2.900 denkmalgeschützte Gebäude sind in Heidelberg aufgelistet, und mit dem Heidelberger Schloss wird wissenschaftsgeschichtlich der dort begonnene, bis heute andauernde Streit um den Wert des Gebauten verortet. Am 1. Februar 2026 ist die Heidelberger Stadthalle nach umfänglicher Sanierung mit ganztägigem Programm wiedereröffnet worden. Es stellen sich die alten (Denkmal-)Fragen anders – nicht zuletzt, weil Bautechnik und ökologisch dringliche Umorientierung andere Perspektiven auf das Abwägen zwischen Erhalten und Erneuern erzwingen. Zudem hat die Stadthallen-Sanierung eine planungspolitische Dimension.
Architekten: Waechter + Waechter, Darmstadt
Georg Dehio (1850-1932) hatte sich mit seinem Credo „Konservieren, nicht restaurieren“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwar für die Praxis der Denkmalpflege durchgesetzt.1) Doch zeigen die gegenwärtigen Diskussionen zur Schinkelschen Bauakademie in Berlin (siehe Florian Heilmeyer bei Marlowes) geradezu drastisch, wie gering das Wissen um die Aufgaben der Denkmalpflege bewertet wird. Zurück nach Heidelberg, wo die Sanierung der 1903 gebauten Stadthalle abgeschlossen ist. Die Finanzierung und ihre planerische Relevanz werden am Schluss des Beitrags angesprochen.
Heidelberg ist sehr alt, überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt, gilt weltweit als touristisch attraktiv und ist mit einer sehr alten und kräftig gewachsenen Universität gesegnet. Das Dogma „autogerechte Stadt“ hat seine Spuren aber genauso hinterlassen wie das Kulturbewusstsein einer selbstbewussten und wohlhabenden Zivilgesellschaft. So gibt es enorme Verkehrsprobleme, aber auch ein eigenes Symphonieorchester, ein exzellentes Streichquartettfestival und das opulente Musikfestival Heidelberger Frühling. Mit entsprechenden Spielstätten, deren Zustand und Nutzbarkeit Handlungsbedarf offenbaren: Bestand muss gepflegt werden. Eine an der TU Darmstadt erarbeitete Dokumentation zur Geschichte der Stadthalle steht leider online nicht zur Verfügung, weil sie limitiert „zu gutem Zweck“ verkauft wird. Für den guten Zweck ließen sich vielleicht andere Publikationen finden als diejenigen, die universitär erarbeitetes Wissen vermitteln.2)
Die Stadthalle an den Neckarstaden stand nach der Jahrtausendwende unverkennbar zur Sanierung an, so nahm die Planung ihren durchaus holprigen Weg.
Die Stadthalle – ein Rückblick
Es gab hier am Neckar einen von Josef Durm (1837-1919) als provisorische Holzkonstruktion gebauten Vorgängerbau, entstanden anlässlich des 500. Jubiläums der Universität. Parallel wurde seinerzeit das Neckarufer befestigt. Die Architekten Henkenhaf und Ebert (Jakob Henkenhaf und Friedrich Ebert, europaweit tätig, unter anderem in Scheveningen, Den Haag, Bruchsal) bauten nun zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Stadthalle am Neckarufer nicht dezidiert als Konzertsaal, sondern als Festhalle für die gesamte Stadtgesellschaft.3)

Blick vom Montpellierplatz aus auf die Stadthalle; auf der Neckarseite sind Fahrspuren für Fahrrad- und Busverkehr genutzt, für Fußgänger bleibt hier entlang des Gebäudes nichts übrig. (Foto: Wilfried Dechau)
Henkenhaf und Ebert entschieden sich für ein Äußeres im Formenrepertoire der Neorenaissance, die nördlich der Alpen leider keineswegs so licht und freundlich ausfiel wie bei ihren italienischen Vorbildern. Der rote Neckarsandstein verleiht dem Äußeren denn auch ein optisch schweres Gewicht. Zudem verliehen Ausschmückungen mit Jugendstil-Elementen der Halle und ihren Sälen eine nur mäßig elegante Anmutung. Ein großer Saal im Erdgeschoss wurde von einem kleineren Saal im Obergeschoss ergänzt.4) Zum großen Saal gehörte eine Voit-Orgel, die mit 56 Registern auf 3 Manualen und elektrischer Traktur ein weit über Heidelberg hinaus bedeutendes „Musikinstrument“ war und ist.
Gleichwohl: Die Stadthalle – ursprünglich auch mit einem Restaurant ausgestattet – wurde intensiv genutzt, mehr und mehr auch zu Kongresszwecken der Universität.5) Im Ersten Weltkrieg auch mal zum Lazarett umfunktioniert, wurde in der Stadthalle 1936 das nunmehr 550. Universitätsjubiläum mit Hakenkreuz-Ausschmückung gefeiert. Umbauten in den 1950er Jahren und dann die Sanierung in den Jahren 1979-80 mit Umstrukturierungen im Außenraum fügten dem Bauwerk Schicht um Schicht Veränderungen zu, die jüngst, in der aktuellen Sanierung, zu finden, zu bewerten und zu behandeln waren.
Macht und Interessen in der Stadt
In der Dokumentation der TU Darmstadt ist die Vorgeschichte der jüngsten Sanierung ausgespart, die 2007 mit einem Gutachten von Christoph Mäckler begann. Thema war, ob die Stadthalle für Kongresszwecke gen Osten erweitert werden könnte. Das Frankfurter Büro Mäckler kam zu dem Entschluss, dies ginge – und lieferte argumentativ eine konkrete Skizze der Erweiterung dazu, die erste Irritationen in der Heidelberger Zivilgesellschaft bewirkte. Dennoch, in einem prominent besetzten Wettbewerb setzte sich das Büro Karl & Probst aus München durch.6)

In ihrer Ausgabe 47.2009 dokumentierte die „Bauwelt“ den Wettbewerb zur Erweiterung der Stadthalle. Hier geht es zum > Bauwelt-Beitrag.
Im Gespräch war auch, die Bundesstraße in einen Tunnel zu verlegen. 2010 machte nun ein Bürgerentscheid gegen die Stadthallen-Erweiterung einen Strich durch die Erweiterungspläne.7) Inzwischen hat Heidelberg auf der Bahnstadt-Seite ein neues Kongresszentrum, so dass die Stadthalle Fest- und Konzerthaus bleiben konnte.

Es blieb bei der freigestellten Halle, die Erweiterung wurde durch den Bürgerwillen abgesagt. (Bild: Wilfried Dechau)
Planung, Denkmalpflege, Ausführung
Sobald eine öffentlich genutzte Halle saniert wird, gelten nunmal die offiziellen Normen, Regeln, Verordnungen und vieles mehr. Die funktionale Problematik der alten Stadthalle war unübersehbar. Der zentrale Saal dominierte, er durchschlug regelrecht im rechten Winkel den uferparallel gesetzten Langbau, sodass die links und rechts gelegenen Räume im Prinzip nur durch den Hauptsaal oder außen ums Gebäude herum zu erreichen waren. Der in einer einzigen Erdgeschossebene fixierte große Saal bot keine guten Voraussetzungen für den Konzertbetrieb.
Die Architekten Waechter + Waechter korrigierten dieses Manko durch drei grundsätzliche Entscheidungen: Das eigentliche Musikerpodium wurde aus seiner akustisch ungünstigen Nische nach vorne verlegt. Zum zweiten ist die flexible Nutzung des Hauptsaals durch differenzierte Hubbühnenkonstruktionen erreicht worden. Und zum dritten entstand zwischen dem neckarseitig jetzt verglasten Portikus und einer zum Saal hin eingezogenen Glaswand ein Umgang, der innenräumlich die Seitenbereiche erschließt. Das alles fügt sich jetzt zu schlüssiger Funktionalität.

Querschnitte mit unterschiedlichen Hubhöhen der nutzebaren Flächen (Copyright aller Pläne: Waechter + Waechter)
Während die Glaswand hinter den Portikussäulen kaum stört, weil sie die raumplastische Wirkung nicht beeinträchtigt, lässt die gekrümmte Glaswand zum Saal leider zu wünschen übrig. Die Akustiker verlangten eine Schrägstellung der Glasflächen, was in der Ausführung sehr merkwürdig aussieht. Zudem ist die geometrische Anordnung der Glaswandpfosten nicht tadellos auf den Deckenspiegel ausgerichtet, so dass hier an den Anschlüssen befremdliche Details auftreten. Dass die Denkmalpflege hier, wie man so sagt, „Bauchschmerzen“ bekam, ist gut nachvollziehbar.
In den Treppenhäusern ist eine kostentreibende Zusatzinstallation zu sehen, die hierzulande leider omnipräsent nachgerüstet werden muss. Geländer in Altbauten werden von Bauordungsgetreuen generell als zu niedrig eingestuft, simple Erhöhungen genehmigt die Denkmalpflege in der Regel nicht. Dann müssen Geländer zusätzlich gebaut werden, höher und mit zusätzlichen Handläufen obendrein. Das haben Waechter + Waechter in der Stadthalle elegant und formal ansprechend gelöst.
Am Tag der Einweihung fehlten noch zwei wahrnehmungsrelevante Elemente. Zum einen wird saalseitig vor die Glaswand noch ein Vorhang aufgehängt, der auch eine für Künstler angenehme Sichtbarriere zum Umgang bieten kann. Zum zweiten sollen an der Decke zwischen den technischen Gerüsten noch Schallsegel montiert werden, mit denen die Schallwellen zurück Richtung Bühne und Parkett gelenkt werden.
Zur Eröffnung waren die Heidelberger in mehreren Zeitabschnitten mit unterschiedlichen Programmen eingeladen worden – über zweitausend Besucher waren gekommen, um Symphonieorchester, elektronisch verstärktes Quartett oder das Klangforum mit acht Stimmen zu hören. Und gerade bei den „kleinen“ Besetzungen wurde die Idee, Klangsegel nachzurüsten, nachvollziehbar.
Finanzen, Macht und Planungshoheit
Eine solche Sanierung beziehungsweise ein solcher Umbau ist nicht für die anfänglich anvisierten 28 Mio Euro zu haben. Mittlerweile sind die Gesamtkosten auf 57 Mio Euro beziffert, die vollumfänglich von dem Heidelberger „Spender“ Wolfgang Marguerre bezahlt wurden. Wolfgang Marguerre ist musikbegeisterter Besitzer der in der Schweiz ansässigen Pharmafirma Octapharm, sein Gesamtvermögen wurde 2016 mit etwa 6,1 Milliarden US-Dollar angeben.8) Hat Hamburg mit Klaus Michael Kühne – Hamburger, in der Schweiz lebend – einen opernbegeisterten „Förderer“ (siehe Olaf Bartels > hier), freut sich Heidelberg über Wolfgang Marguerre. Zu Recht, denn welche Stadt würde sich nicht freuen, bekäme sie 57 Mio Euro gespendet? Allein, wenn die Spende anwendungsbezogen eingeht, stellen sich hier wie in Hamburg Fragen.
Denn es geht um die grundsätzliche Planungshoheit von Städten und Kommunen. Wäre Wolfgang Marguerre ein Freund von Rennautos, hätte er sein Geld vielleicht dem nahegelegenen Hockenheimring zugute kommen lassen – und die Stadt Heidelberg und ihre Zivilgesellschaft hätten keine sanierte Stadthalle, in der neben Konzerten mit der aufwändigen Hubbühnentechnik Abschlussbälle, Vereinsfeste und wer weiß was gefeiert werden können. Die finanzielle Abhängigkeit kommunaler Investitionen vor allem in Kulturbauten und -projekten ist ein unübersehbares Problem. Denn vom Goodwill privater GeldgeberInnen abhängig zu sein, widerspricht dem breiten Bildungsauftrag der Öffentlichen Hand.
Hier sollen keine falschen Gegensätze konstruiert werden. Vielmehr müssen uns die Schieflagen in der unabhängigen Grundversorgung mit Bildungsangeboten in Musik und Theater, Literatur, Kunst, Jugendarbeit und vielem mehr bewusst sein. Finden Sportveranstaltungen locker Sponsoren in unvorstellbarer Dimension – man denke an den Fußball –, hat es Kultur als Bereich staats- und politkritischer Denkweisen immer schwerer. Die Länder und Kommunen sind in der Pflicht.
Wolfgang Marguerre hat, so ist zu lesen, ein neues „Projekt“. Im Stadtteil Ziegelhausen steht ein ehemaliges Benediktiner-Kloster mit noch sieben Mönchen. Das „Stift Neuburg“ habe Marguerre 2023 gekauft, um es zu einem „Kammermusikcampus“ umzubauen, und dafür habe er das Architekturbüro Albert Speer + Partner aus Frankfurt gewinnen können.9) Es ist keine Frage, dass sich (Kammer-)MusikerInnen über diese Entwicklungen freuen können – und Musikfreunde natürlich auch. Einmal mehr: Bewusst sein muss jedoch, dass die Stadt Heidelberg in ihrer planungshoheitlichen Verpflichtung andere Kulturbereiche in transparenten, gemeinwohlorientierten Verfahren abzuwägen hat. Dauerhafte Folgekosten und Künstlerförderung stehen unseres Wissens weder auf dem Programm von Hans-Michael Kühne noch Wolfgang Marguerre.
Es ließen sich vielleicht kommunale Kulturfonds einrichten, an die Mäzene spenden könnten. Ohne der kommunalen oder regionalen Planungshoheit zuvorzukommen.

Die technischen Installationen unter der Decke werden noch durch Schallsegel ergänzt. Farbiges Licht ist heute (leider) gang und gäbe. Und dazu schweigt die Denkmalpflege, denn wenn sie aus etwa 16 Farbschichten eine Wandfarbe wählen muss, obliegt ihr kein Einfluss mehr auf das farbige Kunstlicht, mit dem anschließend Shows inszeniert werden – oft bar jeden Verstandnisses von Raumformen und -farben. Das war auch am Eröffnungstag so, als auf einmal Rosa dominierte, als käme eine Barbie-Show zur Aufführung. (Bild: Wilfried Dechau)

Stuhlreihen sind relativ einfach vor- und zurückzuschieben, wenn beispielsweise der Konzertflügel in den „Untergrund“ verlagert werden muss. (Bild: Wilfried Dechau)
Bauherr
Stadt Heidelberg und Theater- und Orchesterstiftung Heidelberg vertreten durch GGH mbH Heidelberg
Architekten
Waechter + Waechter Architekten BDA
Akustik
Müller BBM, Planegg
Projektleitung
Gesellschaft für Grund- und Hausbesitz (GGH)
1) Zur digitalen Weiterenwicklung des „Dehio“: https://dehio.org/start
2) Sandra Meireis, Oliver Sukrow, Felix Waechter, Sibylle Waechter (Hrsg.): Stadthalle Heidelberg. Mit Texten von Oliver Sukrow, Felix Waechter, Sibylle Waechter. 80 Seiten, 121 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Kehrer Verlag, Heidelberg 2026. ISBN 978-3-96900-237-7, 28 Euro
3) Zur Entstehungsgeschichte siehe auch: Dagmar Hartmann: Henkenhaf und Ebert. Architekten der Stadthalle in Heidelberg. Bd. XI der Buchreihe der Stadt Heidelberg, hrsg. von Peter Blum. Edition Guderjahn 2004
4) 1903 fand hier bereits das erste Heidelberger Musikfest mit einer Festrede von Thomas Mann statt, siehe Anm. 2, Seite 30 f.
5) Die Stahlkonstruktion des Saalbaus stammte von Reich, Schmidt & Co. aus Neustadt an der Weinstraße, wo auch das heute weltweit operierende Unternahmen Wayss & Freytag gegründet wurde.
6) Gesetzt waren Chipperfield, Delugan Meiss, Rafael Moneo, Bolles + Wilson, Mäckler, Nalbach + Nalbach, Staab Architekten, Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, Joachim Schürmann, Schultes Frank, Arge ssv Jürgen Mayer sowie Bernhardt und Partner.
8) lt. Forbes-Liste, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Marguerre
9) https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/stift-neuburg-kloster-heidelberg-104.html




