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Die Bauakademie von Schinkel kann wieder aufgebaut werden. Man weiß zwar noch nicht, was in ihr passieren soll, ist sich aber darin einig, dass die Nutzung an die Geschichte der Bauakademie anknüpfen soll. Sollte man sich da so sicher sein? Ein Kommentar aus der Ferne.

Bild oben: Die Attrappe hat bald ausgedient. Die Sponsorenbanner dann hoffentlich auch (Bild: Pazit Polak, wikimedia.org).

Seit über 20 Jahren wird der Wiederaufbau der Bauakademie Schinkels gefordert. 1995 wurde das Außenministerium der ehemaligen DDR abgerissen, für dessen Neubau die Bauakademie 1962 zerstört worden war. Nun hat der Bund das Geld bewilligt, das die Rekonstruktion sichert. Man mag das begrüßen, auch wenn man sich zu Recht darüber streiten mag, ob das Verfahren, das dahin geführt hat, das richtige war, und ob es tatsächlich eine Frage des Haushaltsausschusses ist, nach eigenem kulturpolitischem Gutdünken Überschüsse aus dem Haushalt zu verteilen. (1) Wenn nun also nichts Außergewöhnliches mehr passiert, wird die Bauakademie gebaut.
Ich erinnere mich an ein Peanuts-Cartoon, auf dem Snoopy einem Blatt dabei zusieht, wie es vom Baum fällt. Als es unten angekommen ist, sagt er sinngemäß: „Du wirst es kaum glauben, aber deine Probleme fangen erst an.“ So ist es auch mit der Bauakademie. Ein Wiederaufbau wird sicher mit einigen Problemen zu kämpfen haben, es werden Auseinandersetzungen über viele Details zu führen sein. Aber man weiß, was entstehen soll. Man muss nicht entwerfen. Mit der Nutzung ist es eine andere Sache. Über sie wurde noch nicht entschieden. An Vorschlägen mangelte es in den letzten zwanzig Jahren nicht. Ein Architekturzentrum, ein Architekturmuseum, eine private Bauschule, „eine Institution zur Förderung der Bauwissenschaft und der Baukultur in unserem Land“, wie es in einer Pressemeldung dieser Tage hieß: „Die Hauptaufgabe der neuen Bauakademie würde in der Gewinnung wissenschaftlich begründeter Aussagen über die Konsequenzen der Digitalen Revolution für den energieökonomischen Wandel nachhaltiger Bauprodukte und effizienter Wertschöpfungsketten in innovationsorientierten Unternehmen der Bau- und Baustoffindustrie inklusive der Immobilienwirtschaft bestehen.“(2) Armer Schinkel.

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Blick zur geplanten Bauakademie von der Schlossbrücke her. Kupferstich nach einer Zeichnung von Karl Friedrich Schinkel, 1831. Seither hat sich einiges getan. (Bild: Wikimedia.org)

Problem und Programm

Als die Bauakademie gerade fünf Jahre von der Erdoberfläche verschwunden war, schrieb Lucius Burckhardt, wie Architektur bei der Lösung von Problemen missbraucht wird. Sie gibt den Anschein, die Probleme zu lösen, was aber nur dann funktioniert, wenn das Problem auf das reduziert wird, was ein Gebäude leisten kann.  „Die Summe des vermeintlich Unwesentlichen, das bei dieser Verfahrensweise unter den Tisch fällt, schafft neue, größere Probleme“, so Burckhardt. Aus einem Problem wird ein Programm. Und weiter: „Um das Problem möglichst exakt zu machen, wird die Dynamik des zu lösenden Problems stillgelegt; ein momentaner Zustand wird einer „dauernden Lösung“ zugeführt. Indem sich die „Lösung“ als Maßanzug einem Problem überstülpt, blockiert sie dessen weitere Entwicklung, bis dann die Nähte aufplatzen.“ (3)
Bei der Bauakademie waren bereits 1884 (!) die Nähte geplatzt. Über diesen Sachverhalt wird erstaunlich wenig nachgedacht. Die Technische Hochschule und das Schinkel-Museum waren damals in ihr neues Hauptgebäude umgezogen. „Die programmatische Übereinstimmung von Bau und Nutzung war dahin.“ (4) Sie wird auch nicht wieder herzustellen sein. Jede Form, die Bauakademie in dieser Einheit wieder auferstehen zu lassen, ist zum Scheitern verurteilt, sie wird den Verlust dieser Einheit nur schlecht übertünchen und weiterhin Nähte platzen lassen. Wir haben einen anderen Staat, andere Institutionen, andere Schulen, andere Studiengänge und Lehrkonzepte, es wird anders gebaut, anders entworfen, Forschung wird anders betrieben, der Diskurs über Architektur folgt anderen Regeln als er es 1836 tat, als die Bauakademie entstand. Dieser Diskurs kann auch nicht zwangszentralisiert werden. Es gibt inzwischen eine Bundesforschungsinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, eine nicht gerade üppig ausgestattete Bundesstiftung für Baukultur, die zahlreichen Universitäten kämpfen um Drittmittel, weil ihnen die Mittel für Forschung und Ausbildung gekürzt werden, Stiftungen und andere Geldgeber springen in die Bresche und versuchen die Lücken zu füllen. Eine neue Bauakademie würde daran nichts ändern können. Sie sollte es aber auch nicht müssen. Es ist schon verräterisch, wenn davon die Rede ist, dass man den Geist der Bauakademie ins Heute „retten“ solle. Als würfe man einem Ertrinkenden einen Reifen zu. Es ist nun nichts gegen die Rettung Ertrinkender zu sagen. Aber man muss sie nicht zu Olympiasiegern machen wollen.

Ein neuer Geist statt eines geretteten

Das eigentlich Widersinnige an diesen Diskussionen ist doch, dass man, solange man an der alten, überkommenen Nutzung klebt, der Architektur gerade dadurch Unrecht tut, dass man versucht, ihr gerecht zu werden. Solange man nur irgendwie wieder an das Ideal von 1836 heranreichen möchte, wird sich nur zeigen, wie vergeblich dieser Versuch ist. Das wird  zwangsläufig lähmend sein. Man vergibt damit die Chance, einen Zugang zu dieser großartigen Architektur zu finden, der nicht daran geknüpft ist, dass Nutzung und Gebäude sich ideal entsprechen müssen. Seit vielen Jahren haben wir nun Erfahrung damit, Architektur neu zu erleben, weil sie auf eine Weise genutzt wird, die nicht von vorneherein beabsichtigt war. In umgenutzten Kirchen, Kasernen, Industriegebäuden werden Qualitäten entdeckt, die ihre Erbauer nicht sehen konnten. Wir machen Schinkel kleiner als er ist, wenn nicht wenigstens einmal darüber nachgedacht werden darf, dass diese Architektur ganz anders erlebt werden darf als in einer Nutzung, die unbedingt der ähneln muss, für die sie gebaut wurde, die aber schon sehr lange nicht mehr zeitgemäß ist. Der Geist der Bauakademie sollte nicht gerettet werden. Die Bauakademie sollte von einem neuen Geist belebt werden.

Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht auf frei04-publizistik.de >>>


(1) siehe hierzu: Andreas Kilb: Auch für die Reeperbahn ist noch Geld übrig. FAZ vom 29. November 2016. Online: >hier

(2) Pressemeldung des Fördervereins Bauakademie und der Beuth Hochschule für Technik Berlin, Fachbereich IV, Architektur und Gebäudetechnik

Zum Stand der Diskussion siehe auch: Florian Thein: Der rote Kasten bleibt. Bauwelt 40/2016. Online: >hier

(3) Lucius Burckhardt: Bauen – Ein Prozess ohne Denkmalpflichten (1967) In: ders.: Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2004, S. 26-45; hier s. 26

(4) Dieter Nägelke und Bénédicte Savoy: Baut bloß keine Mottenkiste! FAZ vom 28. November 2016. Online: >hier