Das Ruhrgebiet ist bekannt für die Bilder der von Kohle und Zechen geprägten Stadtlandschaft – und dafür, wie diese Landschaft transformiert wurde. Dabei haben die Kirchen allerdings eine untergeordnete Rolle gespielt. Das Kunstfestival Manifest hat aber gerade sie zum Thema gemacht – und erkundet so das räumlichen Potenzial des Bestands.
Manifesta im Ruhrgebiet. Uns Architekt:innen ruft die internationale Wanderbiennale und so fahren wir in einer kleinen Gruppe am Wochenende nach der Eröffnung Richtung Süden. Auf dem Weg zur ersten Kirche fahren wir vorbei an kaputten, zwei- und dreigeschossigen Nachkriegsbauten in hellrosa, -blau oder dunkelgrau. Dazwischen: Brathähnchenbuden, ein einsames Minarett, Kioske, Trinkhallen und vom Automobil und Konsum geprägte Straßenzüge. Was dem 1950er Jahre-Look der Städte im Ruhrgebiet heute fast schon fehlt, sind die Satellitenschüsseln, die wohl bereits der Digitalisierung zum Opfer gefallen sind. Was bleibt, ist die gebaute Infrastruktur der Region. Auf Karten erscheint sie als dichtes Netz aus Straßen, Schienen und Binnenhäfen mit unzähligen Knotenpunkten.
Stadt an Stadt. Die Bochumer Straße in Gelsenkirchen, die Gelsenkirchener Straße in Essen, die Übergänge merkt man kaum. Städtische Agglomeration ohne urbanen Kern, zerschlagen von den Bomben des 2. Weltkriegs, geprägt von ständiger Transformation. Auf die vom Bergbau destabilisierten Böden reagiert heute das neue Wassermanagement. Die Natur verwandelt den vom schwarzen Ruß der Kohle, von Zechen und Arbeitersiedlungen geprägten „Pott“ in einen Lebensraum. Transformation spürt man auch mit Blick auf die Bevölkerung, die vor Allem im Norden des Ruhrgebiets von hoher Arbeitslosigkeit geprägt ist. Die Migration hat die Identität der Städte beeinflusst. Sie erzählen von Gastarbeiterschaft und einer pluralistischen Gesellschaft mit einer Vielzahl sozialer und kultureller Einrichtungen, die die postindustrielle Landschaft revitalisieren.

Die Manifesta zeigt künstlerische Arbeiten in 12 Kirchen der Nachkriegszeit in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. (Zeichnung: Riccarda Cappeller)
Rund um die alten Zechen befinden sich die Kirchen der Nachkriegszeit, von denen viele, obwohl sie noch nicht alt sind, inzwischen leer stehen oder untergenutzt sind. Diese Kirchen, die sogenannten Pantoffelkirchen – für Anwohnende eines Stadtteils in Hausschuhen erreichbar – zum Thema der europäischen Wanderbiennale Manifesta zu erklären und ihre heutige Rolle mit zunehmenden Leerstand oder Unterbenutzung der einst sozialen Räume zu hinterfragen, hat nicht nur lokale Relevanz. Vielmehr werden zentrale Fragen verhandelt, die weit über eine klassische Kunstausstellung hinausreichen und das Denken von Stadtgestaltung ebenso wie die Auseinandersetzung mit leerstehenden oder untergenutzten Räumen bewusst in die Öffentlichkeit holt. Welche Qualitäten verkörpern Kirchen als Räume, und was haben sie trotz ihres individuellen Erscheinungsbilds und spezifischen Charakters gemeinsam? Welche Rolle können diese Räume in einer zunehmend säkularen Gesellschaft übernehmen? Und kann das bestehende Netzwerk der Sakralbauten dabei helfen, neue Synergien zu erzeugen, lokale Identitäten zu vernetzen und zu stärken?
Kirchen als Perspektive
Für das Ruhrgebiet bietet der Fokus auf Kirchen neue Perspektiven, die das Alltagsleben einmal fernab der industriellen Arbeitsstätten weiterdenken lassen. Im Festival wird der Blick zum Beispiel auf Nachbarschaftsstrukturen, gemeinschaftliche Arbeit gerichtet, wie die im Kleingarten, in der Küche oder in einem Fall auch am Webstuhl. Eine präzise Themenwahl für die Manifesta also, die als Plattform für Experimente dient und hier im Ruhrgebiet mit dem Motto „this is not a church“ fragt, was Kirchen vor allem mit Fokus auf ihre soziale und städtebauliche Funktion, denn noch alles sein können. Zentral dafür ist die theoretische Vorarbeit. Die gemeinsam vom Manifesta-Team und Josep Bohigas entwickelte Urban Vision, der zahlreiche Workshops mit lokalen Akteur:innen, Initiativen und Gemeinden vorausgingen, versteht Kirchen als urbane Zentren einer 15-Minuten-Stadt und als nicht-konsumorientierte Räume der Öffentlichkeit. Räume, die als Versammlungsorte dienen und verkörpern, wie Demokratie gelebt und praktiziert werden kann. Warum aber sind gerade Kirchen dafür so prädestiniert?
Zwar bringen nicht alle Rauminstallationen, die auf dem Festival zu sehen sind, Ideen ins Rollen, aber sie zeigen einen möglichen Umgang mit dem Raum. Sie thematisieren seine Maßstäblichkeit, Materialität und Akustik, aber auch qualitative Aspekte wie die Nachbarschaft und Geschichte des Ortes. Außerdem zeigen sie, was eigentlich mit Begriffen wie „Umnutzung“, „Bespielung“, oder „Raumkonzept“, ob Klangraum, Lichtraum, Denkraum oder Dritter Raum gemeint sein kann und wie aus solchen Ideen dauerhafte Nutzungen werden können. Hier im „Pott“ haben 145 lokale Initiativen und Vereine mitgedacht. 16 der eingereichten Ideen sind Teil des Festival-Programms geworden. Eine aus recycelten Möbeln gebaute Bar, die die regionalen „Trinkhallen“ in die Kirche holt, oder „die Tafel“ mit Essensausgabe in der Kirche. Es wird gemeinsam gebaut und gegessen. Vermutlich sind es diese Zusatz-Veranstaltungen, bei denen dann wirklich die Nachbarschaft zusammenkommt und auf das Manifesta-Publikum trifft.
Klar ist, dass die langfristige Weiterführung und Umsetzung der Konzepte nicht nur am Engagement lokaler Akteure liegt, sondern auch in der Politik. Die Initiative „Kirchen sind Gemeingüter“ fordert neue Formen der Trägerschaft wie eine Stiftung oder Stiftungslandschaft für Kirchenbauten und deren Ausstattung – unabhängig davon, ob eine Kirche für religiöse Zwecke, als öffentlicher Versammlungsort oder Denkmal und Kulturerbe genutzt wird. Im „Nolli-Plan“ von Rom sind Kirchen Teil des öffentlichen Raums. Auch bei der Manifesta sind sie Infrastrukturen einer zukünftigen Öffentlichkeit. Und als solche müssen wir sie wieder lesen lernen. Dazu ein paar Beispiele.
Kirchen als Orte der Gemeinschaft weiterdenken
Installation in St. Josef. (Bilder: Riccarda Cappeller)
St. Josef in Gelsenkirchen. Eine riesige blaue Lufthülle füllt den Innenraum der neugotischen Kirche. Wie eine experimentelle Kraft dringt sie vom Kirchenraum in den Kreuzgang vor und verändert die Wahrnehmung des Kirchenschiffs. Im Alten entsteht ein neuer Raum. Diffuses Licht und durch den Schattenwurf verfremdete Gegenstände des ursprünglich sakralen Raums geben ein Gefühl des Dazwischen-Seins. Innerhalb des vom katalanischen Kollektiv Penique Productions entworfenen blauen Wunders ist alles möglich. Wir befinden uns in der Schwebe oder auf Tauchgang am Meeresgrund – mit Sand unter den Füßen. Besonders eindrücklich ist hier das gemeinsame Erlebnis in der Rauminstallation. Zum Beispiel beim Zusammensitzen auf Kollektiv-Mobiliar, das vom katalanischen Designer Curro Claret mit Studierenden und Anwohnenden aus alten Kirchenbänken erstellt wurde und verschiedene Situationen für das Sitzen in Gemeinschaft auf verschiedene Arten ermöglicht. Transformation und Umdenken wird hier direkt ins Konkrete übersetzt.

Her(r)bergskirche in Neustadt am Rennsteig, eröffnet 2021 – ein Projekt der Internationalen Bauausstellung Thüringen IBA. (© IBA Thüringen/Stiftung Baukultur Thüringen, Foto: Thomas Müller)
Kirchen als Atmosphären entdecken

Die Installation Variation on Godspeed in 4/4 Time von William Engelen wurde eigens für St. Marien in Essen konzipiert. Sie befindet sich an der Stelle, wo einst die Orgel der Kirche stand. (© TimeWilliam Engelen. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev)
Ein anderes Moment schafft die Leere der Essener St. Marien. Das nach Außen etwas abweisende, aber brutalistische Backsteingebäude, das in Kürze abgerissen werden soll, bietet im Inneren viel Freiheit. Die Abwesenheit von Bänken, aber auch die vielfarbigen Fenster des Künstlers Manfred Ott erlauben bei Bewegung im Raum immer wieder neue Entdeckungen. Hier lassen sich gut Nutzungen als Konzerthalle oder als Meditationsraum vorstellen. Die Offenheit des Raums lässt zwischen dem tief herabhängenden Leuchtensystem viele Formen kollektiver Nutzung zu. Zum Beispiel lädt die Orgel-ähnliche Arbeit von William Engelen mit 144 hängenden Aluminumrohren zum Musikmachen ein und wird zu einer Raum-Klang-Installation.
Die Idee durch Musik und Licht das Räumliche zu erfahren, findet sich auch in Arbeiten an anderen Orten, außerhalb der Manifesta. So hat zum Beispiel die kleine Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, eine Lichtinstallation von James Turrell erhalten, die zur synästhetischen Wahrnehmung einlädt. Nur zur blauen Stunde, also genau einmal am Tag, entstehen Lichtkontraste, die in Kombination mit dem Weiß der Kapelle und der Ruhe eine ganz besondere Erfahrung hervorrufen. Hier wird nicht nur ein Teil der Kapelle, sondern der gesamte Raum – auch in Verbindung nach außen – zu einer ganz besonderen Szenerie.

Mihály Moldvays Fotografien machen zentrale Erfahrungen der „Gastarbeit“ in Westdeutschland aus der Perspektive eines ehemaligen „Gastarbeiters“ sichtbar. Untitled [7 b/w photographs], 1980 (© Mihály Moldvay. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev)
Kirchen als Räume der Kunst
Auch in Kunstkirchen kommen die räumlichen Qualitäten der Sakralräume zum Tragen. In St. Bonifatius (Gelsenkirchen) ist der Ausstellungsraum den Gastarbeiter:innen gewidmet. In den Malereien und Fotografien erfährt man hier etwas zu ihren Alltagsritualen und dem kulturellen Gedächtnis der Umgesiedelten. Warum es dafür allerdings ein so stark hervortretendes Holzgestell braucht, ist fraglich. Die Kirche als Ausstellungshaus gibt es neben zahlreichen weiteren Beispielen auch wenige Kilometer entfernt im Kunstraum Heilig-Geist in Essen. Diese eindrucksvolle, vom Industriecharme der benachbarten Zeche Zollverein geprägten Kirche Gottfried Böhms, bietet im fast leeren Innenraum maximale Flexibilität und vermittelt durch die geschwungene Form und viel Licht eine Atmosphäre des Aufschwungs.

Carsten Nicolais skulpturale Arbeit ›organ‹ ist Kunstwerk und Musikinstrument gleichermaßen, das von sogenannten Flammenorgeln aus dem späten 18. Jahrhundert inspiriert ist. (© Stiftung Baukultur Thüringen/IBA Thüringen, Foto: Thomas Müller)
Dieses Gefühl vermittelt auch das ebenfalls im Rahmen der IBA Thüringen von Carsten Nicolai entwickelte Kunstwerk der Feuerorgel. Wie von Geisterhand bewegt, haucht diese der St. Annenkappelle in Krobitz neues Leben ein und lässt sie zum akustischen Raum werden, in dem die tiefen Töne aus langen Glasröhren dröhnen, während die Gasflammen zur Lufterwärmung darunter tanzen. Aus räumlicher Wahrnehmung mit Klang und Wärme entsteht auch hier ein Moment, der die Atmosphäre radikal erfahrbar macht.
Ob Lichtraum, Klangraum, Kühlraum, oder einfach nur Denkraum – mit Stille und Raum-Erfahrung: Auffällig ist, dass die stärksten Projekte nur minimal im Raum intervenieren. Sie verändern nicht die Architektur, sondern fügen hinzu oder interpretieren neu. Sie verändern unsere Perspektive. Der Begriff „Umnutzung“ greift daher zu kurz. Statt mehr Ideen und ein immer wieder „Kirche neu erfinden“, braucht es das Wiederentdecken des Bestands. Denn der bietet genug: bautypologische Qualitäten wie Großzügigkeit, Zentralität, Lichtführung und Offenheit aus – Aspekte, die viele andere öffentliche Räume bereits verloren haben. Erst wenn wir den Raum neu lesen und verstehen lernen, können wir ihn weiterschreiben.



