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Unser heute gebräuchliches Wort Kuratieren stammt vom lateinischen curare und bedeutet so viel wie „sorgen“, „dafür sorgen“, „pflegen“, „bewirten“, „erquicken“ oder „ehren“. Der neue Film „Barbara Buser. Pionierin der Nachhaltigkeit“ beleuchtet nun Leben und Werk der Architektin Barbara Buser. Im Sinne des ursprünglichen Wortsinnes stellt die Regisseurin Gabriele Schärer Buser als Kuratorin von Räumen dar. Eine unbedingte Empfehlung.

 

Wiederverwendung von Bauteilen, die konsequente Hinwendung zum gebauten Bestand und die Anerkennung jeglicher gebauter Substanz als Teil sogenannter urbaner Minen, all das ist seit einiger Zeit in der Architekturlehre ebenso präsent wie im theoretischen Diskurs rund um das Bauen. Wir Menschen haben unseren Lebensraum derart geprägt, wie das vor uns nur Gletscher, Eiszeiten und ähnliche Naturgewalten getan haben. Paul Joseph Crutzen und Reinhold Leinfelder haben dafür den Begriff „Anthropozän“ eingeführt. Auf Deutsch ist der Essay mit dem Originaltitel „The Anthropocene“ erstmals 2012 im Sammelband „Schlüsselwerke der Kulturwissenschaften“ veröffentlicht worden (Edition Kulturwissenschaft. Band 7, Bielefeld 2012, S. 257-260). Die Wirkmacht von Architektur als Kulturtechnik wird seitdem allenthalben diskutiert, die Mengen jährlich aktivierten Kohlendioxids sind ebenso präsent wie die des Mülls, die durch das Bauen, das Abreißen und den Betrieb von Architektur entstehen. Doch schon viel früher haben Menschen eben diese Wirkmacht erkannt und ihr Handeln angepasst. Die Schweizer Architektin Barbara Buser ist so ein Beispiel. Ein neuer Film beleuchtet nun endlich Leben und Werk dieser beeindruckenden Frau.

Der Film von Regisseurin Gabriele Schärer nimmt sich Zeit für seine Protagonistin und die Räume, die sie maßgeblich mitbestimmt hat. In fast zwei Stunden lernen wir Barbara Buser kennen, ihren Büropartner Eric Honegger, die Mitarbeiterin und Bauteiljägerin Laia Sofia Meier, die Architektin Valérie Waibel, die Tochter Anna Buser und viele andere Menschen, mit denen Buser zusammenarbeitet – vor allem aber auch Projekte, die Buser, Honegger, ihr Team und ihre verschiedenen Alliierten initiiert, realisiert und erhalten haben. Den Lagerplatz in Winterthur, das Gundeldinger Feld, die Alte Markhalle oder das Franck Areal in Basel besucht Schärer, fängt die Räume dabei eindrücklich atmosphärisch ein und lässt neben Buser und Honegger verschiedene Mitstreiter:innen zu Wort kommen.

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alle Bilder dieses Beitrags: Barbara Buser. Pionierin der Nachhaltigkeit (mindjazz pictures)

Sprengkurs fürs Sorgetragen

 

Der Film montiert Fotos und Film-Aufnahmen aus der Vergangenheit mit Gesprächssequenzen aus der Gegenwart, sodass der Lebensweg von Barbara Buser nachvollziehbar wird. In Zürich geboren, zieht die Familie zu einer Tante nach Basel; die Frauen werden als starke und ebenso selbstbewusste wie selbstbestimmte Charaktere gezeichnet. Schon Barbara Busers Vater kocht, während die Mutter arbeitet: Für Buser sind der Einstieg ins Studium und die folgende praktische Arbeit Selbstverständlichkeiten. Schon als Schülerin ist sie im Schulparlament engagiert, unterrichtet außerdem im Alter von 15 Jahren Segelschüler:innen, im Studium absolviert sie Baupraktika – und einen Sprengkurs –, geht nach dem Abschluss 1979 zunächst in den Südsudan, dann nach Tansania, wo sie ihren späteren Mann kennenlernt, mit dem sie nach Portugal und später wieder nach Basel weiterzieht. Hier wird sie Fährfrau und schließlich und endlich vielfache Unternehmerin. Immer in Bewegung ist die Protagonistin, trennt Spreu von Samen, die sie in Portugal einpflanzen will, fischt Blätter aus dem Wasserbecken im Hinterhof des Familienhauses in Basel, segelt im Trapez mit dem Katamaran auf dem Neuenburgersee, setzt Menschen mit der Münsterfähre über den Basler Rhein, streicht den Rumpf ihres historischen Segelboots, fährt mit dem Fahrrad durch die Stadt, trifft Bekannte zum Essen in der Alten Markthalle oder geht durch die genannten Projekte.

So entsteht das Bild einer beeindruckenden Frau und einer bemerkenswerten Architektin. Und doch würde man hier und da gerne mehr erfahren. Von Anna Buser etwa, wie es ist, mit einer derart umtriebigen Mutter groß zu werden und welche Rolle der Vater dabei eigentlich gespielt hat. Von Eric Honegger, wie es ist, mit der Frau des eigenen Vaters ein Füllhorn an Unternehmungen zu starten und was der wohl dazu gesagt hat oder hätte. Da zeigt der Film viele gedankliche Seitenwege auf, die er nicht begeht.

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Und es geht doch

 

Buser aber hat schon viel früher als manch anderer gesehen, welch Irrsinn die Art unseres Wirtschaftens de facto ist. „In Tansania habe ich gelernt, dass es keinen Abfall gibt“, sagt sie wie nebenbei in einem der Gespräche. Es ist der Kamera von Gabriele Schärer zu verdanken, dass die spezielle Ästhetik der konsequenten Kreislaufarchitektur ebenso eingefangen wird, wie die räumlichen und atmosphärischen Qualitäten, die durch diese Art des Architekturmachens vermittels Sorgetragen entstehen. Das Sorgen um den Bestand, das Erhalten der gebauten Substanz, hält nicht nur die darin gebundene „graue Energie“ in Wert, sondern auch die soziale Energie, also all die Erinnerungen, die wir mit der gebauten Umwelt in Stadt und Land verbinden, all die Geschichten, die wir in und mit ihnen erlebt haben. 2020 erhielten Barbara Buser und Eric Honegger dafür den Meret-Oppenheim-Preis, eine der wichtigsten Auszeichnungen für Kulturarbeit in der Schweiz.

Der Film ist nun eines jener Beispiele, die man nicht nur allen Architekturstudierenden zeigen sollte, sondern auch jeder Bauherrin, jedem Bauherrn, die überlegen, bestehende Architekturen abzureißen und durch neue zu ersetzen. Architektur, und sei sie ästhetisch noch so unbequem, das wird hier so bestechend deutlich, ist immer Teil der Identität von Orten. Gabriele Schärers Film macht klar, dass sich Nutzungen immer finden, wenn man sich nur auf den Raum einlässt – und sei dieser zu bespielende Raum auch noch so groß. Dafür aber muss die Art und Weise, wie geplant wird, umgestellt werden. Dass das möglich ist, zeigen die Arbeiten von Barbara Buser und ihren Mitstreitenden.

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Barbara Buser. Pionierin der Nachhaltigkeit (CH, 118 Min.)
Regie: Gabriele Schärer
Kinostart: 29. Oktober 2026

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