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In neuen Romanen tauchen immer mal wieder Architekten auf, werden Geschichten und Zukunftsszenarien mit Architektur und Städtebau verknüpft. Machte Gerd de Bruyn kürzlich das Image von Architekten im Film zwischen Schurkenrollen und Popstars aus, verlagern Literaten Skurriles und Groteskes in die Charaktere von Architekten.


Peter Härtling: Gedankenspieler. 250 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 20 Euro ISBN 978-3-462-05177-3

Peter Härtling: Der Gedankenspieler. 250 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 20 Euro
ISBN 978-3-462-05177-3

Der mitreißend, aber undramatisch, außerdem atemberaubend präzise schreibende Autor Peter Härtling (1933-2017) nahm sich in seinen Romanen und Erzählungen gern bekannter Persönlichkeiten an, um bewegende Lebensgeschichten zu erzählen. Oft sind es Musiker/innen wie Giuseppe Verdi oder Franz Schubert, Fanny Hensel-Mendelssohn, Familie Mozart oder Robert Schumann gewesen – aber in seinem letzten, jetzt posthum erschienen Buch „Der Gedankenspieler“ wechselte er das Metier. Sein Romanheld – und der ist ein Held! – ist ein achtzigjähriger, alleinstehender und auch ziemlich kranker Grantler, dessen letzten Monaten unglaublich viel Lebensglück abgewonnen wird. Bemerkenswert dabei: Die schrullige Hauptfigur Johannes Wenger ist ein Architekt, und dann fürchtet man gleich, dass hier wieder ein Ganove der Art auftaucht, wie sie Gerd de Bruyn kürzlich als zeitgeistige Attitude beschrieb. Aber so ist es nicht. Peter Härtling weiß, wovon er schreibt, wenn Erinnerungen an Wengers Arbeit im Büro Behnisch wach werden, wenn er, Wenger, Briefe an Karl Friedrich Schinkel oder Mies van der Rohe schreiben lässt.
Peter Härtling gönnt seinem Architekten Wenger eine ungewöhnliche Schreibfähigkeit, was in Berliner Lehrjahren sein Lehrer Düttmann bei Habel am Roseneck bemerkt und ihm später im Büro Behnisch die Aufgabe eingetragen habe, Projekte für Veröffentlichungen zu beschreiben. Jahrzehnte danach wird der alte Wenger von einer Fachzeitschrift gebeten, über die neuen Häuser in der Frankfurter Altstadt zu schreiben – obwohl er kaum noch laufen kann, muss er, um zu schreiben, natürlich an Ort und Stelle gewesen sein und fährt mit dem Taxi. Aber aus dem Auftrag wird doch nichts, „diese Fassadensentimentalität zu loben“, wäre ihm, Wenger, ohnehin schwer gefallen. Zu Berkan, dem Taxisfahrer: „Gewesen ist dort das Betonkunstwerk Technisches Rathaus.“ Berkan: „Schön war es aber nicht.“ Wenger: „Zeitgemäß, Berkan, zeitgemäß war es!“ Peter Härtling kennt sich in dem Metier, in dem er seinen letzten Roman mit der schrulligen Figur Johannes Wenger ansiedelt, bestens aus. Den herausragenden Erzähler zeichnet ein Mal mehr eine genaue, bisweilen gnadenlose Beobachtungsgabe aus.
Es geht in dem Roman in erster Linie um die Würde des Alterns. Johannes Wenger weiß um seine gravierenden Malaisen, die ihn mit Windelhosen und Tablettenhäufchen, Rollstuhl und Badewannenlift und Schlimmerem konfrontieren. In einem jungen Arzt findet er einen hilfsbereiten Mitmenschen, mehr noch: einen Freund, mit dem Alltagskalamitäten und letzte Fragen nicht rührselig bejammert, sondern humorvoll, hie und da sarkastisch oder auch nur mit Blicken und Gesten verhandelt werden. Auch wenn Härtling seinen Protagonisten Wenger als Pilot oder Chemieingenieur letzte Monate hätte erleben lassen – das Buch wäre herausragende Literatur geblieben: »[…] mit seinem zauberhaft leichten Stil umgarnt er den Leser und macht ihn zum willfährigen Weggefährten […]« (Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse). Aber das literarische Zusammenspiel von Entdeckung, Erinnerung und Abschied gelingt in der Perspektive des vereinsamten Architekten, dem die Körper-, aber nicht die Wahrnehmungskräfte schwinden, in einer doch besonderen Intensität.

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Kim Stanley Robinson: New York 2140. Aus dem Englischen von Jakob Schmidt. 752 Seiten, Heyne Verlag, 2018. 16,99 Euro. ISBN 978-3-641-21658-0

Kim Stanley Robinson: New York 2140. Aus dem Englischen von Jakob Schmidt. 752 Seiten, Heyne Verlag, 2018. 16,99 Euro. ISBN 978-3-641-21658-0

Wesentlich wichtiger sind Architektur- und Stadtthemen im neuen near future science fiction-Roman von Kim Stanley Robinson, der über ein New York schreibt, das infolge der Klimaerwärmung unterhalb der 50. Straße im Jahr 2040 unter Wasser steht. Wie in einem „Super-Venedig“ bewegen sich die Menschen auf Wasserkanälen, überraschend realistisch sind die Szenarien in einer den Umständen angepassten Stadtgesellschaft. Robinson wurde in der FAS zu seinem Buch, dessen Hauptpersonal aus Banker und Hausmeister, Polizisten und Hausbesetzer besteht, befragt, und viele Passagen, so heißt es in diesem Gespräch (>>> 11. März 2018, Seite 52), ließen sich „wie Architekturkritiken“ lesen. Spiritus rector in Sachen Architektur und Stadt ist für den Autor der Däne Bjrake Ingels vom Büro BIG, und weil „Architektur und Urban Design immer etwas Science Fiction in sich tragen“, findet Robinson sie auch interessanter als Literatur. In seinem Narrativ steckt folgerichtig ein erstaunliches Vertrauen in die rettende Kraft des technisch Machbaren, zugleich prägt eine deutliche Kritik an New Yorks Hochhäusern für Reiche den ganzen Roman, in dessen Szenario eine nicht an Renditen orientierte, postkapitalistische Bauordnung für neue Gebäudetypen sorgt. Hauptfigur ist ein Aktienanalyst, und um nicht alles vorwegzunehmen: Am Ende des Buches planen Bürger, wie man mit den Ressourcen der Wall Street der Allgemeinheit nutzen kann. Man kann hier von einer litérature engagée reden, die eine nahe Zukunft materiell realistisch antizipiert, in Handlungsoptionen aber zugleich idealisiert.

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