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Allenthalben entsteht Architektur. Mal bessere, mal schlechtere. Wie aber finden Architekt:innen den Weg zur Idee und von dort zum fertigen Gebäude? So mannigfaltig, wie sich die gebaute Umwelt in Stadt und Land als Angebot den Nutzenden gegenüber darstellt, so vielfältig sind die Entwurfsfindungen und Inspirationsquellen der Entwerfenden. Drei Empfehlungen zum Blättern, Schauen und Lesen.

Meditations in Entropy. The Work of Kashef Chowdhury / URBANA, hrsg. von Kashef Chowdhury, 518 S., 406 farb. und 650 s/w-Abb., Park Books, Zürich 2025, 58,– Euro, ISBN 978-3-03860-329-0

Meditations in Entropy. The Work of Kashef Chowdhury / URBANA, hrsg. von Kashef Chowdhury, 518 S., 406 farb. und 650 s/w-Abb., Park Books, Zürich 2025, 58,– Euro, ISBN 978-3-03860-329-0

Mit Entropie wird das Maß für Unordnung in einem System beschrieben – und damit die Anordnungsmöglichkeiten der Teilchen in eben diesem System. So wird etwa beim Schmelzen von Eis die geordnete Eiskristallstruktur in einen ungeordneteren, flüssigen Zustand überführt, die Entropie nimmt zu. Der aus Bangladesch stammende Architekt Kashef Chowdhury hat nun das von ihm selbst herausgegebene Buch über die Arbeiten des eigenen Büros Urbana mit „Meditations in Entropy“ überschrieben, was gleichermaßen als Meditationen in wie über eben jene Entropie übersetzt werden kann. 1995 gründete Chowdhury das eigene Büro Urbana gemeinsam mit Marina Tabassum in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Den meisten Kenner:innen der Szene dürfte Urbana spätestens mit dem Bau des Friendship Centres in Gaibandha ein Begriff sein, wurde der labyrinthisch aufgemauerte Bau mit seinen gras-bewachsenen Dächern doch mit dem Aga Khan Award for Architecture ausgezeichnet und vielfach publiziert.

Nun liegt im Zürcher Verlag Park Books die erste Monografie über die Arbeit von Kashef Chowdhury und Urbana vor: 18 realisierte Bauten trägt sie zusammen, atmosphärisch fein eingefangen in Fotografien von Hélène Binet, dokumentiert mit vielen Plänen, Zeichnungen und Skizzen. Dazu kommen Texte von Kenneth Frampton, Robert McCarter, William J. R. Curtis, Philip Ursprung und – vielleicht am interessantesten – von Ainun Nishat, der als Wasserbau-Ingenieur tätig ist. Denn, das ist der rote Faden des Buchs, der Klimawandel steht in Chowdhurys Heimat „nicht mehr zur Debatte, er ist die wahre, monströse Realität von Bangladesch“, so der Architekt.

Der Klimawandel ist es, der eine Vielzahl von systemischen Zusammenhängen in Unordnung gebracht hat, in dieser Entropie gilt es mittels Architektur ein würdiges Leben für die Spezies Mensch zu ermöglich. Was von der aktuellen US-Regierung und neurechten Spinnern hierzulande negiert wird, bekommt an jenen Orten, an denen die im Buch publizierten Gebäude errichtet wurden, eine gänzlich andere Dringlichkeit. Schutzräume gegen Fluten und Regen, dezentrale Krankenhäuser, Moscheen als kühle Rückzugsräume in hochverdichteten Städten: Zwischen Bewahrung kultureller Identität und erzwungenen Anpassungen an den Klimawandel entwickeln Chowdhury und sein Team seit 30 Jahren Architekturen, die sich nicht gegen die Entropie stellen, sondern Teil eines transformativen Prozesses sind.



Tom Neville, Simon Henley und Gavin Hale-Brown: Henley Halebrown. Building for Society 2010–2022, 336 S., 280 farb. und 50 s/w-Abb., Lund Humphries, London 2025, ca. 70,00 Euro, ISBN 978-1-84822-747-7

Tom Neville, Simon Henley und Gavin Hale-Brown: Henley Halebrown. Building for Society 2010–2022, 336 S., 280 farb. und 50 s/w-Abb., Lund Humphries, London 2025, ca. 70,– Euro, ISBN 978-1-84822-747-7

Auch Simon Henley und Gavin Hale-Brown haben ihr gemeinsames Architekturbüro 1995 gegründet. Nun liegt eine handwerklich ebenso schöne wie inhaltlich überzeugende Monografie über die Arbeiten der beiden vor. Schon ihr Titel macht klar, wie Henley und Hale-Brown ihr Wirken einordnen: „Building for Society 2010–2022“ – Bauen für die Gesellschaft. In dem einleitenden Interview umreißt Simon Henley, dass die Sensibilität für Ort und Umwelt, die die Arbeiten des Londoner Büros auszeichnet, etwas ist, dass er und Hale-Brown eher auf Reisen und durch Beobachtungen aufgesogen haben, als dass es universitär erlernt wäre: Japanische Architektur und Projekte von Carlo Scarpa, die Gavin Hale-Brown durch Arbeitsaufenthalte und auf Reisen kennenlernt, sind dabei ebenso prägend wie die weiten Landschaften des mittleren Westens der USA, die Simon Henley während des Studiums bereist.

Zwölf Projekte zeigt das Buch: Wohnhäuser genauso wie Gewerbe- und Bildungsbauten, Neu- und Umbauten. Sie zeugen davon, wie intensiv sich Henley, Hale-Brown und ihr Team mit den späteren Nutzer:innen auseinandersetzen, auch, um diese in einem mitunter langen Prozess für die Geschichte des Ortes zu sensibilisieren. Durch dieses Miteinander entstehen eine Basis gemeinsamer Werte und damit Gebäude, die auf Kultur und Klima gleichermaßen antworten. Es sind Bauwerke, die bei den Nutzenden eine Form der Zuneigung erzeugen, aufgrund derer sie gepflegt und damit wertgeschätzt werden.

Wir sehr Architekturmachen dabei mit Reflexion zu tun hat, wird durch den Aufbau des Buchs deutlich. Nicht nur, weil die Projekte von externen Autor:innen in Kritiken beschrieben und eingeordnet werden, sondern weil immer wieder auch Texte von Simon Henley selbst abgedruckt sind. In ihnen beschäftigt sich der Architekt mit der Architektur anderer und wird in dieser Reflexion zum Theoretiker der eigenen Praxis. Ganz wunderbar liest sich beispielsweise der Text „On Not Living in a Victorian Terrace House“ über das Leben in der Wohnsiedlung „Alexandra Road“ im Londoner Stadtteil Camden. 1968 von Neave Brown entworfen und 1978 fertiggestellt, ein Paradebeispiel des Brutalismus, ist die Siedlung für den Autor Anlass, die eigene Arbeit zu hinterfragen. Architektonische Antworten geben dann immer wieder die abgedruckten Projekte. Ihnen sieht man den Impetus an, mit dem sie entworfen wurden, und den Gavin Hale-Brown mit folgendem Ziel umreißt: „Gebäude sollten sich mit dem Alter weiterentwickeln, behütet durch gemeinsame Erfahrungen und Erinnerungen.“ Dieses Potenzial räumen die Architekturen von Henley Halebrown der Stadt, den Menschen und damit sich selbst stets ein.



 

Tadao Ando. Sketches, Drawings, and Architecture, 294 S. zahlr. Abb., Hardcover, Deutsch, Englisch, Französisch, Taschen, Köln 2025, 150,– Euro, ISBN 978-3-8365-8601-6

Tadao Ando. Sketches, Drawings, and Architecture, 294 S. zahlr. Abb., Hardcover, Deutsch, Englisch, Französisch, Taschen, Köln 2025, 150,– Euro, ISBN 978-3-8365-8601-6

Dass Tadao Andō als „Meister des Schattens und Lichts“ und – klar – des Betons gilt, ist in der Architekturrezeption etwas abgegriffen. Der Kölner Taschen Verlag hat nun ein Buch vorgelegt, das diese zur Plattitüde zu verkommen drohende Feststellung durch eine mediale Fokussierung auf die Zeichnung angemessen fundiert und mit neuem Leben füllt. Auf fast 300 Seiten trägt die opulente Publikation 750 Skizzen und Zeichnungen sowie Modelle und technische Pläne des japanischen Architekten zusammen und macht so deutlich, wo die atmosphärisch dichten Raumschöpfungen Andōs ihren ideengeschichtlichen Ursprung nehmen.

Nach einem Vorwort des Architekten, das man getrost überlesen kann, geht es los mit Reiseskizzen aus den Jahren 1976 bis 1986: Japan, Frankreich, Türkei und mehrfach Indien besucht der junge Andō. Die schnell hingeworfenen Skizzen mit schwarzem Strich erhalten ihren Reiz durch die feine Kolorierung mit Buntstiften, die den Blättern eine erstaunliche Tiefe geben. Wer die groben Zeichnungen früherer Ando-Publikationen vor Augen hat – häufig mit rotem, dickem Strich abgedruckt – , ist hier erstmals überrascht. Es folgen Skizzen zu Projekten, zunächst 1975 bis 1979, dann im Zehnjahresrhythmus und schließlich von 2000 bis heute. Angefangen bei dem immer noch eindrücklichen Erstlingswerk, dem „Row House in Sumiyoshi“ in Osaka (1975–1976), reicht die Folge über die Rokko Housings in Kobe (1978–1983, 1985–1993, 1992–1999) oder die „Church one the water“ in Yufutsu-Gun (1985–1988) bis zu den großen Museumsprojekten der 1990er- und „Nuller“-Jahre.

Schnelle und bunte Skizzen zur Ideenfindung treffen hier auf präzise Schnitt- und Grundrisszeichnungen, die die mitunter so eindrückliche Licht- und Schattenwirkung der Gebäude vorwegnehmen. Dazu kommen feine, isometrische Strichzeichnungen, die, zunächst als Handzeichnung und später aus dem Computer, als Mittel der Präsentation dienen. All das wird stets eingeleitet von einer kurzen Projektbeschreibung Andōs. Zahlreiche Fotos binden die skizzierte und gezeichnete Ideenwelt in die gebaute Wirklichkeit zurück. Den Abschluss des Prachtbandes bildet ein Werkverzeichnis mit Schwarzweiß-Fotografien und einer kurzen Biografie des Architekten. So ist hier nicht nur eine Entwicklung des Mediums Zeichnung im Laufe der Zeit abzulesen, sondern auch die atmosphärische Wirkmacht dieser alten und immer wieder neuen Kulturtechnik.