Aufgrund der Verstrickungen von Thomas Pritzker in den Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein geriet der wohl wichtigste Architekturpreis der westlichen Welt in den letzten Wochen in die Kritik. Nun hat die Jury überraschend schnell dennoch einen aktuellen Preisträger benannt: Smiljan Radić Clarke.
Es ist noch keine vier Wochen her, als die Hyatt-Foundation Ende Februar gegenüber der New York Times bekanntgab, die Verleihung des von ihr gestifteten Pritzker Architekturpreises würde in diesem Jahr später erfolgen als gewohnt.[1] Der Preis trägt den Namen der Familie, die ihn gestiftet und ihr Vermögen unter anderem mit dem Betrieb der Hyatt-Hotels gemacht hat. Jay A. Pritzker und seine Ehefrau Cindy hatten die Auszeichnung auf Anregung von Carleton Smith Ende der 1970er-Jahre ins Leben gerufen. Aufgrund der Verwicklungen ihres Sohnes Thomas Pritzker in den Fall Epstein war der Preis in die Schlagzeilen geraten und sieht sich seitdem einiger Kritik ausgesetzt.[2] Thomas Pritzker hatte als Vorsitzender der Hyatt-Foundation den Preis in den letzten Jahren stets an die Ausgezeichneten übergeben.
Oben: Smiljan Radić Clarke, Pite Haus, Papudo, Chile 2005, Bilder: Cristobal Palma und Hisao Suzuki
Unten: Smiljan Radić Clarke, Haus für das Gedicht vom rechten Winkel, Vilches, Chile 2013, Bilder: Smiljan Radić und Gonzalo Puga
Wer infolge der Äußerungen gegenüber der New York Times auf eine Zeit der Besinnung, Einkehr und tiefgreifender Reflexion spekuliert hat, sieht sich nun mindestens überrascht. „Später als gewöhnlich verliehen“ heißt in diesem Fall offenkundig: ziemlich genau eine Woche später als üblich[3]. Von Reflexion keine Spur, von der vielfachen namentlichen Nennung Pritzkers in den „Epstein-Files“ kein Wort. Stattdessen Business as usual. Das bringt den Ausgezeichneten nicht nur in eine ausweglose Lage, sondern ist zudem ein abermals gruseliger Beleg für das Zeitalter der Konsequenzlosigkeit, in dem wir zu leben scheinen.
Zeitalter der Konsequenzlosigkeit
Während Mona Sahlin nach der sogenannten „Toblerone-Affäre“ Mitte der 1990er-Jahre noch als stellvertretende schwedische Ministerpräsidentin zurücktrat[4] und nicht zur Wahl der Premierministerin antrat, bei der sie als aussichtsreichste Kandidatin galt, können amtierende US-Präsidenten davon schwadronieren, Frauen „an die Muschi zu grabschen“,[5] selbst häufiger in den Epstein-Files genannt werden, als Gott in der Bibel[6] oder Kriege ohne Rücksicht auf Verfassung[7] oder Völkerrecht[8] führen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Während Gregor Gysi infolge der „Bonusmeilen-Affäre“[9] 2002 noch von seinem Amt als Wirtschaftssenator Berlins zurücktrat, scheint ein Tennisspiel während großflächiger Stromausfälle in der Bundeshauptstadt und die dem nachfolgende miserable Informationspolitik[10] heute kein Grund für Konsequenzen für den regierenden Bürgermeister Berlins zu sein.
Oben: Smiljan Radić Clarke, Teatro Regional del Bío-Bío, Concepción, Chile 2018, Bilder: Iwan Baan und Hisao Suzuki
Unten: Smiljan Radić Clarke, Ausstellungs- und Veranstaltungsraum „Guatero“ im Rahmen der 22. Chilenischen Architekturbiennale, Santiago, Chile 2023, Bilder: Cristobal Palma und Smiljan Radić
Und so scheinen auch die gewichtigsten Hinweise auf die Verstrickung desjenigen, der den vermeintlich wichtigsten Architekturpreis der westlichen Welt übergibt, und dessen Name der Preis trägt – „The Pritzker Architecture Prize“ –, zu keinen nachvollziehbaren Konsequenzen zu führen. Das bringt nun den ausgezeichneten Architekten Smiljan Radić Clarke in die Bredouille. Sein Werk beschreibt die Jury um ihren Vorsitzenden Alejandro Aravena mit den Worten: „Mit einem Werk, das sich an der Schnittstelle von Ungewissheit, materiellem Experimentieren und kulturellem Gedächtnis positioniert, zieht Smiljan Radić die Zerbrechlichkeit jedem ungerechtfertigten Anspruch auf Gewissheit vor. Seine Gebäude wirken provisorisch, instabil oder bewusst unvollendet – fast schon am Rande des Verschwindens –, bieten jedoch einen strukturierten, optimistischen und stillen, freudvollen Schutzraum, der die Verletzlichkeit als einen wesentlichen Bestandteil der gelebten Erfahrung annimmt.“[11]
Der Architekt in der Zwickmühle
Ob das Werk des chilenischen Architekten wirklich derart bemerkenswert und damit dem einst so hochangesehenen Preis würdig ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Doch wie soll sich Radić Clarke nun verhalten? Lehnt er den Preis ab, verzichtet er auf die bis vor kurzem höchste Weihe des Berufsstandes. Nimmt er ihn an, ist er der Architekt, der allen Einwänden und Erkenntnissen zum Trotz eine Auszeichnung akzeptiert, deren Name für das Gebaren eines männlichen Machtnetzwerks steht, das dank Milliarden auf den Konten und damit finanzierter Anwälte glaubt, schalten und walten zu können, wie es ihm beliebt. Schließlich ist auch das, neben all der Konsequenzlosigkeit, ein Zeichen unserer Zeit: Männer tun das, was sie wollen, während die einzige, bis heute im Fall Epstein verurteilte Person, eine Frau ist.[12]
Oben: Smiljan Radić Clarke, Kunst- und Kulturzentrum „NAVE“, Santiago, Chile 2015, Bilder: Cristobal Palma
Unten: Smiljan Radić Clarke, Restaurant „Mestizo“, Santiago, Chile 2006, Bilder: Gonzalo Puga
Wie auch immer sich Radić Clarke dazu verhält, dass die Hyatt-Foundation sich eben nicht zu den im Raum stehenden Anschuldigungen verhält, wird mindestens dem Werk des Preisträgers nicht gerecht, dem Gerechtigkeitsempfinden Vieler aber ebenso wenig und den Opfern von sexueller Ausbeutung erst recht nicht. An dieser misslichen Lage ist nicht der Architekt schuld, der just von der Jury so überraschend früh benannt wurde. Doch dass Smiljan Radić Clarke nun mit einem der wichtigsten Architekturpreise der Welt ausgezeichnet und damit suggeriert wird, man könne einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, ist ein Problem.
Smiljan Radić Clarke, Weingut „Vik Millahue“, Millahue, Chile 2013, Bilder: Cristobal Palma
[1] https://www.nytimes.com/2026/02/23/arts/design/pritzker-prize-epstein-architecture.html; Seitenaufruf 19.03.2026
[2] Siehe u.a.: https://www.marlowes.de/so-nicht/; Seitenaufruf 19.03.2026
[3] “The Pritzker Architecture Prize announces Smiljan Radić Clarke, of Santiago, Chile, as the 2026 Laureate of the Pritzker Architecture Prize, the award that is regarded internationally as architecture’s highest distinction.”, https://www.pritzkerprize.com/media-news#page-2796; Seitenaufruf 19.03.2026
[4] Vrgl.: https://nordstjernan.com/news/sweden/5348/ und https://en.wikipedia.org/wiki/Mona_Sahlin; Seitenaufruf 19.03.2026
[5] Trump: “Grab them by the pussy. You can do anything.” Vrgl. u.a.: https://www.bbc.com/news/election-us-2016-37595321; und i.b.: https://www.youtube.com/watch?v=WhsSzIS84ks; Seitenaufruf 19.03.2026
[6] Moskowitz: „Wir wissen jetzt, er taucht häufiger als Gottes Name im Buch über Gott auf; also in Trumps Bibel.“: https://www.n-tv.de/politik/Trumps-Name-haeufiger-in-Epstein-Akten-als-Gott-in-Bibel-id30353306.html; Seitenaufruf 19.03.2026
[7] Siehe u.a.: https://www.zdfheute.de/politik/ausland/usa-iran-angriff-kongress-trump-100.html und https://www.spiegel.de/ausland/iran-us-demokraten-kritisieren-regierung-von-donald-trump-fuer-unnoetigen-krieg-a-6480ced9-c97d-40a9-85f1-07ad25ac0362; Seitenaufruf 19.03.2026
[8] „Völkerrechtler wie Kai Ambos von der Universität Göttingen sehen sie durch den Angriff Israels und der USA auf den Iran verletzt. Er bewertet die Militärschläge als Verstoß gegen das Gewaltverbot der Charta, denn Artikel 2 verbietet den 192 Mitgliedsstaaten die Androhung oder Anwendung von Gewalt. Diese Einschätzung teilt auch Franz Meier, Professor für öffentliches Recht und Völkerrecht an der Universität Bielefeld.“: https://www.deutschlandfunk.de/voelkerrecht-krieg-nahost-israel-iran-usa-100.html; Seitenaufruf 19.03.2026
[9] Vrgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bonusmeilen-Aff%C3%A4re und https://www.spiegel.de/politik/deutschland/flugaffaere-auch-gysi-nutzte-dienstliche-bonusmeilen-privat-a-207264.html; Seitenaufruf 19.03.2026
[10] „Kai Wegner steht unter Druck, weil er während des Stromausfalls Tennis spielte.“: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wegner-unter-druck-tennisspiel-waehrend-des-berliner-blackouts-110815902.html; siehe auch: https://www.tagesspiegel.de/berlin/weil-ich-einfach-den-kopf-freikriegen-wollte-kai-wegners-zweite-luge-zum-stromausfall-15343645.html; Seitenaufruf 19.03.2026
[11] “Through a body of work positioned at the crossroads of uncertainty, material experimentation, and cultural memory, Smiljan Radić favours fragility over any unwarranted claim to certainty. His buildings appear temporary, unstable, or deliberately unfinished—almost on the point of disappearance—yet they provide a structured, optimistic and quietly joyful shelter, embracing vulnerability as an intrinsic condition of lived experience.” https://www.pritzkerprize.com/media-news#page-2796; Seitenaufruf 19.03.2026
[12] Am 29. Dezember 2021 wurde Ghislaine Maxwell in fünf von sechs Anklagepunkten schuldig gesprochen: https://www.theguardian.com/us-news/2022/jan/15/ghislaine-maxwell-to-be-sentenced-in-new-york-in-late-june; Seitenaufruf 19.03.2026





















