:innen treten nicht in gleicher bestimmender Manier auf den Plan, wie in Westeuropa, Projekte werden in privater Partnerschaft und häufig durch Mäzenatentum entwickelt. Ein größeres Bild, wie eine Gemeinde auch stadträumlich gefasst werden sollte, findet sich hier nicht in gleicher Weise, wie im Nordosten der USA oder Teilen Europas.

Frank Gehry, Vitra Design Museum, Weil am Rhein 1986–1989, Bild: Wikimedia Commons, Wladyslaw

Frank Gehry, Vitra Design Museum, Weil am Rhein 1986–1989, Bild: Wikimedia Commons, Wladyslaw

Das 1989, im Jahr der Verleihung des Pritzkerpreises, in Zusammenarbeit mit dem Lörracher Architekten Günter Pfeifer fertiggestellte Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt, wohin sich die Formensprache des Architekten entwickelt. Zu den schroffen Kuben mit ihren harten Materialwechseln gesellen sich amorph verformte Baukörper, deren ursprüngliche Volumen noch erkennbar sind, durch Drehungen, Biegungen und Krümmungen aber zu neuen und überraschenden Ensembles zusammengefügt sind. Die Fassadenmaterialien werden dabei homogener: in Weil am Rhein weißer Putz, bei der damals projektierten und 2003 fertiggestellten Walt Disney Concert Hall in Los Angeles wie beim Guggenheim Museum in Bilbao Paneele aus rostfreiem Stahl.


Zahlreiche Projekte auch in Deutschland


Frank Gehry, Wohnhaus in der Siedlung Goldstein-Süd, Frankfurt-Schwanheim 1994–1996, Bild: Wikimedia Commons, X-angel

Frank Gehry, Wohnhaus in der Siedlung Goldstein-Süd, Frankfurt-Schwanheim 1994–1996, Bild: Wikimedia Commons, X-angel

In Deutschland entstehen Bushaltestellen in Hannover (1994), wenig bekannte Wohnbaute der Siedlung Frankfurt-Goldstein (1994–1996), das Bürohaus „Neuer Zollhof“ im Düsseldorfer Medienhafen (1997–1999), ein Büroturm in Hannover (2000–2001), das Museum Marta in Herford (2001–2005), sowie bis 2001 das Ronald McDonald-Haus in Bad Oeynhausen und die DZ Bank am Pariser Platz mitten in Berlin. Über das Berliner Projekt wird Frank Gehry dereinst sagen: „Das ist das beste Gebäude, das ich je entworfen habe.“ Viele schließen sich dieser Einschätzung an, kommt es doch äußerlich ohne jenes Formengewitter aus, das seine Architekturen in diesen Jahren sonst auszeichnet. Gehry beschränkt die expressiven Formen hier auf tatsächlich beeindruckende Raumschöpfungen im Inneren. Ähnliches lässt sich mit Blick auf den ebenfalls in Berlin realisierten Pierre-Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie (2014–2017) sagen. Die Spanne der Arbeiten des Büros von Frank Gehry reicht inzwischen von gigantischen Bürobauten wie dem für Facebook, heute Meta (Menlo Park, CA, 2012–2015), über Kulturbauten wie in Paris 2014 (Foundation Louis Vuitton) oder Arles 2018 (LUMA) bis zu Wohnhochhäusern wie dem in der New Yorker 8 Spruce Street (2006–2011).

In einem Beitrag für Contemporary Architects schreibt Frank Gehry dabei 1980 selbst: „Ich gehe an jedes Gebäude als skulpturales Objekt, als räumlicher Behälter, als Raum mit Licht und Luft, als Reaktion auf den Kontext und die Angemessenheit von Gefühl und Geist heran. In diesen Behälter, diese Skulptur, bringt der Benutzer sein Gepäck, sein Programm ein und interagiert damit, um seinen Bedürfnissen entgegenzukommen. Wenn er das nicht kann, habe ich versagt.“ Die fachliche Bewertung dieser Ambition in Relation zum gebauten Werk ist in der Fachwelt derweil mitunter mit einigem Hohn vorgenommen wurden. In den Kanon der Popkultur jedoch hat es Frank Gehry so ohne Weiteres geschafft. Anders als viele andere Architektinnen und Architekten gehört er, wie Michael Jordan, Liz Taylor, Elton John, Michael Jackson, Cypress Hill, Leonard Nimoy oder Mark Hamill, zu jenem Kosmos der Popkultur, der in den Simpson geadelt wird. Am 5. Dezember nun ist Frank Owen Gehry im Alter von 96 Jahren in Santa Monica gestorben.

Frank Gehry, DZ Bank, Berlin 1996–2001, Bild: Wikimedia Commons, Spielvogel

Frank Gehry, DZ Bank, Berlin 1996–2001, Bild: Wikimedia Commons, Spielvogel