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Die Kritik am Wirtschaftswachstumswahn nimmt zu. Vor Jahrzehnten schon waren die „Grenzen des Wachstums“ jenen, die sie nicht bewusst ignorierten, bekannt. Inzwischen springen die Wachstumsorgien nicht nur in gewaltigen Wohnlandschaften fürs Innere, sondern auch in Accessoires des Wohnens draußen ins Auge.


Alles nimmt zu. Wachstum ist eine Zielvereinbarung des Kapitalismus. Ein Beispiel ist die durchschnittliche Wohnfläche pro Person, die sich in Deutschland in den letzten 50 Jahren verdoppelt hat. Fläche ist zunächst ein abstrakter Begriff, er lässt sich nicht eindeutig lesen. Aber es gibt zahllose Dinge an unseren Häusern, die das unaufhaltsame Wachstum demonstrieren. Bereits am Eingang setzen sie neue Maßstäbe.

Briefschlitz an einem Haus von Nikolaus Bienfeld (Bild: Ursula Baus)

Briefschlitz an einem Haus von Nikolaus Bienefeld (Bild: Ursula Baus)

Betrachten wir die Briefkästen. Früher reichten dafür klappenbewehrte Schlitze in der Haustür oder in der Außenwand, etwas weniger komfortabel die winzigen Kästchen aus gehämmertem Blech, die man an den Gartenzaun hängen konnte. Darin hatten eine Ansichtskarte und ein Briefkuvert Platz. Ein wenig aufregend war es immer, wenn tatsächlich etwas drinsteckte. Inzwischen sind die Postkästen in Etappen immer größer geworden. Zwar schreibt kaum mehr jemand einen Brief, aber die täglichen Werbeaussendungen und vor allem die im Internet bestellten Artikel sollen sicher und unbeschädigt abgelegt werden. Man kann sagen: Hier ist noch Luft nach oben, künftig wird man schleusenartige Warenannahmeschränke in den Eingängen vorsehen.

Auch der Hausmüll verlangt ein Umdenken. Nachdem die Ascheneimer mit dem typischen Bügeldeckel von der Mülltonne abgelöst wurden, reagierten die Architekten mit in die Außenanlagen integrierten Nischen und Verschlägen oder separaten, vornehmlich aus Waschbeton hergestellten bunkerfesten Gehäusen. Da Größe und Anzahl der obligaten, nun als Wertstoffbehälter deklarierten Abfalltonnen zunahmen, patrouillieren inzwischen farbige Container die Hauseingänge. Die leerstehenden ehemaligen Mülleimerverschläge ließen sich jetzt als Postbehälter verwerten – nur so eine Idee.

Garage angebaut, zu großes Auto gekauft, Vorgarten zugepflastert: Baukultur, wenn man den Bürger und die Bürgerin machen lässt... (Bild: Ursula Baus)

Garage angebaut, zu großes Auto gekauft, Vorgarten zugepflastert: Baukultur, wenn man den Bürger und die Bürgerin machen lässt… (Bild: Ursula Baus)

Ein letzter Blick gilt den Garagen, oft als niedliche Gebäude mit Segmentbogen über einem massiven Flügeltor errichtet, später im Wohnhaus als beheizter Stellplatz domestiziert, nehmen sie heute Gartengeräte, Fahrräder oder vorübergehend den Hausrat der geschiedenen Tochter auf. Unsere wüstentauglichen, adipösen Geländewagen passen nicht mehr hinein. Die stehen fordernd in der Einfahrt und zeigen uns, dass wir zu klein gedacht haben.

Nur der Garten ist zu groß. Drum wird er zugeschottert, damit er keine Arbeit macht.