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Frauenpower

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Ursula Schwitalla (Hrsg.): Frauen in der Architektur. Rückblicke, Positionen, Ausblicke. Vorwort von Ernst Seidl, Texte von Dirk Boll, Sol Camacho, Beatriz Colomina, Odile Decq, Patrik Schumacher, Ursula Schwitalla. 2021. 216 Seiten, 330 Abb., Hardcover, Format 24 x 30 cm. ISBN 978-3-7757-4868-1. Hatze Cantz, Stuttgart 2021, 48 Euro.

Ursula Schwitalla (Hrsg.): Frauen in der Architektur. Rückblicke, Positionen, Ausblicke. Vorwort von Ernst Seidl, Texte von Dirk Boll, Sol Camacho, Beatriz Colomina, Odile Decq, Patrik Schumacher, Ursula Schwitalla. 2021. 216 Seiten, 330 Abb., Hardcover, Format 24 x 30 cm. ISBN 978-3-7757-4868-1. Hatje Cantz, Stuttgart 2021, 48 Euro.

Das Buch „Frauen in der Architektur – Rückblicke, Positionen, Ausblicke“ war kaum gedruckt, schon vergriffen und jetzt neu aufgelegt. Es ist eine Hommage an Frauen, die bauen und stellt 36 Architektinnen vor: Berühmtheiten wie die Pritzerpreisträgerinnen Kazuyo Sejima und Anne Lacaton bis zu weniger bekannten weiblichen Neuentdeckungen. Besonders interessant: der Exkurs in die Geschichte.

oben: Studio Anna Heringer, Bambus-Herberge, Baoxi. China, 2016 (© Dominique Gauzin-Müller)

Vorwitzig lugt eine Haarsträhne aus ihrem Dutt, selbstbewusst breitbeinig steht sie vor der Skyline von Las Vegas: Denise Scott Brown. Dieses ikonische Foto ziert das Cover des Buches auch von struktureller Benachteiligung von Frauen berichtet wird. Exemplarisch dafür steht die Geschichte von Denise Scott Brown, die gemeinsam mit Robert Venturi den Klassiker ,Learning from Las Vegas‘ verfasst hatte. Ein Buch, das die ephemeren, populärkulturellen baulichen Artefakte von Las Vegas ernst nahm und damit auch den elitären Charakter von Architektur reflektiert. 1991 bekam Robert Venturi den Prizker-Preis, Denise Scott Brown wurde er versagt. Auch eine internationale Petition, die 2013 eine nachträgliche Zuerkennung forderte, änderte nichts daran.

Ignoranten in der Männerwelt

Die Geschichte von Denise Scott Brown zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Leistungen von Frauen noch immer unter den Teppich gekehrt werden. Diesen Aspekt streicht auch Beatriz Colomina in ihrem Beitrag über Eileen Gray und dem vereinnahmenden Umgang von Le Corbusier mit deren Haus E.1027 heraus. Besonders interessant ist auch Ursula Schwittalas Blick in die Geschichte. Margarete Schütte-Lihotzky brachte es dank ihrer Frankfurter Küche – eine unglücklicherweise recht klischeehafte Verknappung, die sie selbst stets bedauerte – zu gewisser Bekanntheit. Julia Morgan, die 1904 als erste Frau in Kalifornien die Lizenz zur Architektin erhielt, ihr eigenes Studio gründete und über 700 Bauten umsetze, war zumindest der Autorin dieser Rezension nicht bekannt. 2014 (!) wurde ihr posthum die Goldmedaille des American Institute of Architects (AIA) verliehen. Selbst Odile Decq, die 15 Jahre mit Benoít Cornette das Büro ODBC geführt hatte, wurde nach dessen Tod geraten, es besser zu schließen. Glücklicherweise entschied sie sich dagegen – und realisierte mit ihrem Studio Odile Decq sehr erfolgreich sehr unkonventionelle Projekte.

Kazuyo Sejima+Ryūe Nishizawa/SANAA: ROLEX Learning Center, Lausanne, Schweiz, 2009 (© Jörg Schwitalla)

Kazuyo Sejima+Ryūe Nishizawa/SANAA: ROLEX Learning Center, Lausanne, Schweiz, 2009
(© Jörg Schwitalla)

Frauenpower

„Architektur ist nicht mehr nur eine Welt der Männer. Die Vorstellung, dass Frauen nicht dreidimensional denken können, ist lächerlich“, sagte Pritzer-Preis Trägerin Zaha Hadid 2013. Diese Bemerkung ist bezeichnend. Bereits 60 Prozent der Architekturstudierenden sind heute Frauen, trotzdem gründen nur 17 Prozent ein eigenes Büro. Odile Decq schreibt sogar von nur 10 Prozent. Bücher wie dieses sind also mehr als notwendig. „Frauen in der Architektur“ stellt 36 Architektinnen aus aller Welt vor, die in den Wintersemestern 2016-17 und 2017-18 an der Universität Tübingen Vorträge hielten. Ein Projekt steht exemplarisch für Haltung und Werk, die Auswahl bildet eine große Bandbreite ab. Pritzkerpreisträgerin Kazujo Sejima ist mit ihrem bekannten ROLEX Learning Center vertreten. Ein Gebäude wie eine künstliche Landschaft.

Erfahren und versiert: Dorte Mandrup (© Torben Eskerod)

Erfahren und versiert: Dorte Mandrup (© Torben Eskerod)

Von Dorte Mandrup wird das Wadden Sea Center im Wattenmeer vorgestellt. Es ist aus natürlichen Materialien der Gegend gefertigt und fügt sich sehr stimmig in den Nationalpark des Wattenmeers, das UNESCO Weltnaturerbe ist. Das Reetdach ist nach alter, regionaler Handwerkstradition aus speziell zugeschnittenem Schilfrohr – hat aber eine zeitgemäß verzogene Satteldachform. Anna Heringer verfolgt den radikal nachhaltigen Ansatz, so gut wie ausschließlich mit natürlichem, vor Ort vorhandenen Material zu bauen (Bild oben). Im chinesischen Baoxi realisierte sie eine Herberge, deren Kern aus Stampflehm von einem organischen Flechtwerk aus Bambus umgeben ist. „Architektur ist ein Werkzeug, um das Leben zu verbessern.“ Viele bekannte Architektinnen wie Anupama Kundoo, Annette Gigon, Odile Decq sind hier zu finden, andere neu zu entdecken.

So soll’s sein

Anne Lacaton und ihr Partner Jean-Philippe Vassal wurden heuer mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Dieses Buch zeigt ihren Umgang mit der bautechnologisch problematischen, heute oft übel beleumundeten Bausubstanz der 1970er Jahre. Meist wird sie abgerissen und durch nicht unbedingt bessere Neubauten ersetzt. Lacaton & Vassal – schon 2006 mit dem Schelling Architekturpreis ausgezeichnet –  wählten gemeinsam mit Frédéric Druot einen anderen Ansatz: Sie werteten das bestehende Wohnhochhaus mit etwa 40 Wohnungen auf, erweiterten es um Wintergärten und bauten zwei neue Seitenflügel mit ebenfalls 40 Wohnungen an. In der Cité du Grand Parc in Bourdeaux wandten sie einen ähnlichen Ansatz auf wesentlich größerem Maßstab an. Dort wurden 530 Wohnungen im Bestand mit wenigen, effektiven um Wintergärten erweitert. Dieses Projekt brachte ihnen den Mies van der Rohe Award. Ihr bisheriges Lebenswerk und die konsequente Haltung, mit Vorgefundenem wertschätzend und intelligent umzugehen, wurde mit dem Pritzker Preis 2021 gewürdigt. Weibliche Architektinnen scheinen generell achtsamer mit Ressourcen dieser Erde, dem Umfeld ihrer Bauten und den betroffenen Menschen um zu gehen – diese Haltung ist sehr resilient. Man kann der Architektur und der Welt nur wünschen, dass noch mehr Frauen den Schritt in die Selbständigkeit wagen.