
Für die Wittener Tage für neue Kammermusik hat Studio Formagora gemeinsam mit Bürger*innen in einem zweitägigen Workshop den Vorplatz des Saalbaus in Witten umgestaltet. (Bild © Studio Formagora)
Bei Studio Formagora entscheiden nicht nur die Gestalter:innen, was entsteht – sondern auch die Nachbarschaft, Geflüchtete, Vereinsmitglieder, Kinder. Zusammen bauen sie Bänke und Stadtmöbel für den öffentlichen Raum. Ein Gespräch mit Nele Heise und Nick Potter darüber, weshalb Partizipation nicht schmückendes Beiwerk, sondern Kern des Gestaltungsprozesses ist.
Design ist nie neutral. Das ist eine Haltung – und zwar die von Studio Formagora aus Münster. Finn Blankenberg, Esra Heuermann, Nick Potter und Nele Heise sind ausgebildete Designer:innen und Tischler:innen. Sie bauen Bänke, gestalten Stadtmöbel, bespielen öffentliche Räume. Klingt unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn bei Studio Formagora entscheidet nicht das Studio, was entsteht – sondern die, die damit leben. Die Frage lautet nicht „Was gestalten wir?“, sondern „Wofür? Und für wen?“V.l.n.r.: Esra Heuermann, Finn Blankenberg, Nele Heise und Nick Potter (Bild © Studio Formagora)
Ihr beschreibt euch als Studio für „soziales Design und transformative Prozesse“. Was bedeutet das konkret in eurer täglichen Arbeit – und wo endet für euch Design, wo beginnt Aktivismus?

Die „Bäuer:innenstühle“ sind gemeinschaftlich hergestellt Stühle mit Steckverbindungen ganz ohne Leim und Schrauben. (Bild © Studio Formagora)

Werte wie Suffizienz, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft bilden die Leitlinien für jedes Designprojekt. (Bild © Merlin Schneider, Studio Formagora)
Nick Potter: Soziales und ökologisches Design bedeutet, dass man versucht, Fürsorgearbeit zu leisten. Unser Wirtschaftssystem preist Care Work aber nicht ein. Das heißt in den allermeisten Projekten, konventionelle Pfade zu verlassen und die Extrameile zu gehen, um zum Beispiel gebrauchtes Material statt neuem zu nehmen. Das ist auch Aktivismus und oft Selbstausbeutung. Das zehrt an unseren Kapazitäten und deswegen müssen wir das jedes Mal neu aushandeln – mit uns selbst und den Kund:innen.
Nele Heise: Idealismus steckt in jedem unserer Projekte und Design ist unser Werkzeug. Auch wenn wir fertig werden müssen, haben wir immer den Anspruch, möglichst nachhaltig mit Materialien umzugehen und sozial zu arbeiten.
Ihr habt euch relativ schnell nach dem Studienabschluss selbstständig gemacht. Wie finanziert sich ein junges Designstudio?
Nick Potter: Am Anfang haben wir uns hauptsächlich über Förderung finanziert. Unsere Kund:innen sind in erster Linie Kommunen, aber mittlerweile auch viele Vereine, Museen und Communities. Wir merken, dass es in der freien Wirtschaft einen Shift gibt und sich auch Institutionen und Unternehmen für unsere Arbeit interessieren. Mittlerweile arbeiten wir mehr über klassische Auftragsarbeiten. Neben unseren Projekten bringen auch Lehre, Vorträge, Beratungen und Summer Schools Geld ein.
Wir denken, dass sozialökologische Transformation nicht in starren Eigentumsstrukturen funktioniert. Deswegen wollen wir nicht für den Privatbesitz gestalten. Wir müssen lernen, Güter zu teilen. Also besser zehn Schwimmbäder als 1.000 Privatpools. Für Unternehmen würden wir gestalten, weil diese auch Räume bieten, die sich Menschen teilen.
„Bei jedem Projekt treffen äußere Zwänge auf eigene Ideale.“ Nick Potter
Partizipation ist zentral für eure Arbeit. Aber wie viel Mitbestimmung verträgt ein Gestaltungsprozess? Wo zieht ihr die Grenze zwischen „alle dürfen mitreden“ und gestalterischer Expertise?

Der „Mehrwegbeutelbaum“ spendet in Supermärkten Jutebeutel für Menschen, die ihre vergessen haben. (Bild © Studio Formagora)
Nele Heise: In der Regel fangen wir damit an, dass wir Bedürfnisse der einzelnen Menschen, der Anwohnenden, der Verwaltung, der Vereinsmitglieder erfragen. Zu schauen, worum geht es hier? Was braucht ihr, damit dieser Ort besser für euch funktioniert, damit er schöner für euch wird? Damit es euer Ort werden kann. Im Gestaltungsprozess selber haben wir uns etwas davon entfernt, wirklich alles zusammen zu gestalten.
Beim Thema Farbe zum Beispiel treffen viele Meinungen aufeinander, die sich nicht unbedingt vereinen lassen. Es geht eher darum, die Bedürfnisse festzulegen und das Bild, in das es sich einfügen muss. In der Gestaltung arbeiten wir dann mit Entwurfsschleifen. Wir stellen die Gestaltung vor und sagen: „So schaut es gerade aus, passt es für euch?“ Und arbeiten so weit, bis wir uns das absegnen lassen und dann eben im Idealfall zusammen umsetzen.
Das ist auch ein Thema der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026, für die ihr den WDC Hub im Museum Angewandte Kunst gestaltet und zwei Projekte eingereicht habt. Jeder kann mitgestalten. Professionelle Designer:innen und Architekten:innen, fragen sich aber, wenn alle mitgestalten können, braucht es dann noch professionelle Gestalter:innen?
Nick Potter: Ich würde das ganz klar bejahen. Aber aus einem demokratischen Blickwinkel kann man fragen: „Hey, ist es nicht auch das Recht von Menschen mitzubestimmen, wie ihre Schule gebaut wird?“ Es entscheiden üblicherweise Chefs, es entscheiden Verwalter:innen. Das hat etwas mit unserem Verständnis von Demokratie und auch ihrer aktuellen Krise zu tun.
Zu Beginn haben wir Partizipation und Co-Design vermischt, heute machen wir partizipative Prozesse. Bei unseren partizipativen Prozessen geht es darum, die Menschen zusammen zu bringen, das Wissen anzuzapfen und gegegenfalls eine Selbstorganisationsstruktur aufzubauen. Aber weniger um Co-Design.
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es mit partizipativen Verfahren schneller und besser geht.“ Nick Potter

Mit Schüler:innen Nistkästen bauen für den NABU Münsterland im Winter 2025. (Bild © Studio Formagora)
Nele Heise: Dafür setzen wir aber auf Co-Building, was die gemeinsame Umsetzung von den Entwürfen einschließt, die sich bei uns meistens im öffentlichen Raum abspielen. Da setzen wir wirklich alles dran, dass man mit einem Akkuschrauber oder einem Schleifpapier mitmachen kann. Fünfjährige Kinder, Geflüchtete oder Vereinsmitglieder, die sich nochmal anders kennenlernen. Sie schaffen Dinge, die sie selbst nutzen, beziehungsweise, um die sie sich kümmern können.
Nick Potter: Bei einem gewöhnlichen Gestaltungs- und Produktionsprozess soll das Ergebnis so funktional und effizient wie möglich produziert werden. Bei unseren partizipativen Verfahren ist das Ziel ein anderes: Hierbei geht es darum, Resonanzbeziehungen herzustellen. Also auf erster Ebene die zwischenmenschliche Beziehung, wir arbeiten zusammen, sind ein Team, begegnen einander als Gleiche. Auf zweiter Ebene die Mensch-Objekt Beziehung, den Stuhl habe ich gebaut, das ist mein Stuhl, ich bin Teil des öffentlichen Raums, Teil der Stadt. Die dritte Ebene ist die Selbstwirksamkeit. Ich war das, ich habe den Stadtraum verändert, ich kann etwas beitragen, ich kann was bewegen.
Partizipative Prozesse kosten Zeit und Geld. Wer kann sich diese Art von Design überhaupt leisten? Besteht nicht die Gefahr, dass „soziales Design“ letztlich ein Luxusgut für wohlhabende Kommunen und Institutionen wird?
Nele Heise: Wir reden oft von „öffentlichem Luxus“. Geteilte Güter, Orte, Räume, die vielen zugänglich sind, statt einigen wenigen. Gute Gestaltung für alle. Natürlich ist es auch eine Art von Luxus, und wir erzeugen auch Spaß, was auch eine große Qualität ist. Zwei Tage lang mit einer Community richtig coole Sachen zu machen, zu essen, das ist sehr wertvoll.
„Auch wenn wir Spaß erzeugen wollen, möchten wir nicht Bespaßungsdesigner:innen genannt werden.“ Nele Heise
Nick Potter: Und man muss auch die Frage stellen, ob Teilhabe in einer Demokratie nicht ein Grundrecht ist. Es kommen Menschen zusammen, die sich sonst in unserer Gesellschaft eigentlich nie begegnen. Die Menschen arbeiten zusammen, ziehen an einem Strang und erschaffen gemeinsam etwas.

Partizipatives Planen des Gastronomiebereichs des soziokulturellen Quartierszentrums B-Side in Münster. (Beide Bilder © Studio Formagora)
Könnt ihr den partizipativen Prozess am Projekt B-Side Kollektiv beschreiben?
Nick Potter: Für das soziokulturelle Quartierszentrum in Münsteraner Hafen haben wir mit einem partizipativen Verfahren den Gastronomie-Bereich, das Quartier-Wohnzimmer, die Dachterrasse sowie Möbel gestaltet. Der Gestaltungsprozess ging über zwei Jahre und startete mit einem Arbeitskreis. Wir haben den Gestaltungsprozess immer weiter vorangetrieben und dabei das Kollektiv so viel wie möglich mitgestalten lassen.
Allerdings hat das Kollektiv rund 200 Mitglieder, was eine große Herausforderung war, deshalb haben wir viele Iterationsschleifen auch im digitalen Raum stattfinden lassen. Dazu gab es aber auch fünf analoge Events, bei denen wir mit Knete und Pappmodellen nach dem Emotional Mapping-Ansatz nach Christopher Alexander gearbeitet haben. Dabei haben Menschen ihre Gefühle kartiert, die sie im Rohbau des Quartierszentrums hatten. Es gab auch eine Mock-up-Party, bei der wir die Theke aus Pappe gebaut und dann abends mit Glühwein eingeweiht haben.
Man muss das aber auch gut organisieren: Wir haben die Abstimmungsrunden vorher angekündigt und es gab einen gewissen Zeitrahmen, in dem die Mitsprache möglich war. Danach eben nicht mehr.

Der WDC Hub im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main dient als Festivalzentrale. (Bild © Ben Kuhlmann)
Für die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 habt ihr den WDC Hub im Museum Angewandte Kunst gestaltet. Wie lief dieser Prozess?
Nele Heise: Der WDC Hub ist ein klassischer Designauftrag. Das war kein partizipativer Prozess. Das WDC Team wurde auf uns aufmerksam, weil wir zwei Projekte beim Open Call eingereicht haben, die wir dieses Jahr auch umsetzen werden. Wir haben uns zu Beginn zwei Tage vor Ort mit dem WDC Team zusammengesetzt und haben alles erfragt, was es an Wissen und vorhandenem Material gibt. Der WDC Hub wird das ganze WDC Jahr über als Festival-Zentrale fungieren. Hier können Projekte stattfinden, Ausstellungen, Initiativen können sich dort präsentieren. Und das alles kostenlos und zu Museumsöffnungszeiten zugänglich. Wir konnten Ausstellungsobjekte wiederverwenden wie die Platten von der Ausstellung „Yes, we care“ für den Boden, von der Jazzclub-Ausstellung den Stoff.
„Es hat einen sehr, sehr hohen Wert, Menschen mitbestimmen zu lassen.“ Nick Potter
Was habt ihr noch zur World Design Capital Frankfurt RheinMain vor?
Nick Potter: Wir starten bald mit der Ada Kantine in Frankfurt. Das ist ein von Ehrenamtlichen getragenes Projekt, die Lebensmittel retten und auf dem ehemaligen Campus in Bockenheim ausgeben. Wir wollen den Raum aus gebrauchtem Materialien aufwerten.
Das zweite Projekt ist das Gündi West. Dies ging aus einer Hausbesetzung im Gallus hervor und ist jetzt nach Höchst gezogen. Es ist ein selbstorganisiertes Zentrum, wo Geflüchtete erst einmal eine Anlaufstelle haben. Der aktuelle Zwischennutzungsort ist katastrophal, ein ehemaliger Abfallhof. Hier wollen wir den Problemen mit Design begegnen.
Gündi West ist politisch hoch brisant. Seid ihr euch dessen bewusst? Und muss man als Designer:in auch Partei ergreifen?
Nick Potter: Design ist immer politisch und Design ist immer parteiisch. Ich muss mich entscheiden, für wen ich parteiisch sein will und welche gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnisse ich mit meiner Gestaltung reproduzieren möchte. Diese Frage stellen wir uns bei jeder Aufgabe.

