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Ein denkmalgeschütztes Bauwerk, ein baukulturell nicht gerade ambitionierter Eigentümer und eine Stadt, die ihre Chancen und Verantwortungen nicht erkennt: Der Strandbahnhof im traditionsreichen und inzwischen sogar „mondänen“ Travemünde offenbart einmal mehr, welchen Schaden fehlendes Interesse und fehlende Pflege anrichten.


Die Romanheldin Tony Buddenbrook fuhr nicht mit der Bahn nach Travemünde, sie wurde in Begleitung ihres Bruders Tom in der Kutsche ihres Großvaters Lebrecht Kröger nach Travemünde gefahren, zur Familie des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf, in der Vorderreihe (Hafenpromenade). »…die Geschwister waren punkt zwei Uhr abgefahren, so würden sie kurz vor vier anlangen, denn wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Kröger’sche Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen« (Thomas Mann: Buddenbrooks, Kapitel 23). Mit dem Zug dauert die Fahrt heute 23 Minuten, aber die Zugverbindung gab es damals noch nicht. Die Lübeck-Büchener Eisenbahn eröffnete 1882 die Bahnstrecke zum Hafenbahnhof Travemünde, 1898 wurde sie dann bis zum Strandbahnhof verlängert. Als Bahnhofsgebäude diente zunächst ein Provisorium aus Holz, das 1911/12 durch den Neubau des Architekten Fritz Klingholz ersetzt wurde. Klingholz (1861-1921) war Baubeamter und Hochschullehrer, er hatte sich auf Bahnhofsbauten spezialisiert und unter anderem den Hauptbahnhof Wiesbaden und den Hauptbahnhof Lübeck gebaut.

Der Strandbahnhofsturm ist ein Wahrzeichen Travemündes und denkmalgeschützt. Doch das scheint nichts mehr zu bedeuten. (Bild: Wilfried Dechau)

Der Strandbahnhofsturm ist ein Wahrzeichen Travemündes und denkmalgeschützt. Doch das scheint nichts mehr zu bedeuten. Oben der Zustand 2008, unten: 2026. (Bild: Wilfried Dechau)

In den Travemünder Uhrenturm wurde 1928 eine nützliche Spielerei eingebaut, an deren Funktion ich mich noch aus frühesten Kindertagen erinnere: Vom Strand aus konnte man nämlich – am Kasino vorbei – auf riesigen Klappziffern ablesen, wann der nächste Zug nach Lübeck fährt. Das war wichtig, wenn man die Heimfahrt nicht vertrödeln wollte.

Die sanierte Bahnhofshalle, 2026 (Bild: Wilfired Dechau)

Die sanierte Bahnhofshalle, als solche noch genutzt, im Jahr 2008. (Bild: Wilfried Dechau)

1991 wurde das Bahnhofsgebäude einschließlich Uhrenturm unter Denkmalschutz gestellt. 2006 wurde das Gebäude aufwändig saniert. Die Kosten (2,3 Millionen Euro) teilten sich DB, Bund, Hansestadt Lübeck, Land Schleswig-Holstein, Possehl-Stiftung und der Gemeinnützige Verein Travemünde. 2012 wurde das hundertjährige Bestehen noch mit einer Sonderausstellung in Herrenwyk gefeiert.

Der Bahnhof wurde zum Trödelmarkt. (Bild: Wilfried Dechau)

Der Bahnhof wurde zum Trödelmarkt. Innen durfte ich 2026 nicht fotografieren, die Bahnhofshalle ist jetzt „privat“. (Bild: Wilfried Dechau)

Die Stadt bedauert, nicht mitgeboten zu haben

Doch von da an ging’s bergab. 2015 kündigte die Bahn den Verkauf des Gebäudes an. Begründet wurde er mit der (angeblich) schlechten Lage und der damit verbundenen Schwierigkeit, Mieter für Läden und Restaurants zu finden. Ein Lübecker Pilot hat das Gebäude ersteigert. Er gab an, das Gebäude gastronomisch nutzen und Mieter für Läden suchen zu wollen. Die Hansestadt Lübeck hatte es noch nicht einmal für nötig befunden, überhaupt ein Gebot abzugeben. Und bedauert im Nachhinein, nicht mitgeboten zu haben. Eigentlich: ein Skandal.
Seitdem verlottert das Gebäude. Die Bahnhofshalle wurde zum Trödelmarkt, und vor dem Eingang stehen Klamotten-Ständer und Leihfahrräder herum. Und die Bahn setzt noch eins drauf, indem sie das zweite, nicht mehr benutzte Gleis seit Jahren verwildern lässt. Seit beinahe zwanzig Jahren habe ich den Niedergang des Bahnhofs fotografiert. Die nicht mehr funktionierende Abfahrtsanzeige setzt dem Ganzen nun die Krone auf. Um fünf Minuten vor zwei Uhr sagt die Anzeige, der nächste Zug nach Lübeck fahre um 20.24 Uhr. Das ist natürlich Quatsch. Die Anzeige ist einfach stehen geblieben. Und niemand fühlt sich dafür verantwortlich. Ein Trauerspiel.

Der Strandbahnhof ist in Betrieb. Pflege? Sauberkeit? Aufenthaltsqualität? Fehlanzeigen! (Bild: Wilfried Dechau)

Der Strandbahnhof ist in Betrieb. Pflege? Sauberkeit? Aufenthaltsqualität? Fehlanzeige! Schon 2008 war das aufgegebene Gleis verlottert. (Bild: Wilfried Dechau)