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Selbstbewusste Demut


Das Architekturzentrum Wien (AzW) widmet der pakistanischen Architektin Yasmeen Lari eine große Ausstellung, die ihre Werkgeschichte mit der postfossilen Zeitenwende verknüpft.

Aus urheberrechtlichen Gründen durften die Bilder zu diesem Beitrag nur eine begrenzte Zeit gezeigt werden und mussten im Februar 2024 gelöscht werden. red


Die mittlerweile 82 Jahre umfassende Biografie der pakistanischen Architektin Yasmeen Lari weist sie gleichzeitig als Pionierin und als Spiegel der Zeitströmungen aus, und das schon zu Beginn ihrer Berufslaufbahn. Als sie in den 1960er Jahren nach dem Studium in Oxford ihr eigenes Büro in Karatschi gründete, war das ein außergewöhnliches Ereignis.

Eine Frau an der Spitze eines Architekturbüros wäre damals in jedem Land der Welt beachtlich gewesen, um so mehr in Pakistan, als der Beruf des Architekten kurz nach der Unabhängigkeit vom britischen Empire noch gar nicht etabliert war. Laris erste Jahre waren von der Euphorie der staatlichen und persönlichen Selbstständigkeit getragen, in der Hoch-Zeit der fossil befeuerten boomenden Moderne und deren Zukunftsoptimismus. Das architektonische Gesicht dieses Optimismus war die internationalen Moderne, verkörpert im Masterplan von Constantinos Doxiadis für die neue Hauptstadt Islamabad. Yasmeen Laris 1973 entworfenes eigenes Wohnhaus in Karatschi, eine klimatisch adaptierte Spielart des luftigen Brutalismus, wurde einer ihrer bekanntesten Bauten.

„Ich habe studiert, machte meinen Abschluss, fing an zu arbeiten, das war es,“ sagt sie heute rückblickend. „Es gab damals sehr wenige Frauen, die meisten aus wohlhabenden Familien, so wie ich, die den Vorteil hatten, nicht an zwei Fronten kämpfen zu müssen. Pakistan bietet aber viele Möglichkeiten, die man im Westen nicht bekommt. Wenn man bereit ist, ein Risiko einzugehen, steht die Welt weit offen. Ich hatte das Glück, viele Probleme angehen zu können.“

Regionales Bauen

Bald schon erarbeitete sich Lari, während sie der internationalen Moderne folgte, eine ganz eigene  Position des regionalen Bauens, wobei sie ihr Wissen aus einer intensiven Beschäftigung mit dem Vernakulären bezog. Gemeinsam mit ihrem Mann Suhail Zaheer Lari bereiste sie regelmäßig die Regionen Pakistans. Dies eröffnete auch Begegnungen über Klassengrenzen hinweg mit der ländlichen und ärmeren Bevölkerung.

„Die Realität war ganz anders als das, was man mir beigebracht hatte, und ich verstand plötzlich sehr viel von meinem Land, seiner Kultur und meinen Wurzeln. Das hat mir viele Türen geöffnet. Ab diesem Zeitpunkt war jede Phase meines Lebens ein Lernprozess, was mein eigenes Land betraf.”

1973 bekam sie die erste Gelegenheit, das erworbene Wissen um die Lebensrealitäten der Bevölkerung anzuwenden. Im Rahmen des Sozialwohnungsprogramms der Regierung Bhutto wurde sie beauftragt, die große Wohnanlage Angoori Bagh in Lahore zu entwerfen, die 1975 fertiggestellt wurde. Hier verfolgte Lari erstmals in großem Maßstab ein Programm des Selbstbaus und Empowerments; mit rund 6.000 kleinen Wohneinheiten, die sich nach oben erweitern ließen – ein dichtes und komplexes Labyrinth aus Ziegelwänden, Höfen und Terrassen, mit Freiräumen, die individuell adaptierbar waren und sich auch für Tierhaltung eigneten, eine Grundbedingung der Subsistenz für viele. Auch diese Pionierleistung hatte ihre Parallele im Zeitgemäßen, als Yasmeen Lari in den 1980er Jahren Prestigebauten wie die Konzernzentrale von Pakistan State Oil und das Financial Trade Center realisierte.

Denkwende und Jahrtausendwende


Der Punkt, an dem in ihrer Biografie die Praxis des Empowerments und des Bauens für die breite Bevölkerung eindeutig die Hauptrolle übernahm, fiel mit der Jahrtausendwende zusammen. Schon zuvor hatte die auch politisch aktive und durchsetzungsstarke Architektin genug davon, Auftragnehmerin zu sein und wandte sich der Theorie und der Forschung zu. Das verheerende Erdbeben in Kaschmir 2005 signalisierte ihr, dass ihr Wissen gebraucht wurde. Sie entwickelte leicht multiplizierbare Selbstbau-Systeme für die Betroffenen, gleichzeitig arbeitete sie daran, in der (vor allem weiblichen) Bevölkerung das Wissen um resiliente Bautechniken zu verbreiten, um gegen zukünftige Klimadesaster besser gerüstet zu sein – die mit den Flutkatastrophen 2010 und 2022 auch eintreten sollten. Auch hier aktivierte Lari ein unmittelbares Nothilfeprogramm aktivierte. Ein Wandel, der nicht nur einen social turn der Architektur markierte, sondern auch eine dezidierte Abkehr vom fossilen Bauen.

“Die 1980er Jahre waren der Gipfel der Verschwendung. Man konnte alles bauen, jedes beliebige Material importieren. Im 21. Jahrhundert erfahren wir so viel Disruption und Zerstörung, dass wir uns selbst überflüssig machen, wenn wir nicht aufpassen. Als Architekten sind wir gefordert, und es gibt keinen Grund, zu warten, bis wir beauftragt werden. Wenn wir es nicht tun, tut es niemand. Die Communities brauchen Planung und Ideen, und wir sollten vor Ort sein, um ihnen zu helfen. Ich habe einen Weg gefunden, wie man konkrete Verbesserungen im Alltag von vielen erreichen kann.“

Dekarbonisierung und Dekolonisierung


Die Aufgabe der Architektur ist hier zweierlei: Obdach zu bieten nach einer Katastrophe, aber vor allem auch Bautechniken zu entwickeln, die gegen zukünftige Katastrophen resilient sind.  Die Dekarbonisierung geht dabei Hand in Hand mit der Dekolonisierung, und ihre „barefoot social architecture“ hat für Yasmeen Lari einen explizit politischen und kapitalismuskritischen Aspekt, denn die Notbehelfe, die durch die globale Wirtschaft finanziert wurden, sieht sie eher als schädlich an. Rund 400.000 Wohneinheiten wurden nach dem Erdbeben 2005 in Konstruktionsweisen des 20.Jahrhunderts errichtet die nicht nachhaltig sind und letztlich zu einer weiteren Verschärfung der Klimakatastrophe beitragen.

„Der Egoismus des unbegrenzten Konsums beschädigt alles. Ich glaube auch nicht an Geld als Allheilmittel, wenn es um Hilfe vor Ort geht. Die Hälfte der Pakistaner lebt unter der Armutsgrenze, 30 Millionen Leute sind durch Klimakatastrophen obdachlos. Keine noch so große Förderung der Weltbank kann das beheben, denn das Geld gerät immer in die falschen Kanäle. Das ist systemimmanent, denn die Katastrophenhilfe ist an die globale Bauwirtschaft geknüpft und erzeugt eine Hilfsarchitektur, die in der Regel unbrauchbar ist. Für uns Architekten ist es daher besser, wenn wir mit Materialien arbeiten, die keine Schattenwirtschaft erzeugen.“

Feminismus und Empowerment

In der Praxis bedeutet das, dass die Architektin mit der Bevölkerung in einen Dialog auf Augenhöhe tritt und ihr Wissen gegen deren Wissen austauscht. So werden Techniken für den Selbstbau vermittelt und Bedürfnisse vor Ort eruiert. Dieser Dialog erfolgt vor allem mit der weiblichen Bevölkerung, die der Architektin mehr Vertrauen entgegenbringt als männlichen Kollegen, und die über ein fundiertes Alltagswissen verfügt. Ein beispielhaftes Ergebnis dieses Dialogs ist Laris Weiterentwicklung des traditionellen chulah, dem Freiluft-Herd, auf dem pakistanische Frauen kochen. Ihr Plattform-System verhindert, dass die Frauen auf der Erde sitzen müssen, verringert das Risiko, dass Kinder sich verbrennen und lässt sich gestalterisch-ornamental aneignen.

“Als Architektin im 20. Jahrhundert war es mir wichtig, die Kontrolle über meine Projekte zu haben, und die Baufirmen darauf hinzuweisen, wenn etwas nicht in Ordnung war. Aber seitdem habe ich gelernt, ein Projekt mit Demut anzugehen, weil man von anderen so viel lernen kann, vor allem von Frauen. Denn ich bin als Städterin dort eine Fremde, aber wir etablieren eine Basis des gegenseitigen Vertrauens.”

Parallele Gegensätze


Die Parallelität vermeintlicher Gegensätze, die Kontinuität einer sozialen Verpflichtung, die Selbstermächtigung für viele: Diese biografischen Leitlinien lassen sich auch in der Ausstellung „Yasmeen Lari: Architektur für die Zukunft“ nachspüren, die am 8. März im Architekturzentrum Wien (Az W) eröffnet wurde. Es ist die erste monografische Schau über Lari weltweit, nach Denise Scott-Brown und Tatiana Bilbao die dritte im AzW, die eine Architektin in den Mittelpunkt stellt. Kuratiert wurde sie von AzW-Direktorin Angelika Fitz, Elke Krasny und Marvi Mazhar. Fitz und Krasny hatten schon 2019 ihre Schau „Critical Care – Architecture and Urbanism for a Broken Planet“ lokalen Strategien gegen globale Katastrophen gewidmet; Marvi Mazhar, ehemalige Mitarbeiterin von Yasmeen Lari, brachte die Perspektive der jungen Generation aus Pakistan ein und sichtete das umfangreiche Archiv, das Lari den Kuratorinnen zur Verfügung gestellt hatte.

Der Titel „Architektur für die Zukunft“ ist dabei durchaus mehrdimensional zu verstehen. Wie Angelika Fitz bei der Eröffnung verdeutlichte, spiegelt sich im Werk von Yasmeen Lari der Wandel unserer Vorstellung einer zu planenden Zukunft, von der fossil befeuerten Euphorie der 1960er Jahre über das Wohlstandsverprechen der kapitalistischen 1980er und 1990er Jahre bis zur Rückbesinnung auf das Bewahren im Angesicht der Klimakatastrophe.

Die Ausstellung (Szenografie: Alexandra Maringer, Grafik: Alexander Ach Schuh) folgte diesem Narrativ in chronologisch-thematisch angeordneten neun Kapiteln und zeichnet so anhand ihres konkreten Handelns ein vieldimensionales Bild der Architektin. Die auf niedrigen carbon footprint setzende, leichte und zurückhaltende Ausstellungsarchitektur aus Leinen und Holz ist konsequent, ohne in übertriebene arte povera abzugleiten. Der Schlusspunkt der Schau ist in seiner bewussten Antiklimax so etwas wie der Höhepunkt: Er zeigt das von Yasmeen Lari optimierte Grundzubehör des (Über-)Lebens: Ein Herd, eine Toilette, ein System für fließendes Wasser. Auf den ersten Blick mag dies banal erscheinen, doch angesichts der beschleunigenden Katastrophen ist die Rückbesinnung der Architektur auf ihre Rolle als Ermöglicherin einer lebenswerten Existenz nicht die schlechteste Zukunftsvorstellung.

Alle Zitate von Yasmeen Lari entstammen einem Interview mit dem Autor.



„Yasmeen Lari. Architektur für die Zukunft“
Architekturzentrum Wien, bis 16. August 2023
Kuratorinnen: Angelika Fitz, Elke Krasny, Marvi Mazhar.
Der Katalog zur Ausstellung in englischer Sprache ist bei MIT Press erschienen. Weitere Information >>>