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Alter Steinbruch, Detail. Bild: Christian Holl
Wie man über Natur spricht, hat sich im Lauf der Jahrhunderte stark gewandelt. Das zeigt eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Sie zeigt auch, welche Konsequenzen sich daraus ergeben – für Mensch und Umwelt. Und sie zeigt, wie der Begriff von Natur auf dem Feld politischer Auseinandersetzung instrumentalisiert wurde. Die Ausstellung ist darin aktueller denn je, auch wenn in der Ausstellung selbst aus ihrer Aktualität kein Kapital schlägt.

Wiederherstellungsverordnung – ein Bürokratenwort, wie man es sich schöner nicht ausdenken könnte. Diese Verordnung ist vom Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat 2024 verabschiedet worden, wiederhergestellt werden soll „die Natur“. Die FAZ feierte das umgehend als „Machtwort für die Umwelt“, der Autor Christian Schwägerl hoffte, dass die Verordnung die ökologische Rolle rückwärts stoppt. Und führt Berechnungen der EU auf, dass jeder in die Renaturierung investierte Euro zwischen 4 und 38 Euro an Mehrwert generiere. 70 Prozent der Unternehmen in der EU seien von mindestens einem Ökosystem existenziell abhängig. (1) Man könnte also meinen, dass es schlicht ein Gebot der Vernunft ist, und sei es auch ausschließlich wirtschaftliche, die Natur zu schützen und die rund 80 Prozent der Lebensräume, die in schlechtem Zustand sind, sich wenigstens teilweise regenerieren zu lassen. (2) Denn es geht nicht um eine Wiederherstellung im Sinne einer Rückkehr zu einem Zustand, den es einmal gegeben habe, sondern um zu gewährleisten, „dass Böden fruchtbar bleiben, ausreichend Trinkwasser entsteht, die Bestäubung von Pflanzen funktioniert und die Vielfalt der Arten mindestens stabil bleibt.“ (3) Doch von solcher Vernunft kann keine Rede sein: Natur spielt in den konventionellen Modellen und Methoden, mit denen von Wirtschaft gesprochen und deren Leistung gemessen wird, keine Rolle: Ob „BIP, Konjunkturprognosen, Produktivitätsdefinitionen, Betriebsergebnisse – nirgendwo sind bisher Korrekturen erfolgt, die den erodierenden Bestand von Naturkapital spiegeln würden oder das Risiko anzeigen, komplexe Systeme über Kipp-Punkte zu treiben, also aus ihren dynamisch stabilen Regenerationszyklen“, beklagt die Politökonomin Maja Göpel. (4)


Unheilbare Schäden


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Naturschutz? Wenn es um Arbeitsplätze geht, kein Thema. (Bild: Christian Holl)

Da muss man sich nicht wundern, dass 2026, knapp zwei Jahre nach Beschluss der Wiederherstellungsverordnung das „Machtwort für die Umwelt“ verhallt ist. Dass die Umwelt oder der Naturschutz Rückenwind erfahren hätten, wäre naja, sagen wir es einmal vorsichtig, ein Euphemismus. Der Flächenverbrauch wird kaum eingedämmt, wertvolle Böden gehen Tag für Tag verloren. Stabil soll anscheinend vor allem die Abhängigkeit von fossilen Energien bleiben. Mit dem Infrastrukturzukunftsgesetz hat die Bundesregierung das veraltete Gegeneinander von Wirtschaft und Naturschutz einmal mehr befeuert. Die mit diesem Gesetz verbundene „Aufhebung der Naturschutzausgleichsmaßnahmen vor Ort“ werde „unheilbaren Schaden an unserer Natur anrichten“, so die Deutsche Umwelthilfe. Dass nun ein Gesetz zur „Stärkung der Natürlichen Infrastruktur“ folgen soll, hilft  da auch nicht – unheilbare Schäden sind eben unheilbar und können auch „durch ein nachgeschobenes Gesetz nicht eingehegt werden.“ (5)

Für die, die sich für die Umwelt einsetzen, sind die Zeiten rau. Kürzlich hatte sich die Deutsche Umwelthilfe mit der Klage gegen das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung auch vor dem Bundesverwaltungsgericht durchgesetzt. Im Deutschlandfunk wird Umweltstaatssekretär Flasbarth damit zitiert, man werde die Defizite des Programms von 2023 heilen. „Noch hätten nicht alle Ministerien geliefert, aber spätestens mit dem Urteil müsse allen Beteiligten klar sein, dass man beim Klimaschutz keine Abstriche machen könne.“ (6) Die Wirtschaftsministerin Katharina Reiche kann Flasbarth mit „allen Beteiligten“ nicht gemeint haben. Auf den Seiten der DUH ist von Hass- und Bedrohungsbotschaften zu lesen, die sie erreichten. (7)


Enge Korridore


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Wieso wird die Gemeinnützigkeit angezweifelt, wenn man sich für den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt? (Bild: Christian Holl)

Stimmung gegen Umweltschutzorganisationen wird etwa damit gemacht, dass das Verbandsklagerecht beschnitten werden soll – aber auch die berüchtigte Anfrage vom Februar 2025 gehört in diese Stimmungsmache. Umweltorganisationen wie dem BUND wird darin vorgeworfen, dass sie sich in politische Debatten einmischen.(8) Ja zum Kuckuck, genau das sollen sie doch! Das ist die Rolle der Zivilgesellschaft: Sie dafür zu kritisieren, ist eine Haltung, wie sie auch auf dem Gebiet der Kultur der unglückselige Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer vertreten wird: Politik nicht als Rahmen für eine demokratische Diskurskultur zu verstehen, sondern darum, den Diskurs zu steuern und den Korridor, in dem er sich bewegt, zu verengen. Ein verstördendes Verständnis von Demokratie.

Wer sich ein Bild davon machen möchte, was das für den Alltag des Naturschutzes machen möchte, dem sei ein Besuch einer Mitgliederversammlung einer lokalen Gruppe empfohlen. Man hört dort nicht nur, mit welche beeindruckendem Engagement Ehrenamtliche sich für das einsetzen, was das Wiederherstellungsgesetz erst noch einlösen soll. Man hört auch, dass die Behörden sich auf dieses Ehrenamt verlassen (müssen), aber auch, dass den Menschen, die in Zeiten der Krötenwanderung aktiv sind, von rücksichtslosen Autofahrenden fast die Eimer, in denen sie die Kröten über die Straße tragen, aus der Hand gefahren werden.

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Miniatur „Das Weltenei“ aus dem Rupertsberger Scivias-Kodex, Nonnen der Abtei St. Hildegard, nach dem Original von Hildegard von Bingen, verschollenes Original ca. 1175, Handkopie ca. 1930. (© Abtei St. Hildegard, Rüdesheim-Eibingen)

All dies zeigt: Bei „Natur“ geht es um sehr viel mehr als um eine abstrakte wissenschaftliche Größe. Der Begriff determiniert in dem, wie er verstanden wird, die Art, wie er Eingang in das Vokabular anderer Systeme Eingang findet, wie mit dem umgegangen wird, was er bezeichnet. Er geht damit auch im Alltag weit über das hinaus, was übliche Redeweisen suggerieren: Dass die Natur jetzt, wenn der Frühling kommt, wieder zum Leben erwacht, und es die Menschen „in die Natur zieht“. Ein vielschichtiger und schillernder Begriff sei „Natur“; so wird der Katalog zu einer Ausstellung eingeleitet, die noch bis zum 7. Juni in Berlin zu sehen ist. Dass sie aktuelle Diskussionen, nicht einmal die wenige Jahre zurückliegende, aufgreift, ist die einzige grundsätzliche Schwäche, der Ausstellung vorzuwerfen ist: Weder Fridays for Future, noch einen sich vom baumumarmenden Bienenfreund zum Wurstbotschafter gewandelten Markus Söder, keine Einfamilien-Holzhäuser mit Grasdach, keine Schwammstadt-Debatten. Dafür führt sie in einer überaus aufschlussreichen Reise durch die Jahrhunderte. Sie beginnt im 12. Jahrhundert mit Hildegard von Bingen, die in der „Grünkraft“ Gottes Wirken in der Welt sah, in deren Dienst sich der Mensch stellen müsse, „um die Frische der natürlichen Welt erstarken zu lassen und wiederzubeleben“, wie es im lesenswerten Begleitbuch zur Ausstellung heißt. (9)

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Die Kartoffel, ein politisches Projekt, um die Ernährungslage zu verbessern. Warthmüller, Robert (1859-1895): Der König überall, Öl auf Leinwand, Berlin, 1886 (© Deutsches Historisches Museum)

Rassismus und Naturschutz

Wie sich der Begriff von einem religös konnotierten zu einem ästhetischen und weiter zu einem ökologische Gesamtsysteme fassenden Begriff wandelte und mitunter in erschreckender Weise instrumentalisiert wurde, machen fünf Sektionen von Mittelalter bis zum geteilten Deutschland nachvollziehbar. Die letzten zwei Jahrhunderte nehmen dabei den größten Raum ein. Denn die Industriealisierung markiert einen bis heute wirksamen Wendepunkt. Die Ressourcennutzung wurde potenziert, die Natur als etwas Außenstehendes ließ sie beliebig ausbeutbar erscheinen. Die Rheinbegradigung verkürzte den Rhein um 80 Kilometer, die Frage, was Natur sei, „ging Hand in Hand mit der Auf- und Abwertung von Personen, Gruppen, Ländern oder Nationen“. Dies wird etwa anhand der Forstwirtschaft in Deutsch-Ostafrika gezeigt. Sie übertrug Praktiken deutscher Waldbewirtschaftung auf die Kolonien und missachtete dabei die lokalen Traditionen. Die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung verschlechterte sich massiv, die Spannungen entluden sich in Aufstand und Krieg, die nach Schätzungen 300.000 Menschen der ansässigen Bevölkerung das Leben kosteten. In zynischer Überheblichkeit wurden parallel dazu in Kunst und Erzählungen das Land zu einem menschenleeren Gebiet paradiesischer Schönheit verklärt.

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Berühmt ist Haeckel für die Kunstformen der Natur – aber er war eben auch Rassist. (Ernst Haeckel,: Abbildung der Cyrtoidea mit Alacorys bismarckii (Mitte links), Tafel 31, in: Kunstformen der Natur, Leipzig/Wien, 1904.)

Man erfährt auch, der für seine „Kunstformen der Natur“ berühmte Ernst Haeckel ein Rassist war, der die dunkle Hautfarbe als Kennzeichen minderwertiger Menschenrasse verstand und sich anerkennend über den angeblichen Brauch der Spartaner äußerte, „schwächliche“ Neugeborene zu töten. Die in Teilen kriegsverherrlichende Geschichte der Biene Maja wurde als Tornisterausgabe für die Soldaten des Ersten Weltkriegs produziert. Der Chemiker Fritz Haber entdeckte ein Verfahren zur synthetischen Gewinnung von Stickstoff, das die Basis für die Produktion von Kunstdünger legte; Haber hatte damit einen wichtigen Beitrag für die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion geleistet – er war aber auch maßgeblich an der Entwicklung von im Ersten Weltkrieg eingesetztem Giftgas beteiligt. Fast gleichzeitig wurde er als Kriegsverbrecher eingestuft und mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.

Doch kein politisches Regime in der deutschen Geschichte war so besessen von der Idee, die Norm einer „deutschen Natur“ zu schaffen, wie der Nationalsozialismus. Der Terror des vorgeblich „Natürlichen“ wurde zur Staatsideologie. Sowohl die „Nürnberger Gesetze“ als auch das „Reichsnaturschutzgesetz“ standen in direkter Beziehung zur Rassenideologie; beide wurden 1935 erlassen. Das Reichsnaturschutzgesetz galt in der Bundesrepublik bis 1976, das SS-Mitglied, der Vogelkundler Günther Niethammer, der in Auschwitz Forschungen betrieben hatte, stieg nach dem Krieg zu einem führenden Ornithologen der Bundesrepublik auf.

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Sternmarsch gegen das Bleichemiewerk Marckolsheim und das Kernkraftwerk Wyhl, 1974. Wenige jahre zuvoir hatte die FDP in ihr Parteiprogramm geschrieben: »Umweltschutz hat Vorrang vor Gewinnstreben.« (Bild © Bernd Nössler)

Und heute?

Die Nachkriegszeit behandelt unter anderem die Umweltpolitik, die in den 1960ern beginnt und in den 1970ern institutionell verankert wurde – maßgeblich vorangetrieben vom damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher. Die FDP war 1971 die erste Partei gewesen, die den Umweltschutz als Aufgabe der Politik in ein Parteiprogramm aufgenommen hatte: „Umweltschutz hat Vorrang vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen“ hieß es damals. Hört, hört.

Die bis heute nicht in Frage gestellte industrielle Tierhaltung schließt sich als weiteres Exempel eines Verständnisses an, das Natur als ausbeutbare Ressource, als Gegenüber versteht. Natur ist dabei mehr eine Sache denn ein System, in das der Mensch untrennbar eingebunden ist. Mit der einsetzenden Anti-Atomkraftbewegung am Beispiel von Whyl in den 1970ern endet die Ausstellung – damit aber nicht die Auseinandersetzungen darum, wie wir Natur verstehen und wie ihr Verständnis und ihre Konstruktion in die deutsche Geschichte verwoben sind. Doch die Zeit blieb nicht stehen. Wir haben es in der Hand, wie sich diese Geschichte fortsetzt. Die Ausstellung zeigt, wie weit die Wurzeln unseres Naturbegriffs zurückreichen, und dass dies zu einem uns schwer belastenden Erbe geworden ist. Bringen wir noch die Kraft auf, daraus Lehren zu ziehen?




2613_SL_DHM_KeyvisualAusstellung bis zum 7. Juni im Deutschen Historischen Museum, Berlin.
Weitere Information >>>
Publikation zur Ausstellung: Raphael Gross, Julia Voss: Natur und deusche Geschichte. Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht. Verlag Matthes und Seitz, Berlin, 2025; 28 Euro.
Weitere Information >>>


(1) Christian Schwäger: Ein Machtwort für die Natur. FAZ vom 19. Juni 2024.  >>>
(2) ebd.
(3) ebd.
(4) Interview mit Maja Göpel, gls.de, 6. Januar 2026 >>>
(5) Pressemitteilung der Deutschen Umwelthilde vom 12. März 2026 >>>
(6) Bundesregierung muss beim Klimaschutz nachschärfen – Erfolg für Deutsche Umwelthilfe“, Deutschlandfunk vom 4. Februar 2026 >>>
(7) „Aufgrund wegweisender Erfolge werden wir bedroht“; DUH, ohne Datum (Februar 2026) >>>
(8) „Wir werden es (das Verbandklagerecht) bis auf das europarechtliche Mindestmaß absenken und durch Initiativen der Bundesregierung auf eine weitere internationale Reduzierung hinwirken. “ Verantwortung für Deutschland. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 21. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages, S. 49 >>>
Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU: Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen, S. 1  >>>
(9) Die Zitate zur Ausstellung sind allesamt der Ausstellung selbst oder dem Katalog entnommen.