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Marktgeschrei (20) | Mit einem neuen Positionspapier bekräftigt der BDA, was bereits vor Jahren schon in einem „Klimamanifest“ anklang. Mit allem, was ihr an Ressourcen zur Verfügung steht, muss die Menschheit ab sofort und radikal sparsamer haushalten. Das Ende der Wachstumsideologie ist gesetzt. Auch für Architekten. Nur: Wie geht das?


Ein Entwurf: Zur Diskussion stand ein Positionspapier, mit dem nur ein Bruchteil der am Bau Beteiligten einverstanden sein dürfte. (Bild: BDA Bund)

Ein Entwurf: Zur Diskussion stand ein Positionspapier, mit dem nur ein Bruchteil der am Bau Beteiligten einverstanden sein dürfte. (seit 11. Juli 2019 als Download >>>)

„Kulisse und Substanz. Plädoyer für eine ökologisch-gesellschaftliches Umdenken“ –  so lautete der Titel des BDA-Tages am 25. Mai in Halle an der Saale. Wenn man einmal davon absieht, dass die gerade üblichen Floskeln „Umdenken“, „neu Denken“, „Handlungsfelder“ und vieles mehr auch in der BDA-Rhetorik auftauchen und nicht gerade zur Schärfe der Gedanken beitragen, ist doch bemerkenswert, in welcher Deutlichkeit die Rolle des Bestands für die ökologischen Aspekte der Stadt- und Architekturentwicklung benannt werden. Weiter Wachsen heißt im Klartext: weiter Zerstören. Davon wendet sich der BDA ab. Zur Diskussion stand ein Positionspapier, das der BDA unter dem Titel „Das Haus der Erde“ verfasst hat. (1)

 

Abbildung der BDA-Tagung in Halle 2019

Abbildung der BDA-Tagung in Halle 2019

Die Grenzen des Wachstums

Sie wurden vor rund einem halben Jahrhundert aufgezeigt (2), und erst jetzt richtet die elitärste deutsche Vereinigung von ArchitektInnen – der BDA – einen entsprechenden Appell an Berufsgenossen und eine einflussreiche Öffentlichkeit, dem Wachstum auch in ihrem Schaffensbereich Einhalt zu gebieten. Erst jetzt? Immerhin. Denn Andere sind noch lange nicht so weit, und ich behaupte: 80 bis 90 Prozent der 134.419 Mitgliedern kammerverzeichneten ArchitektInnen (Stand 1. Januar 2018) sind es auch nicht und sorgen sich eher um die Zukunft der HOAI. Die gesamte Bauwirtschaft sieht die derzeitige Wohnungsnot in Metropolregionen ohnehin mit einem lachenden Auge, denn jetzt heißt es: Bauen, Bauen, Bauen. So wird die Wohnungsnot nicht als gesamtgesellschaftliches und politisches Problem erkannt und benannt. Denn es gibt in der Republik genug Wohnraum, aber Infrastruktur- und Wirtschaftspolitik verfolgen eine sektorale, wirtschaftsaffine Strategie, anstatt – dem Grundgesetz folgend –, gute Wohn- und damit Arbeitsverhältnisse allüberall zu gewährleisten. Unerlässlich wäre dafür zum Beispiel ein flächendeckendes G5-Netz, von dem man hierzulande weit entfernt ist.

In Stuttgarts Stadtmitte wird seit Jahren alles abgerissen, was nicht niet- und nagelfest ist. Planerische Vernunft und Denkmalpflege spielen dabei keine Rolle. (Bild: Ursula Baus)

In Stuttgarts Stadtmitte wird seit Jahren alles abgerissen, was nicht niet- und nagelfest ist. Planerische Vernunft und Denkmalpflege spielen dabei keine Rolle. (Bild: Ursula Baus)

Selbstkritisch Position beziehen

Vorweg erinnern die Verfasser an das vor zehn Jahren beim BDA verabschiedete Klimamanifest. (3) Kaum zählbare UnterzeichnerInnen haben sich damals darin selbst zu vielem verpflichtet, was sie sicher nicht eingehalten haben. Sei’s drum, im 4-seitigen Positionspapier wird dazu jetzt sehr treffend „die Kombination aus milder Zerknirschung, Besorgnis um den eigenen Status und mangelndem Mut für eine radikale Änderung unserer Lebenswirklichkeit“ analysiert.
Beschrieben sind im Anschluss zehn Positionen, die ausnahmslos zur Lektüre empfohlen seien – mit vier Seiten ist der Umfang dankenswerterweise knapp. Doch hier nun zu einigen Inhalten.
1) Politisch denken und sich einmischen. Zu dieser eigentlich selbstverständlichen Staatsbürgerpflicht werden u.a. Lobbyisten für Zögern und Abwarten benannt, wobei man natürlich daran erinnern darf, dass der BDA selbst zu diesen Lobbyisten gehört. Doch in der Sache stimmt es: „Wir müssen zeigen, dass der tägliche Umweltwahnsinn, wie beispielsweise der ungebremste Flächenfraß, der Vorrang von Neubauten oder der Mobilitätsfetisch nicht alternativlos sind.“
2) Erzählungen für ein neues Zukunftsbild. Hier wird etwas schwammig formuliert, dass Architekten fantasievoll und kreativ wie sie sind, mitwirken müssen an der Zukunft.
3) Achtung des Bestands. „Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen. Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss.“ Liebe Stuttgarter: Nehmt euch das vor!
4) Intelligenz des Einfachen. Diese Position ist im Titel sprachlich etwas missglückt, denn Intelligenz ist eine Fähigkeit eines denken Menschen, das heißt: Das Einfache ist nicht intelligent, sondern allenfalls intelligent gemacht. Inhaltlich sprechen sich die Verfasser hier gegen die Vorstellung aus, mit technischer Aufrüstung ließe sich das grundsätzliche Problem lösen.
5) Bauen als materielle Ressource. Muss jedem klar sein: Gebautes muss rezyklierbar sein.
6) Vollständige Entkarbonisierung. „Statt energieintensiv erzeugter Materialien wie Beton und Stahl liegt der Schwerpunkt auf natürlichen Materialien wie Stein, Holz und Lehm.“ Darüber werden sich nicht nur Architekten trefflich streiten…
7) Neue Mobilitätsformen. Propagiert wird die Stadt der kurzen Wege und ein neues Zusammenwirken von Stadt und Region. Zum Glück wird hier der Begriff „Land“ vermieden.
8) Polyzentralität stärken. Folgt eigentlich aus Punkt 7) als wechselseitig wirkende Strategie.
9) Kultur des Experimentierens. Schwammig wie Punkt 2, klar: Ohne Experimente geht es nicht.
10) Politische Versuchsräume. Dabei wird das Experimentieren schon konkreter als Rechtsproblem angesprochen. Und an die Politiker zurückgegeben.

Eine radikalere Abkehr von den derzeit üblichen Verfahren des Bauens hätte im Positionspapier vielleicht noch deutlicher angesprochen werden können. Aber dass der BDA eine klare Richtung formuliert, in die er auch als Lobbyist wirken kann, ist bemerkenswert.

Und wie geht es weiter? Wie in der Politik ist wohlfeiles Appellieren zunächst unverfänglich. Dass beispielsweise Ministerin Klöckner gern von „Freiwilligkeit“ redet, setzt sie aber der Lächerlichkeit aus. Könnte also der BDA seinen Mitgliedern etwas Verbindliches zumuten?


(1) Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land. Als PDF > hier

(2) Donella und Denis Meadows, Jorgen Randers und Willliam W. Behrens: The Limits of Groth. 1972; dt.: Die Grenzen des Wachstums, 1972V

(3) Vernunft für die Welt. Das Klimamanifest. www.klima-manifest.de