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Architektur performativ

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Visualisierung der geplanten Aufstockung. (Montage: Lacaton Vassal)
Sie ist eine Institution der Kultur von unten, weit über Hamburg hinaus – die Kultur-Fabrik Kampnagel, die in alten Industriehallen beheimatet ist. Sie ist auch als Veranstaltungsort in die Jahre gekommen. Die Planung für Umbau und die Sanierung übernahmen keine Geringeren als die Schelling Architekturpreis- und anschließenden Pritzker-Preisträger Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal. Die gehen die Aufgabe erwartet unkonventionell an – die Eckpfeiler des architektonischen Konzepts sind nun vorgestellt worden.

Amelie Deuflhard, die Intendantin der Kultur-Fabrik Kampnagel, war fast euphorisch, als sie gemeinsam mit Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal die Umbaupläne für ihr Domizil vorstellte: „Wir sind wohl das einzige Theater in Deutschland, dass sich auf den Umbau seiner Gebäude wirklich freut!“ Ob dem so ist, oder ob die Freude auf bauliche Veränderung nicht auch andernorts groß ist oder wäre, soll dahingestellt bleiben. In Hamburg sieht sich zumindest die Intendanz in einem Aufbruch in eine neue Epoche.

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Bild aus den Pioniertagen – 1989 fand hier das Festival „Theater der Welt“ statt. (Bild: Friedemann Simon)

Seit den 1980er-Jahren dienen die Räumlichkeiten der 1865 gegründeten Maschinen- und späteren Kranfabrik Kampnagel als Spielort für Theater und Tanztheater. Die Fabrik in Hamburg-Winterhude steht unter Denkmalschutz, in zweifacher Hinsicht betont Deuflhard: Sie sei sowohl ein Zeugnis der Industriekultur im 19. Jahrhundert als auch eines für die Umnutzung solcher Gebäude zu Orten der Kultur im späten 20. Jahrhundert. In der Tat war diese Umnutzung keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis eines intensiven Bürgerprotestes und einer Bürgerinitiative. Diese hatten sich gegen den Abriss der Hallen deren Ersatz durch Wohnbauten formiert, den die Freie und Hansestadt an dieser Stelle verfolgte. Jetzt liegen die Theatersäle, ein Kino und Restaurants inmitten eines weitgehend auf Wohnen konzentrierten Stadtteil im Norden Hamburgs am Wasserlauf der Osterbek.


Chancen der Sanierung der Sanierung


 

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Luftbild von West, 2014. (Bild: Reimer Wulf)

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Die Halle K6 im heutigen Zustand. (BIld: Frederik Röh)

Die Umbauten und Sanierungen der 1980er- und 1990er-Jahre sind mittlerweile in die Jahre gekommen und müssen jetzt ihrerseits saniert werden – auch in energetischer Hinsicht. Die Anforderungen eines modernen Theaterbetriebs für mittlerweile 200.000 Menschen im Jahr fordern eine bauliche Anpassung. Also sollen die Nutzflächen neu strukturiert, um 50 Prozent erweitert und ein Gästehaus mit 26 Zimmern (sechs davon barrierefrei) gebaut werden. 2022 hatte das französische Architekturbüro von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal ein VgV-Verfahren dazu für sich entscheiden können. Nach Ihren Plänen soll der Umbau nun im laufenden Betrieb des Theaters vonstatten gehen, und man will dabei maximale Freiräume für die Kunst schaffen. Dafür aber soll behutsam minimal, punktuell, fast chirurgisch penibel in die Bausubstanz eingegriffen werden. Das Flair, die Aura der Kultur- und Theaterfabrik soll dabei erhalten bleiben, möglichst wenige Flächen zusätzlich versiegelt und dennoch architektonische Zeichen gesetzt werden. Dafür ist eine entsprechend lange Bauzeit vorgesehen, die im September dieses Jahres beginnt. Die erste Bauphase soll bis 2028 abgeschlossen sein, die zweite 2030. Die dritte Phase soll den Umbau dann abschließen.

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Skizze vom Umbau der Halle K1. (Visualisierung: Lacaton Vassal)

In jeder der Veranstaltungshallen soll dabei zum Teil erheblich umgebaut werden. Die dem Eingang am nächsten liegenden Halle K6 bekommt beispielsweise eine Teleskopbühne, und ihr Eingangsbereich wird so umgestaltet, dass das Foyer flexibel zu einem Spielort mit etwa 2.700 Stehplätzen erweitert werden kann.
Aus der Halle K1 werden die dort backstage befindlichen Depots ausgelagert und der Raum bis unter das alte Fabrikdach erweitert. Im Dach sollen durch die alten Sheds wieder Licht in das Gebäudeinnere fallen, die Außenwand zum Grünbereich des Geländes verglast und geöffnet werden können, so dass hier ebenfalls ein neuer Spielort für Tanztheater oder Performances entsteht.

Über den Foyers der Hallen ist eine Aufstockung mit zwei etwa sechs Meter hohen Geschossen vorgesehen: So werden neue Flächen für Depots, Proben, Workshops, Ausbildung und eine große Dachterrasse entstehen. Das Gästehaus entsteht als einziger kompletter Neubau mit einer möglichst kleinen Grundfläche, um eine unnötige Versiegelung zu vermeiden. Das heutige Kassenhaus wird zu einem Café umgebaut, das die heutigen Betreiber:innen des Theaterrestaurants „Peacetanbul“ übernehmen. Kassen, Garderoben und das Restaurant werden in das erweiterte Foyer integriert.

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Perspektive des Gesamtprojekts, Blick aus Süd. (Zeichnung. Lacaton Vassal)


Räumliches Energiekonzept


 

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Blick auf den Treppenturm des Studienhauses rechts im Bild) im östlichen Teil des Areals. (Visualisierung: Lacaton Vassal)

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Visualisierung der Aufstockung. Die geplante Dachterrasse wird noch über dem hier gezeigten Stockwerk liegen. Blick nach Osten. (Zeichnung: Lacaton Vassal)

Insgesamt soll der Umbau den Wärmeverbrauch des Hauses um 70 Prozent senken. Ausführliche Dämmung oder eine Photovoltaikanlage auf dem Dach sind aber nicht vorgesehen. Hier soll eine Dachterrasse mit einen Rundumüberblick über die Stadt entstehen und der Kampnagelfabrik durch ihren Umbau eine weitreichende Sichtbarkeit verschaffen. Das Londoner Energieplanungsbüro atmos lab geht mit den Architektinnen und Architekten davon aus, dass sich der Energieverbrauch durch das Einteilen und Abtrennen von Wärmezonen senken lässt, die mit Wänden und Vorhängen differenziert werden. Dabei wird auch der Wärmeeintrag durch Sonneneinstrahlung einbezogen. Die Wirkung von Pufferzonen und die genaue Planung von Kälte- und Wärmebereichen sowie die daraus resultierende räumliche Zonierung der Architektur sind sozusagen das Kerngeschäft des Architekturbüros Lacaton Vassal – ihr Markenzeichen, das ihnen letztlich den renommierten Architekturpreise eingetragen hat.

Von der Architektur, die Lacaton Vassal auf Kampnagel vorsehen, sind bislang nur wenige Skizzen bekannt. Sicher, die kräftige, weithin sichtbare Aufstockung des Foyers und das Gästehaus werden weithin sichtbare Zeichen in der Stadt setzen. Ansonsten bleibt die architektonische Aussage des Entwurfs betont vage. Sie ist ein performativer Prozess – betonen Hausherrin und Architektin –, der von den Entscheidungen im konkreten Fall auf der Baustelle bestimmt wird. Der Bestand – soviel steht allerdings fest – ist heilig! Er soll so wenig wie möglich verändert werden. Inwieweit die Architektur von Lacaton & Vassal überhaupt nachhaltige Spuren in der Kulturfabrik hinterlassen, muss abgewartet werden. Das Renommee des Büros leistet hier der Hoffnung Vorschub.


Theater als ein dritter Ort


In jedem Fall wird der lange Bauprozess so begleitet werden, dass die Bevölkerung, das angestammte sowie das potenzielle Theaterpublikum daran teilhaben kann. Das berliner Kunst- und Architekturkollektiv raumlabor wird dies performativ mit eigenen Veranstaltungen und Projekten begleiteten. Details wollte die Leitung des Hauses Kampnagel allerdings (noch) nicht mitteilen. In diesem Sinne ist auch die Anlieferung der großen Stahlelemente, die für die Aufstockung des Foyers eingesetzt werden sollen, über den Wasserweg vorgesehen, auf dem einst die auf Kampnagel produzierten Kräne in den Hamburger Hafen gelangten. Öffentlich sicht- und begleitbar wird der Bauprozess also wohl sein, ob er auch eine Mitwirkung ermöglicht, ist noch nicht bekannt.

Schließlich soll die neue Kampnagel Kulturfabrik ein erweitertes Wohnzimmer für die Nachbarschaft sein – ein dritter Ort, in dem man sich auch dann gerne aufhält, wenn man nicht (noch) ins Theater gehen, sondern nur und vielleicht spontan Freunde treffen will. Wenn dies gelingt, könnte Kampnagel der Stadtgesellschaft, aus der es entstanden ist, wieder etwas zurückgeben – allerdings frühestens 2030.