Das Berliner Sport- und Erholungszentrum SEZ stellt nicht nur ein bedeutendes Architekturzeugnis der späten Nachkriegsmoderne dar, es schrieb auch ein ganz besonderes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte. Dessen ungeachtet steht es seit vielen Jahren leer, zahlreiche Initiativen setzen sich für eine Neunutzung ein. Nun soll es zum Showdown kommen: Am 2. März 2026 diskutiert das Berliner Abgeordnetenhaus über den Abriss der Freizeitanlage zugunsten von Wohnbauten. Die Diskussion droht allerdings zur Farce zu werden.
Für den gleichen Tag, an dem im Abgeordnetenhaus noch diskutiert werden soll, hat die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), der nach gescheiterter Privatisierung das SEZ jetzt gehört, den Abrissbeginn angekündigt. Am 11. Februar 2026 appellierte Adrian von Buttlar, von 1995 bis 2009 Vorsitzender des Berliner Landesdenkmalrates, in einem Offenen Brief an die Berliner Abgeordneten, den Abriss abzuwenden und sich an demokratische Spielregeln zu halten: „Der vom Bausenator geplante substanzielle Abriss am gleichen Tag wie die Anhörung des Ausschusses für Stadtentwicklung in dieser Sache am 2. März (die berüchtigte Strategie des ‚Faktenschaffens‘ per Bulldozer) zeugt einmal mehr von einer beispiellosen Missachtung demokratischer Grundregeln und bürgerschaftlicher, gravierender Einwände gegen die Vernichtung eines einzigartigen Zeugnisses der Berliner Stadtgeschichte und heute noch immer reparablen und nutzbaren Bauwerks mit großem Potenzial.“ Das Anliegen, die Anhörung in den Plenarsaal zu verlegen und sie damit öffentlich zu machen, ist bislang abgelehnt worden.
Die baulichen Qualitäten des SEZ waren im Mai 2024 in der Bauwelt ausführlich beschrieben worden, wobei der Autor Michael Grass darauf verwies, dass gerade dieser Bau durch keinerlei ideologische Engstirnigkeit belastet ist, im Gegenteil: „Die großzügige Gestaltung und die Vielfalt von Räumen und Funktionen lassen sich eher auf international gültige, zeitgenössische Leitbilder zurückführen.“ Eine kaum zufällige Offenheit – sie hängt mit dem Architekten des SEZ zusammen, der bis Ende 2022 unbekannt geblieben war. Über diesen Architekten und die Hintergründe seiner Beauftragung hat Wolfgang Kil in der Berliner Ausgabe des DAB berichtet. Aus aktuellem Anlass geben wir diesen Text hier noch einmal wieder. (red.)

In beklagenswertem Zustand: Das SEZ im Winter 24/25. (Bild: „SEZ für alle!“)
Ein Krimi aus dem Kalten Krieg
Es waren einmal fünf Architekturstudenten in Dresden, denen wurde nach dem Diplom eine wissenschaftliche Laufbahn an ihrer Technischen Hochschule angeboten. An verschiedenen Lehrstühlen gelandet, taten sich die jungen Männer zu einer Gruppe zusammen, der sie den Namen ZE4 gaben (was beim Aussprechen wie Zephyr klingt, jener Frühlingsbote, der in der griechischen Mythologie für den „milden Westwind“ stand). In dieser Formation nahmen sie 1968 an einem Wettbewerb zum Bayerischen Platz in Leipzig teil und gewannen mit ihren rasant gezeichneten Schautafeln die Konkurrenz – als Quereinsteiger ohne Einladung, an allen sonst üblichen Preisanwärtern vorbei! Die Stadt Leipzig lud sie ein, ihre fetzigen Hochhauskulissen weiter zur Planreife zu bringen, doch fiel das grandiose Bauvorhaben alsbald ins Wasser. Mit dem Machtantritt Erich Honeckers 1972 wurden sämtliche ehrgeizigen Cityprojekte in den größeren DDR-Städten abgesagt. Alle Mittel wurden jetzt für den Wohnungsbau gebraucht.
Bilder kurz nach der Fertigstellung 1981 von Ulrich Wüst
Doch sie hatten Aufmerksamkeit erregt. Hermann Henselmann holte die vielversprechenden Newcomer nach Berlin an die Bauakademie, in seine Experimentalwerkstatt, wo stets einige Jahrgangsbeste an attraktiven Sonderprojekten werkelten. „Ex-Werkstatt“ – das war oberste Liga! Wer dort, in Hans Scharouns einstigem Dachatelier in der Hannoverschen Straße, eine Zeit lang beschäftigt war, hatte für künftige Berufswege ausgesorgt. Den vier „Dresdnern“ allerdings war selbst das privilegierte Schaffen beim großen Zampano Henselmann noch zu verzagt, zu eng, zu sehr DDR. Innerhalb zweier Jahre verließen sie das Land auf illegalen Wegen. Drei landeten in Hannover, einer blieb in Westberlin. Und letzterer wurde auf überraschende Weise von seinem Vorleben noch einmal eingeholt.
Die DDR-Regierung hatte 1976 beim westdeutschen Baukonzern HOCHTIEF ein Sport- und Freizeitzentrum bestellt, und zwar – das war neu! – als Komplettlieferung, von der Standortplanung bis zur Endausstattung. Studien namhafter Büros hatten kaum realisierbare Ergebnissen erbracht, weshalb die Konzernleitung beschloss, ihre eigene, neugegründete „Schlüsselfertigabteilung“ mit dem Prestigeprojekt in Ostberlin zu betrauen. Da traf es sich günstig, dass erst unlängst ein junger Mann aus dem Osten bei der Niederlassung in Westberlin angeheuert hatte, der nicht nur entwerferisches Talent besaß, sondern sich mit Arbeitsabläufen und politischen Entscheidungswegen bei den östlichen Auftraggebern auskannte. Wer sollte für die delikate Aufgabe besser geeignet sein! Und so durfte Günter Reiß, der schon für seine Teamkollegen von ZE4 einst ihre Leipziger Hochhausideen so fulminant im Stil Helmut Jacobys visualisiert hatte, sich nicht nur mit der Entwicklung eines völlig neuen Typs von Freizeitanlagen befassen. Auch dessen „schlüsselfertige“ Realisierung vom Entwurf bis zur Bauausführung sollte er entscheidend mitbestimmen.
Bilder kurz nach der Fertigstellung 1981 von Ulrich Wüst
Wobei letzteres in der geteilten Stadt nicht ganz einfach war: Zwar kannte der Architekt sich in der fraglichen Gegend hinterm Volkspark Friedrichshain von früher bestens aus, aber jetzt lag ja alles hinter der Mauer. Zu den Beratungen in der Ostberliner Oberbauleitung „Sondervorhaben“ durfte der „Republikflüchtling“ ebenso wenig erscheinen wie auf der zweijährigen Baustelle. Kein Bauplan trug seine Unterschrift, zur feierlichen Eröffnung im März 1981 wurde sein Name nicht erwähnt. Persönlich in Augenschein nehmen konnte Günter Reiß seinen florierenden Freizeitkomplex erstmals als anonymer Besucher, anlässlich einer 1988 endlich genehmigten familiären DDR-Einreise.
Im Winter 2022 hat eine „denkmalfachliche Erfassung“ die Entstehungsgeschichte des SEZ aufgedröselt und die nebulös verschleierte Autorenschaft dieses besonderen Bauwerks endlich geklärt. Mit einem langen Interview in der Berliner Zeitung hat der „geheime Architekt“ im Januar 2024 sein jahrzehntelanges Inkognito gelüftet und damit allen gezielt gestreuten Mythen ein Ende bereitet. Und brachte so erneut etwas Licht in die Grauzonen bis heute verschwiegener Ost-West-Beziehungen in der Spätphase der deutschen Teilung. Wandel durch Annäherung – das ab den 1970er Jahren waltende Prinzip grenzüberwindender Entspannungspolitik – hinterließ auch auf den Feldern von Planen und Bauen Spuren, gerade im geteilten Berlin. Dass die Frontstadt des Kalten Krieges ihre Faszination nicht zuletzt solchen Heimlichkeiten verdankte (nein, nicht alle waren lustig), wurde im Trubel der Vereinigung allzu schnell vergessen. Geschichtspolitische Gedanken, wie sie der Deal um die Lieferung eines kapitalistischen Spaßbades zur Hebung der Laune im Realsozialismus nahelegen, haben bei der denkmalfachlichen Bewertung des SEZ bisher jedenfalls keine Rolle gespielt.
Der Text von Wolfgang Kil wurde zuerst veröffentlicht in Deutsches Architektenblatt, Ausgabe Ost (Berliner Seiten), Mai 2025
Rundgang durch das SEZ. Die Bilder sind während der Zeit der Zwischennutzung um Herbst 2024 aufgenommen
Weitere Quellen und Information
Baustelle Gemeinwohl – Neue Kooperationen für leistbare und offene Räume in Friedrichshain-Kreuzberg >>>
Initiative SEZ für alle >>>














