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Marktgeschrei (22) | Probleme und Diskurse – und irreführende Nebengeräusche dazu. Geht es derzeit nur ums Klima? Sicher nicht. Aber das Thema beunruhigt die sogenannten breiten Schichten der Bevölkerung – und die Architekten sind ganz vorne dabei.
(Bild: Ursula Baus)


Greta Thunberg hat mit ihrer Freitagsinitiative etwas angerichtet, was sie gar nicht beabsichtigte: Man erfährt durch die Reaktionen, den bösen und unverschämten, was in den Menschen steckt, aus denen die Weltgesellschaft besteht.

Greta Thunberg (*2003) (Bild: wikipedia, Creative Commons)

Greta Thunberg (*2003)
(Bild: wikipedia, Creative Commons)

Experten und Stammtische

Erstaunlich, wie viele sich mit den Themen Umwelt und Energie auf einmal auseinandersetzen, sich auf Zahlen stützen, sie verbreiten und dadurch scheinbar Fakten bestätigen. Auf einmal sind wir von Experten umgeben, die wissen, dass das bisschen selbst gemachtes Kohlendioxid in der Atmosphäre uns nichts anhaben kann. Und anderen, die damit das Eintreffen der Apokalypse kalkulieren. Jeder ahnungslose Trottel kann den viralen Meinungsbrei vervielfältigen, und schon bleibt davon etwas Zitierfähiges hängen.
Stammtischgespräche haben eine neue Dimension erreicht. Vor einigen Jahrzehnten balancierten wir uns durch die Politik, hantierten mit Klassengesellschaft, Arbeiterbewegung und Monopolkapitalismus, jetzt bräuchte man statt politischer Ökonomie naturwissenschaftliche Kenntnisse, um die Welt zu retten. Nicht nur die Produktionsverhältnisse.
Zum Glück kommen wir noch jedes Mal unversehrt aus der Kneipe. Man spürt die Klimakatastrophe noch nicht am eigenen Leib. Jeder hat sich etwas zurechtgelegt, wie er sich mit seinem Halbwissen für die Zukunft einrichten kann. Aber kaum haben wir einen Ausweg aus dem Untergangsszenario gefunden, eine Lösung für Mobilität, Energie und Müll, finden wir einen Zeitungsartikel, der die scheinbaren Alternativen Lügen straft.

Eigentlich funktioniert gar nichts richtig

· Die PV-Paneele auf den Ziegeldächern haben uns noch nie gefallen, jetzt heißt es auch noch, wenn es brennt, kann die Feuerwehr nicht löschen, weil sich der Stromkreis nicht unterbrechen lässt.

· Bei den Windrädern hakt es an den Leitungstrassen, die niemand vor seiner Haustür sehen will, außerdem lassen sich Betonfundamente und GFK-Rotorblätter nicht verwerten.

· Ebenso ist der Umstieg von Braunkohlemeilern auf Gas betriebene Kraftwerke keine saubere Lösung, da bei der Gewinnung und dem Pipeline-Transport Methan in die Atmosphäre gelangt. Seine Treibhauswirkung ist fünfundzwanzigmal stärker als die von Kohlendioxid.

· Über den Hype der E-Mobilität lacht inzwischen jedes Kind. Davon abgesehen, dass das Auto selbst ein antiquiertes (aber zugegeben: komfortables) Fortbewegungsmittel bleibt, sind die Batterien das Problem. Ihre Herstellung benötigt Lithium, Kobalt, Mangan und Nickel, außerdem unvorstellbare Mengen an Wasser. Entsorgen kann man sie auch nicht, weil die Hersteller ihre Chemie geheim halten. Wenn sie in Brand geraten, sind sie nicht zu löschen. Und woher der grüne Strom kommen soll, weiß auch niemand.

Jede Woche wird unsere trotzige Gewissheit auf eine neue Probe gestellt. Es ist wie mit dem Beipackzettel einer lebensrettenden Arznei: Wenn man den liest, möchte man angesichts der möglichen Nebenwirkungen lieber darauf verzichten. Die Bundesregierung hat ihre Klimaziele in einem sogenannten Eckpunktepapier festgehalten. Alle Maßnahmen sollen die Opfer bei Bürgern und Wirtschaft möglichst gering halten. Vermutlich ist das der Fehler: das Trugbild, uns komfortabel und ohne Verluste in eine saubere Zukunft zu bewegen.

Julius Posener (1904-1996) beim Vortrag (Bild: Archplus, Oktober 1981)

Julius Posener (1904-1996) beim Vortrag (Bild: Archplus, Oktober 1981)

Wachstum schädigt Wohlstand

Vor zwanzig Jahren hat ein kluger alter Mann darauf hingewiesen, „in welchem Maße die liebe Arbeit, welche die Arbeitsplätze schafft, der Zerstörung der Welt dient“. Es war Julius Posener, der den Fetisch „Wachstum“ in Frage gestellt und daran erinnert hat, dass wir heute beschönigend von Umwelt sprechen, wenn wir die Welt meinen, die zugrunde geht. „Denn ,Umwelt’ macht die Sorge, die uns nicht loslässt, ein wenig niedlicher und darum erträglicher, macht es, mit einem Worte, angenehmer, dieser Sorge ins Gesicht zu sehen, weil man ihr eben nicht ins Gesicht sieht.“

So betrachtet, hat uns Greta mitten in die große Politik gestürzt. Beim 15. BDA-Tag in Halle wurde ein kluges Resümee formuliert: Das Haus der Erde. Es fordert einen Abschied von unserer „westlichen Lebenseinstellung, alles jederzeit machen und haben zu können“. Es muss vorbei sein mit der „Kombination aus milder Zerknirschung, Besorgnis um den eigenen Status und mangelndem Mut für eine radikale Änderung unserer Lebenswirklichkeit, die immer noch von Wachstumsgedanken getrieben wird“.

Nicht auszuschließen, dass wir diesmal mehr erreichen als vor vierzig Jahren im Kampf an der Seite der Arbeiterklasse.